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Anders, aber genauso wertvoll. Über erste Inklusionserfolge in Indien

29/11/2014 08:47 CET | Aktualisiert 29/01/2015 11:12 CET

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Visvanathans Schulklasse in Chinnapillyur.

Inklusion in Indien

Es ist heiß und trocken im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Srinivasan Raja und seine Frau kommen von der Arbeit in der Ziegelfabrik zurück. Die Sonne geht bald unter, und Sohn Visvanathan Raja wartet in der Schule. Heute holen ihn die Eltern ab.

Visvanathan ist anders als die anderen Kinder. Er hat eine Fußdeformation. Es ist genau diese Verkrüppelung an seinem linken Fuß, die ihn anders macht. Als er kleiner war, litt er unter der Fehlstellung. Doch seit er die Grundschule in Chinnapillyur besucht, geht es ihm viel besser. "Inklusion ist bei uns ein wichtiges Thema", sagt Klassenlehrerin Rukumani Devi.

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Die Schule setzt bei Kindern mit Behinderungen auf Integration. Darauf ist die Klassenlehrerin stolz. Denn sie weiß, dass Visvanathans Eltern ihren Sohn lieber zu Hause behalten hätten, wäre die Schule als Vorreitermodell nicht so bekannt gewesen.

Auch für die Lehrer ist es motivierend, in einer Schule zu arbeiten, die wegweisend für Südindien ist. "Viele Lehrer haben früher Kinder mit Behinderungen nicht in ihrer Klasse akzeptiert. Aber mit entsprechender Aufklärung und Bewusstseinsbildung hat sich viel getan."

In der Tat: Visvanathan und seinem taubstummen Freund Krishnamorthy gefällt es in der Schule. Die Lehrerin erzählt von einigen Schülern mit geistigen Behinderungen und deutet auf ihre Plätze. "Schade, heute sind sie nicht hier." Die Lehrer arbeiten gerne mit ihnen zusammen, denn der Unterricht macht den Kleinen viel Spaß. "In unserer Schule haben sie das Gefühl, dass sie ernst genommen werden."

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Visvanathan und sein Freund Krishnamorthy auf dem Schulweg.

Der späte Sohn

"Wir haben ein besonderes Augenmerk auf diese Schule", sagt DAHW-Repräsentant Jayaraman Ravichandran. "Hier werden auch die Kinder von Lepra-Patienten unterrichtet. In Chinnapillyur und im angrenzenden Tharamangalam unterstützen wir die Integration von Menschen mit Behinderungen", ergänzt er. Als Bestätigung seiner täglichen Arbeit und des großen Einsatzes der DAHW sieht Ravichandran die positive Entwicklung ehemaliger Leprapatienten.

Visvanathans Vater Raja erzählt, dass er eine schwierige Zeit hinter sich hat. In Indien wird von einer Ehefrau erwartet, kurz nach der Hochzeit schwanger zu werden. "Ja, so ist es tatsächlich", bemerkt Devi leise, "normalerweise suchen sich die Männer eine andere Frau, falls ihre kinderlos bleibt."

Doch Raja blieb bei seiner Frau. 20 Jahre lang. Sie hatten die Hoffnung schon aufgegeben. Endlich wurde sie schwanger. "Wir konnten unser Glück kaum fassen", betont Raja heute. "Uns wurde ein Sohn geboren - Visvanathan." Trotz der Behinderung liebten ihn seine Eltern von Anfang an.

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Visvanathans Zuhause mit Eltern und Nachbarskindern.

Zweimal pro Monat kommen Sozialarbeiter an die Schule. Die Lehrer erhalten von ihnen Schulungen zum Umgang mit Kindern mit Behinderungen. Dabei wird auch kontrolliert, ob die Kinder regelmäßig zur Schule kommen und die Lehrer sich ausreichend um sie kümmern können.

"Wir haben Kinder mit Sehschwäche an der Schule. Wir sorgen dafür, dass sie nahe an der Tafel sitzen, um den Unterricht gut verfolgen zu können." Noch sei nicht alles perfekt. "Wir kümmern uns darum, dass dieses Programm in Zukunft immer besser wird", sagt Ravichandran.

Wegweisend für die Zukunft

Er weiß, dass die DAHW mit ihrem Engagement für diese Menschen auf dem richtigen Weg ist. Denn wenn diese Kinder nicht die Möglichkeit hätten, am inkludierenden Schulprogramm teilzunehmen, würden sie einfach zuhause bleiben.

"Die Eltern waschen ihre Kinder und ziehen sie sorgfältig an. Sie geben ihnen auch zu essen mit. Und vor allem, die Kinder werden nun von den Nachbarn gegrüßt. Das ist ein großer Fortschritt", sagt die Schulleiterin.

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Der Vater freut sich. Jetzt werden Kinder wie Visvanathan auch von den Nachbarn gegrüßt.

Ravichandran sieht, dass diese Entwicklung wegweisend für die Zukunft ist. "In der nächsten Generation wird die Diskriminierung gegenüber Behinderten abnehmen. Das Gefühl, seine Mitmenschen nicht akzeptieren zu wollen, wird vorbei sein. Dieses System bringt einen sozialen Wandel mit sich."

Der kleine Visvanathan nimmt die Hand seines Vaters. "Und später möchte ich mal Polizist werden", sagt er schüchtern. "Damit ich ganz vielen Menschen helfen kann!" Dann geht die Familie nach Hause, denn die Mutter will das Abendessen kochen. Klassenlehrerin Rukumani Devi winkt ihnen noch lange nach. Dabei lächelt sie.

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Polizist möchte Visvanathan später einmal werden. Dafür lernt er fleißig.

Fotos: Bernd Hartung / DAHW

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