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Leben gestalten durch Reduktion

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LIFE CUP
Alessandra Pace / EyeEm via Getty Images
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Rente - wir sollten nicht mehr unterscheiden zwischen Arbeits- und Renten-Zeit. Sondern unser Leben so einrichten, dass wir Arbeit als etwas ansehen, das uns selbst ausmacht, das uns Freude bereitet und das, wenn es nicht mehr passt, zu beenden ist.

Denn die Art, wie wir arbeiten - und dadurch auch leben, beeinflusst unser Gefühl für Lebensqualität. Und wir wissen nicht, wie unser Rentensystem zukünftig bewältigt werden kann. Und wie lange wir tatsächlich arbeiten müssen. Eine aktuelle Kurz-Übersicht der Länder, die am längsten Erwerbszeiten haben werden:

Dies bedeutet im Umkehrschluss - je mehr wir ungesund leben und arbeiten, umso weniger können wir all das leisten, was wir leisten wollen und müssen. Wir können alltäglich, und auch ganz einfach unsere Art zu leben beeinflussen.

Wer das allerdings langfristig beeinflussen mag, benötigt etwas mehr Zeit. Im Prinzip geht das ein Leben lang. Insofern bringt es meiner Meinung auch nicht allzuviel, wenn man mal ab und zu einer der Chakka-Motivations-Trainern geht, die auf der Bühne vorturnen - wer wirklich etwas über Motivation lernen will, muss wissen, dass einmalige Situationen nicht wirklich etwas bringen. Meine Vorschläge sind ganz praktisch:
  1. zunächst geht es darum, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen (Life Management)
  2. dann ständig und stetig (ein Leben lang) die komplexen Themen zu vereinfachen versuchen, kleinere Brötchen zu backen - und dennoch THINK BIG zu betreiben, und für Entspannung und Pausen zu sorgen (Reduktionsmanagement)
  3. das Leben sinnvoll zu gestalten, indem man aus der Dauer-Tretmühle heraustritt, aus dem Dauer-Konsum und anstatt dessen etwas aus dem eigenen Potenzial macht - Potenzial ist die eigenen Schatzkiste und daraus entwickelt sich Selbstverwirklichung (Life Design)
Diese drei Bereiche bewirken strategische Resilienz, also strategisch und klar und ständig in den Alltag eingebautes Training für psychische und körperliche Widerstandskraft. Ich denke, das wird eines der Hauptkriterien sein, die komplexen Themen der Zukunft positiv zu bewältigen. Und daraus aber dann aus dem Vollen schöpfen zu können.

Aus diesen drei Bereichen entsteht innerer Reichtum, und entsteht Einkommen und womöglich auch äußerer Reichtum.

Wer mehr Einkommen hat, als er fürs Life Management benötigt, wird dann auch das Wissen um Ökonomie & Finanzen brauchen. Auch das ist wichtig. Denn dann geht es darum, was mit diesem Geld gemacht wird - egal ob als Anlage in Aktien oder herkömmliche Altersvorsorgen oder Investition in lebenslanges Lernen.

Doch in vielerlei Hinsicht wird auch das nicht funktionieren:

nicht jeder hat das Potenzial, den Mut oder die Voraussetzungen, wirklich lebenslang zu arbeiten. Viele ausgebeutete Berufe, aber auch Berufe mit hohem körperlichen Einsatz oder Risiko werden definitiv nicht lebenslang funktionieren.

Wessen Rente hier gesichert ist, wird sich keine Alternative überlegen müssen. Wer hier ungesichert ist, da wird sich der Staat etwas einfallen lassen müssen. Bedingungsloses Grundeinkommen wird ein Weg sein, um das Dilemma des sozialen Frieden zu bewältigen.
Finnland macht erste Schritte dahin.

Wie immer ist Finnland in jeglicher Hinsicht innovativ. Erst zuletzt wurde das Schulsystem vollkommen auf Zukunftsfähigkeit hin erneuert. Jetzt geht der nächste Schritt in Richtung ökonomischer Gerechtigkeit.

Die Flexi-Rente ist da eher wenig hilfreich, so wie ich das bisher erkennen kann.

Nichtsdestotrotz bin ich Fan der Eigen-Verantwortung. Und auch die sollte honoriert werden.
Wer eigenverantwortlich sein kann und will - der bekommt mit oben genannten drei Schritten die Grundlagen an die Hand, sich ganzheitlich auf Rente nicht nur vorzubereiten, sondern erst gar nicht in Renten-Zeit oder Arbeits-Zeit aufgeteilt zu denken. Das ist Rente der Zukunft, so wie ich das sehe.

Dabei ist mir logischerweise bewusst, dass dieses Denken nur dann funktionieren kann, wenn Arbeit und Rentenzeit neu bewertet und gestalten werden. Ein Handwerker mit einer 45-Stunden-Woche inklusive Überstunden wird nicht im Rentenalter arbeiten wollen und können.

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Es wird um die Entscheidung gehen, will ich überhaupt und kann ich im Rentenalter arbeiten? Oder muss ich arbeiten, weil die Rente zu gering ist?

Wenn davon auszugehen ist, dass die Rente in der heutigen Form nicht mehr funktionieren kann, wird die Entscheidung relativ schnell getroffen sein:

dann geht es nicht ums Wollen, sondern ums Müssen. Und dann wird die Arbeitswelt neue Formen des Arbeitens anbieten müssen.

Ich denke da, ähnlich wie Nico Päech, an eine 20-Stunden-Woche. Angesichts hoher Mieten und Kosten für Wohnen wird das nur unter der Voraussetzung funktionieren, wenn ein entsprechendes Reduktionsmanagement erfolgt und der Staat wieder seine Funktion im Sozialen Wohnungsbau übernimmt.

Insoweit wird das Thema Lebenslanges Arbeiten eine neue Thematik werden, die an dieser Stelle nur angerissen werden kann. Sie wird eine neue gesellschaftliche Diskussion ergeben müssen, um dieses Szenario zwischen Müssen und Wollen auszubalancieren.

Bildnachweis: Photographic © Sabine Hauswirth Germany, Twitterfeeds by Twitter

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe "New Work". Alle aktuellen Beiträge dazu findet ihr hier.

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