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Hat Roomin-in nur Vorteile?

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BIRTH MOTHER BABY
gaiamoments via Getty Images
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Wir schreiben das Jahr 1981 um die Mittagszeit. Bei meiner Mutter setzen die Wehen ein. Sie ist alleine und ruft meinen Vater auf der Arbeit an. Der düst mal eben 40 Kilometer nach Hause. Dort angekommen, bekommt er von meiner Mutter aufgetragen, zu duschen. Dauert ja bestimmt noch, bis es richtig los geht. Inzwischen ist es Nachmittag und irgendwie scheine ich es doch eiliger zu haben.

Ab ins Auto. 30 Minuten bis zum nächsten Krankenhaus. Das dauert mir entschieden zu lange. Da man es nicht so prickelnd findet, wenn meine Mutter im Krankenhausflur entbindet, wird sie mit dem Lastenaufzug in den Kreißsaal gebracht. Drei Presswehen später bin ich schon da. Tja, keine schlechter Schnitt für eine Erstgebärende.

Säuglingszimmer mit meinen Babygenossen

Damals gab es noch kein Rooming-in. Tagsüber lag ich, von den Schwestern frisch zurecht gemacht, bei meiner Mutter auf dem Zimmer. Dass der Vater über Nacht blieb, war auch damals keinem in den Sinn gekommen. So wurde abends nicht nur mein Vater aus dem Zimmer gekehrt, sondern ich gleich mit. Die Nacht verbrachte ich im Säuglingszimmer mit meinen Babygenossen.

Morgens brachten die Schwestern mich dann wieder zu meiner Mutter. Meist mit den Worten: "Wir haben sie schon vorgefüttert. Sie hatte so großen Hunger." Ja, ich trank vom ersten Moment an 100 ml. Auch betrug so ein Aufenthalt auf der Wöchnerinnenstation locker sieben Tage. Nix am gleichen Tag oder maximal dreien nach Hause.

Etwas mehr als drei Jahrzehnte später lag ich selber in den Wehen. Meine eigene Geburt erschien mir sehr unspektakulär. Daher zog ich das beim Mini etwas mehr in die Länge und machte es umso spannender. Ich genoss das Spektakel satte 31 Stunden und einer ordentlichen Portion Geburtsverletzungen. Auf die Einzelheiten gehe ich mal nicht ein.

Familienzimmer

Wir hatten ein Familienzimmer, auf dem auch das Rooming-in praktiziert wurde. Das bedeutete, dass nicht nur Mini rund um die Uhr bei mir war, sondern auch der Papa. Mini lag in einem Beistellbett neben mir. Wobei lag nicht so ganz der Wahrheit entsprach. Er wollte partout nicht liegen, geschweige denn schlafen. Auf mir kuscheln oder schlummern ging überhaupt nicht. Da war ihm das Bett noch lieber.

Er schrie rund um die Uhr aus Leibeskräften. Eigentlich sollte ich nicht viel aufstehen, da ich einige Verletzungen erlitten hatte. Doch es half nichts. Der Mann war von den vergangenen zwei Tagen im Kreißsaal ebenfalls erschöpft und brauchte meine Unterstützung. Wir hatten doch keine Erfahrung. Sicher, die Schwestern halfen, wann und wo sie konnten. Aber die meiste Zeit waren wir mit Mini alleine.

An Schlaf und Erholung war nicht zu denken. Die Schwestern waren selbst so verzweifelt, sodass sie uns anboten, ihn eine Nacht für drei Stunden mit zu sich zu nehmen. Wir nahmen es dankend an. Das waren auch die einzigen Stunden, die wir in den kommenden Tagen schlafen konnten. Es war ein Albtraum. Völlig entkräftet, verließen wir am vierten Tag das Krankenhaus. Was in den folgenden Monaten geschah, erzähle ich ein anderes Mal. Nur so viel, es ging über alles hinaus, was ich kannte.

Pro und Contra

Jetzt kommen wir zum Pro und Contra des Rooming-in aus meiner Sicht.

Eindeutig Pro ist die Nähe zum Baby. Du hast das kleine Wesen von Beginn an bei dir und kannst es kennen lernen. Auch die Routine Aufgaben wie Waschen, Wickeln und Füttern gehen dir schnell von der Hand. Das klappt besonders gut, wenn das Baby pflegeleicht ist und du auch ein wenig Erholung tanken kannst. Jetzt kommen aber auch schon die Nachteile. Hast du ein Schreibaby wie ich und eine anstrengende Geburt hinter dir, wird es zur Belastungsprobe.

Der Körper und die Seele brauchen Erholung, aber wenn du keine Minute zur Ruhe kommst, stellen sich schnell Ängste und Überforderung ein. Da stößt das Rooming-in an seine Grenzen. Ich weiß, dass es Krankenhäuser gibt, in denen du das Baby trotzdem über Nacht oder für einige Stunden ins Säuglingszimmer geben kannst. Dieses Glück hatten wir leider nicht.

Das mag für alle Mütter, die nicht in unserer Situation waren, sehr hart klingen. Jedoch muss man es wohl durchgemacht haben, um es nachvollziehen zu können. Ohne Erfahrung, wie ein Säugling tickt und zu versorgen ist, wird das Unterfangen Rooming-in in solchen Momenten zum Spießrutenlauf. Zum Glück war mein Mann bei mir. Während der eine sein Essen hinunterschlang, trug der andere das schreiende Bündel durchs Zimmer.

Ein willensstarkes Kind

Ich lehnte dabei immer leicht an der Wand, um nicht umzufallen. Nachts stand die Schwester oft stundenlang bei uns und gab alles, um den Mini zu beruhigen. Pucken, Saab gegen Blähungen verabreichen, Globuli geben und weis der Geier was. Aber er schrie weiter. Bei der Entlassung sprach der Kinderarzt lapidar von einem willensstarken Kind. Herzlichen Dank auch.

Würde ich erneut in solch eine Extremsituation geraten, würde ich mehr Hilfe einfordern und das Kind wenigsten über Nacht ins Säuglingszimmer geben. Denn es brachte niemanden etwas. Wir waren am Ende, das Baby spürte bestimmt unsere Erschöpfung und ich war todunglücklich. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wir waren auf der ganzen Station bekannt. Wir waren die, deren Baby die ganze Zeit brüllte und andere vom Schlafen abhielt. Der Mann und ich versuchten alles irgendwie zu händeln, die anderen schafften das doch auch. Das wir in einer Ausnahmesituation waren, verstanden wir noch nicht. Ich sah immer nur die anderen Mütter mit ihren Babys auf der Brust liegen.

Das Rooming-in verleitet schnell dazu, alles alleine machen zu wollen. Das gehört sich schließlich heute so. Das Baby bleibt 24 Stunden bei der Mama und wehe, die klagt über Erschöpfung und Unsicherheit. Das darf man doch nicht sagen. Alles muss sofort klappen und super sein. Ich würde mich wieder für ein Familienzimmer mit Rooming-in entscheiden. Ganz klar und ohne Zweifel. Aber ich würde auch eine andere Klinik wählen. Eine mit Säuglingszimmer, jedem Tag anwesendem Kinderarzt und weniger Autonomie.

Der Beitrag ist ursprünglich auf dem Blog der Autorin erschienen.

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