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Und die Welt schweigt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ISRAEL BOARDER
PATRICK BAZ via Getty Images
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Israel braucht mehr couragierte Menschen wie Ron Juldai. Der Bürgermeister von Tel Aviv hat vor dem Hintergrund des palästinensischen Attentats in Tel Aviv, das vier Tote gefordert hat, eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen.

Er wies darauf hin, dass Israel das einzige Land der Welt sei, das ein besetztes Volk unterjoche und seiner Rechte beraube. Solche Aussagen von israelischen PolitikerInnen sind rar.

Der 71-jährige Bürgermeister gehört der Arbeitspartei an und kritisierte in einem Interview mit einem Armeesender: Statt über palästinensische Hassausbrüche zu jammern, solle man besser mal nach dem Warum fragen. "Es gibt keine Möglichkeit, eine Bevölkerung in einer Situation der Besatzung zu halten und zu glauben, dass sie zum Schluss kommen, dass alles okay ist und dass sie weiter so leben möchten", sagte er.

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Auch der Vater eines der Opfer, Ido Ben-Ari, beklagte bei der Trauerrede auf der Beerdigung seines Sohnes: "Ihre Dekrete, Leichen der Täter einzubehalten und Häuser zu zerstören, schaffen neues Leid, Hass und Verzweiflung. Wir haben euch gewählt, um den Kreislauf der Gewalt zu stoppen".

Der Hass gräbt sich immer tiefer in die israelische Gesellschaft. Der neue israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman hat angeordnet, die Leichname palästinensischer Attentäter nicht mehr an ihre Angehörigen zu übergeben. Menschenrechtsgruppen kritisierten, dass diese Maßnahme einer kollektiven Strafe gleichkomme und die Wut in den besetzten Gebieten verstärken werde.

Liebermann verstößt damit zudem gegen einen Beschluss des Obersten Gerichtshofes von Israel, der die Regierung Anfang Mai aufgefordert hatte, die sterblichen Überreste palästinensischer Attentäter zur Bestattung freizugeben.

Auch die Vorgehensweise der Israelischen Streitkräfte, die Häuser von palästinensischen Attentätern und deren Familien als abschreckende Maßnahme, zu zerstören, ist aus Sicht von Menschenrechtsorganisationen nicht mit internationalem Recht vereinbar. Anfang 2005 entschied das israelische Verteidigungsministerium diese Methode als Strafe gegen Attentäter grundsätzlich nicht mehr anzuwenden, da sie das Klima wechselseitiger Gewalt wesentlich mehr anheizte als zur Abschreckung beitrug.

Doch im Jahr 2014 beschloss das israelische Sicherheitskabinett im Zuge der Enführung dreier israelischer Jugendlicher und anlässlich eines Attentas auf einen Polizisten die Hauszerstörungen wieder konsequent als Strafe einzusetzen.

Keine Baugenehmigungen für Palästinenser

Die Menschenrechtsorganisation ICAHD ("Israelisches Komitee gegen Hauszerstörungen") schätzt, dass seit 1967 circa 29.000 Wohnhäuser und Nutzgebäude von Palästinensern in den besetzten Gebieten zerstört worden sind. Dazu zählen sehr überwiegend auch palästinensische Häuser, die ohne Genehmigung gebaut worden sind. Dazu muss man wissen, dass Palästinenser in den sogennanten "C-Gebieten", die unter israelischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung stehen, grundsätzlich keine Baugenehmigungen erhalten.

Der amerikanisch-israelische Friedensaktivist Jeff Halper, Professor für Anthropologie und Mitbegründer von ICAHD, glaubt, dass es Versöhnung nur durch Wiederherstellung von Gerechtigkeit geben kann - eine Gerechtigkeit, die durch gewaltfreie Aktionen und durch das Festhalten an Menschenrechten herbeigeführt werden müsse. Dafür setzen er und die ehrenamtlichen Mitglieder von ICAHD sich bei der Zerstörung palästinensischer Häuser vor die Planierraupen und leisten Widerstand.

Und die Welt schweigt

Ein ziviler Widerstand, der in diesem Konflikt dringend notwendig ist und der internationale Unterstützung benötigt. "Und die Welt schweigt" überschreibt der in Israel sehr bekannte Schriftsteller B. Michael am 1. Juni 2016 in der Zeitung "Haaretz" seinen bitterbösen Kommentar und fleht die Welt an, einzugreifen und Israel zu retten:

"Visumpflicht für Israelis in allen Staaten der Welt, eine leichte Andeutung bevorstehender Kürzungen der finanziellen Unterstützung, hier und da ein kleines Veto, praktisches Nachdenken über das Modell, welches Südafrika auf den rechten Weg zurückgeführt hat... und schon befreit sich Israel ... Aber die Welt schweigt."

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