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An alle, die auch keinen Bock mehr haben, dauernd optimistisch zu sein

25/08/2015 10:57 CEST | Aktualisiert 25/08/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Eigentlich bin ich ein optimistischer Mensch. Frei nach dem alten Spruch mit den Zitronen und der Limonade versuche ich stets, unangenehme Situationen von der positiven Seite zu betrachten. Doch in den letzten Jahren habe ich beobachtet, wie der Ruf nach mehr Optimismus in unserer Gesellschaft immer lauter wurde. Zu laut für meinen Geschmack.

Es ist immer die gleiche Leier: „Denk positiv, dann wird sich deine Situation bessern." Oder: „Alles Schlechte hat auch seine positiven Seiten." Oder der Klassiker: „Wer optimistisch ist, hat größere Chancen auf Erfolg, Glück und Gesundheit." Unzählige Male musste ich schon solcherlei schlaue Tipps in den unterschiedlichsten ‚Ratgebern für ein glückliches und erfolgreiches Leben' lesen.

Und nicht nur da, auch in Forschung und Medien greift der Lobpreis auf den Optimismus immer weiter um sich. So berichtet der Spiegel von einer Studie, die Optimisten zu den besten Lebenskünstlern erklärt, während Die Welt anhand einer Studie belegt haben will, dass positives Denken das Altern verlangsamt. Ganz in diesem Geist steht auch die What's Working-Initiative der Huffington Post. Und bei Zeit Online ist sogar dieser tautologische Satz eine Nachricht wert: „Zuversichtliche Menschen werden seltener depressiv." Chapeau, liebe Zeit, das ist eine geradezu bahnbrechende Entdeckung!

Optimismus als Allheilmittel

Optimismus liegt also voll im Trend. Er wird als Lösung für große und kleine Katastrophen aller Art herangezogen: Misserfolge, Trennungen, Krankheiten, Verluste - das alles sei halb so schlimm, wenn wir nur eine positive Lebenseinstellung bewahrten. ‚Optimistisch bleiben' ist zu einem wahren Allheilmittel aufgestiegen, mit dem wir jede seelische Wunde zu verarzten suchen.

Während immer mehr Menschen auf dieses Boot aufspringen, möchte ich rufen: Höchste Zeit für eine Meuterei. Denn ich muss ehrlich sagen: Ich habe das Mantra vom ewigen Optimismus gehörig satt.

Nicht weil es falsch wäre. Ganz im Gegenteil, ich bin sogar davon überzeugt, dass eine optimistische Grundeinstellung in der Tat viel Positives bewirken kann. Nein, es ist nicht falsch, nur ist es als Ratschlag kein bisschen hilfreich. Und besserwisserisch noch dazu. Vor allem dann, wenn es uns wirklich schlecht geht.

Positiv denken zu müssen, setzt uns nur noch mehr unter Druck

Mir würden unzählige Erfahrungen einfallen, die diese These stützen. Viele dieser Erlebnisse sind aber zu privat, um sie in einem Blog aufzuschreiben. Ein kleines Beispiel möchte ich trotzdem erzählen: von meinem Erasmusaufenthalt in Rom.

Ich hatte mich lange auf ein spannendes und lustiges halbes Jahr gefreut. Doch besonders in den ersten Monaten fühlte ich mich nicht wohl. Ich war einsam. Und dementsprechend frustriert. Miesgelaunt rief ich eine Freundin an. Sie riet mir - welch Überraschung - positiv zu bleiben: So würde ich schneller Leute kennenlernen, bei ihr habe das auch super funktioniert und sie habe unheimlich viel Spaß im Erasmus gehabt. Als ich auflegte, ging es mir noch schlechter als zuvor.

Der Tröstungsversuch meiner Freundin hatte mir endgültig das Gefühl gegeben, versagt zu haben. Andere hatten doch auch kein Problem, sich in einer neuen Stadt zurecht zu finden, warum fiel es mir dann so schwer? Was hatte ich falsch gemacht? Was stimmte nicht mit mir? Kurz, ich fühlte mich nicht mehr nur allein, sondern gab mir auch noch selbst die Schuld daran.

Genau dieser Mechanismus ist es, der mich an den „Du-musst-nur-optimistisch-sein"-Predigten so fuchsig macht. In einem Moment der Schwäche geben sie uns das Gefühl, selbst für unser Unglück verantwortlich zu sein. Selbst wenn das in manchen Fällen (wie in meinem Erasmus-Beispiel) der Wahrheit entsprechen sollte: In der Situation hilft diese Erkenntnis nicht weiter, sondern baut nur weiteren Druck auf.

Optimismus als kapitalistische Ideologie

Anstatt uns ausheulen zu können, schwach sein zu dürfen und unserem Frust Luft zu verschaffen, müssen wir aus unseren Zitronen sofort wieder Limonade machen. Was als vermeintlicher Aufmunterungsversuch daher kommt, heißt nichts anderes als: „Reiß dich zusammen, du bist deines eigenen Glückes Schmied, also ändere dein Verhalten!"

Dieser Satz entspricht ziemlich genau der amerikanische Idee des „Pursuit of Happiness", laut der wir für unser Glück selbst verantwortlich sind. Im Idealfall kann das den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär bedeuten. Der legendäre Selfmademan. Häufig leitet sich daraus jedoch eine Schuldzuweisung an all diejenigen ab, die es schlechter haben: Die haben sich im Umkehrschluss eben nicht ausreichend angestrengt.

Durch den Optimismus-Wahn sind wir gerade dabei, genau diesen kapitalistischen Leistungsdruck, dem wir schon im Berufsleben ständig ausgesetzt sind, auf unser Privatleben zu übertragen. Eine gefährlich Entwicklung, die krank anstatt gesund macht. Nicht zufällig ist Depression mittlerweile zur Volkskrankheit Nummer eins in den Industrienationen geworden.

Ein Mindestmaß an Pessimismus

Dagegen kann es unheimlich befreiend sein, hin und wieder radikal pessimistisch zu sein. Nach dem frustrierenden Erasmus-Telefonat mit meiner Freundin hatte ich ein langes Gespräch mit meinem damaligen Freund. Er erzählte er mir von Situationen, in denen er sich schrecklich einsam gefühlt hatte; dann schimpften wir stundenlang über die Ungerechtigkeit und Schlechtigkeit der Welt, echauffierten uns über Sexismus und gesellschaftliche Verrohung, klagten über fehlendes Einfühlungsvermögen und den generellen Egoismus der Menschheit. Bis wir irgendwann in Lachkrämpfe ausbrachen ob unserer selbstgerechten Schwarzmalerei.

Nach diesem Gespräch fühlte ich mich nicht mehr allein. Und ich hatte neue Zuversicht geschöpft.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle entschieden eine Lanze für den Determinismus brechen, der mir derzeit im gesellschaftlichen Diskurs gewaltig zu kurz kommt. Der nämlich sagt uns: Es sind eben nicht alle schwierigen Situationen in unserem Leben selbstverschuldet und nicht alle Probleme lassen sich mit einem optimistischen Lächeln lösen. Manchmal ist das Leben verdammt ungerecht. Und das Glas halb leer.

Nur wenn wir uns endlich wieder trauen, das einander einzugestehen, können wir schlechte Erfahrungen hinter uns lassen und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Hmmm.... verflixt.... der letzte Satz klang jetzt doch optimistischer als geplant!

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