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Wie mich StayFriends in den Wahnsinn treibt

08/03/2016 13:54 CET | Aktualisiert 09/03/2017 11:12 CET
DTP via Getty Images

Viele halten die Post vom Wagner für die Pest der Neuzeit. Ich finde Post vom Thiel, dem Social-Network-Stalker von StayFriends, viel gruseliger!

Alle hatten mich gewarnt: „Mach's nicht, die sind aufdringlicher als Vorwerk-Vertreter!" - „Ach, ich kann ja mal gucken, was aus den doofen Hinterbänklern geworden istt", dachte ich mir ganz arglos, loggte mich auf dem Schulfreunde-Portal ein und schon hatte ich ihn an der Backe. Den Stalker aller Ü-35-jährigen: Oliver Thiel, die Claudia Bertani der Social Networks.

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Genauso wenig, wie Frau Bertani jemals eine einzige Piemontkirsche von Mon Cherie probegelutscht hat, gibt es diesen Mann natürlich in echt (in Piemont gibt es ja auch keine Kirschen, aber das nur am Rande). Wie könnte er sonst allen 14 Millionen Mitgliedern immer diese ganzen Mails schreiben: „Sabine, gratulieren Sie Martin Wiesel zum Geburtstag!"

Wenn Oliver Thiel wirklich existieren würde und sich nur einen Mü um seine Netzgemeinde scheren würde, wüsste er, dass mir nichts ferner liegt, als jemandem zum Geburtstag zu gratulieren, der mich von 1984 bis 1987 im Bus immer kurz vor der Haltestelle, wo ich aussteigen wollte, mit dem Ranzen an der Haltestange festgebunden hat.

Martin Wiesel, dieser in seiner Sozialkompetenz eingeschränkte Gymnasialquereinsteiger (damals sagte man einfach „Arschloch"), der mir auf der Klassenfahrt immer die von meiner Mutter gekauften beigen Hartschalen-BHs vom Stuhl klaute, sie auf einen Ast spießte und in den Nachthimmel schrie: „Seid willkommen, Melmac-Bewohner, wir ergeben uns!"

Geht's noch? Hä? DAS sollen tolle Erinnerungen sein?

Wie sollte ich das angehen? „Hömma, Martin, läuft bei dir? Lass uns vergessen, was mal war, wünsch dir alles Liebe, LG, Bine?" Nach zwei Tagen kommen dann schon latente Drohungen: „Sabine, andere haben schon gratuliert!" Welche anderen? Die anderen sitzen heute noch im Bus und warten, dass sie einer loskettet!

Klarer Fall, der Thiel und die Monster, die ihn schufen, wollen, dass wir uns alle ständig kontaktieren und dem Portal ganz viele Klicks beschweren.

Weil man aber nach einem Besuch und öden Gesprächen („Hey, du auch hier?", „Krass, voll lange her!" oder „Und, was machste? Verheiratet? Kinder? Thermo-Mix?") meistens schnell die Seite wieder verlässt und zurück zu Elitepartner oder wetter.de geht, denken die sich bekackte Spielchen aus.

Aufforderungen wie „Sabine, schmücken Sie Wiebkes Weihnachtsbaum" oder sinnentleerte Fragen wie „Wie war Birgit Josephi früher - a) humorvoll, b) sexy, c) frech - ja nix, von all dem, oder warum sitzt Birgit wohl mit Mitte 40 vor ihrem Stayfriends-Account und hat sogar die Goldmitgliedschaft, sprich, zahlt Geld dafür, dass sie sieht, wann die anderen Verlierer Namenstag haben?

Neulich bekam ich vom Olli sogar folgende Mail: „Sabine, sind die 80er Ihr Jahrzehnt? (was natürlich eine rhetorische Frage ist, wenn man mein Geburtsdatum kennt).

Darunter eine Aufzählung von Vintage-Platitüden: „Im Fernsehen starten Sendungen wie Wetten, dass ...?, das Glücksrad und die Lindenstraße, während der Walkman seinen Siegeszug antritt und Helmut Kohl Bundeskanzler wird. Neben Leggins und neon-farbenen Stirnbändern prägen die Neue Deutsche Welle und Gruppen wie Modern Talking diese Zeit."

„Hey, du auch hier?", „Krass, voll lange her!" oder „Und, was machste? Verheiratet? Kinder? Thermo-Mix?"

Geht's noch? Hä? DAS sollen tolle Erinnerungen sein? Was kriegen die Kids von heute in 30 Jahren zu hören? Ich tippe mal, das hier: „Joshua, die Zehner Jahre, waren sie nicht schön? Im Fernsehen startet die Intellektuellen-Soap „Adam und Eva gestrandet im Paradies".

Ebola war noch eine ganz normale Krankheit und keine Biowaffe. Die Menschen trugen im Sommer noch Wollmützen, um ihre Frisur nicht vom Heizpilz ankokeln zu lassen. Alte Gummifletscher vom Sperrmüll wurden eingesammelt, von Ex-Karstadt-Mitarbeitern umlackiert und als Loombänder an präpubertäre Mädchen verschachert.

Kinder hatten Vornamen, die entweder aus Die Waltons, Der Herr der Ringe oder dem uruguayischen Telefonbuch stammten, hyperaktive Kleinkinder wurden einfach auf den stillen Stuhl gesetzt und erst zur Einschulung wieder abgeschnallt.

Die katholische Kirche riskierte in der Kondomfrage mal wieder eine dicke Lippe und ließ eine zum Modedesigner umoperierte Trockenhaube zum Kirchenoberhaupt erklären - wer erinnert sich nicht an die Bild-Schlagzeile: Harald Glöööckler - wir sind Pöööbst!"

Unheilig sangen für Pattex den Werbe-Song „Geboren um zu kleben", und unter dem Titel „Do they know it's business time"? sangen mittellose Alt-Stars, um für noch mittellosere Kollegen zu sammeln.

Matthias Reim konnte daraufhin endlich die 800.000 Euro Nachzahlungen an das Sonnenstudio „Runzelbude" in Radolfzell ableisten, Tierschützer konnten endlich Margarete Schreinemakers von den MMC-Studios in Hürth abketten, wo sie seit 1996 um Wiedereinlass gebettelt hatte.

Ebola war noch eine ganz normale Krankheit und keine Biowaffe.

Das Tollste an den 10er Jahren aber war die Erfindung der Ortungs-App für Junior-Handys. Das gab einem die Sicherheit, in Ruhe die Tagebücher des Nachwuchses lesen und psychologisch auswerten lassen zu können, weil man wusste: Das Kind hängt wieder 80 Kilometer entfernt mit irgendwelchen Chat-Kontakten im Einkaufszentrum rum.

Übrigens, wenn die 800 Oliver-Thiel-Klone bei StayFriends wenigstens noch Klassentreffen organisieren würde, könnte ich den Nutzwert dieses Rentner-Resteportals ja noch verstehen.

Moment Mal, was lese ich da an der Pinnwand? Die haben doch tatsächlich ein Klassentreffen gemacht! Wieso habe ich da keine Einladung bekommen?

Mensch, Olli, du bist echt cleverer, als ich dachte. Du hast mich da rausgefiltert. Danke! Ich muss echt nicht sehen, wie Martin Wiesel hackedicht der Birgit Josephi auf dem Rücksitz ihres VW Touran den Weihnachtsbaum anzündet.

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