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Der Mythos von der Reformunfähigkeit des Islam

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUSLIMS PRAYING
Wolfgang Rattay / Reuters
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In schöner Regelmäßigkeit und mit wachsender Intensität erheben sich in Deutschland und anderswo im „Westen" Rufe nach der „Reform des Islam". „Der Islam" müsse sich ändern, um in die moderne, sprich: abendländisch-aufgeklärte Welt zu passen.

Nicht selten liegt dieser Forderung zugleich die Ansicht zugrunde, „der Islam" könne sich gar nicht reformieren. Das Warten auf einen „islamischen Martin Luther" oder gar einen Descartes, Kant oder Voltaire wäre demnach müßig, denn „der Islam" sei eben schlicht nicht kompatibel mit „unserer" Zivilisation oder Kultur.

Solche Forderungen und Positionen basieren in der Regel auf einem fundamentalen Missverständnis. „Der Islam" erscheint in den entsprechenden Formulierungen in der Rolle des Subjekts, als Agens, welches eine Art Eigenleben führt und als abstrakte historische Kraft den Lauf der Geschichte steuert.

Tatsächlich aber ist der Islam kein handelndes Subjekt, sondern Objekt, also Gegenstand von Auslegungen und Interpretationen. Handlungsanleitend wird der Islam nicht qua Islam, sondern durch Agenturen im weitetesten Sinne, welche die religiösen Lehren kanonisieren, sowie durch Menschen, die den Islam auf ihre Weise umsetzen.

Es geht hier nicht um den Islam, sondern um Menschen

Insofern enthält jede Aussage, in der „der Islam" als grammatisches Subjekt erscheint, bereits einen hermeneutischen Irrtum, denn es ist nicht „der Islam", der etwas macht oder verursacht, sondern es sind Menschen, eben Muslime, seien sie religiöse Gelehrte oder „einfache" Gläubige.

Wenn also in Bezug auf den Islam überhaupt eine Reformunfähigkeit konstatiert werden kann bzw. muss, so bezieht sich diese nicht auf den Islam, sondern auf die Muslime. Nicht der Islam macht die Muslime zu dem, was sie sind, sondern Muslime „machen" den Islam.

Deshalb gibt es kein einheitliches Islamverständnis und ergo auch nicht den „einen" (reformunfähigen) Islam, denn die Muslime sind diejenigen, die darüber streiten, wie der Islam zu verstehen und zu praktizieren ist. Diese Art von Auseinandersetzung über den „wahren" Islam kennzeichnet die islamische Geschichte seit ihren Anfängen vor 1400 Jahren.

Insofern müsste einer Aussage über die Reformfähigkeit oder Reformunfähigkeit des Islam die Untersuchung der Frage vorausgehen, wie - oder genauer: auf welch unterschiedliche Weisen - der Islam in Vergangenheit und Gegenwart verstanden wurde bzw. wird.

Zwischen den Stimmen im „Westen", die „den Islam" für reformunfähig halten, und den heutigen radikalen Muslimen, wie sie uns in Extremform in Gestalt des so genannten „Islamischen Staats" in Irak und Syrien gegenübertreten, gibt es eine interessante Gemeinsamkeit: Beide gehen davon aus, dass es einen „wahren" Islam gäbe.

Während die radikalen Muslime ihren „wahren Islam" notfalls mit Gewalt durchsetzen wollen, meinen Islamkritiker, dass „der Islam" hier (und auch in „Ehrenmorden", vermeintlicher „Zwangsverschleierung" etc.) sein wahres, gewalttätiges Gesicht zeige.

Islam lässt sich schnell vor ideologischen Karren spannen

Eigentlich sind beide Sichtweisen nur Beispiele dafür, wie leicht sich der Islam (und prinzipiell jede Religion) vor einen ideologischen Karren spannen lässt. Über die - letztlich imaginierte - „wahre" Natur des Islam sagen sie hingegen wenig aus.

Der Schlüssel zum Verständnis der Prozesse, die den Islam auf verschiedene Weisen zu einer gesellschaftlichen oder politischen Kraft machen, liegt vielmehr in einer genauen Analyse der historischen Erfahrung und Situation, die der jeweiligen Artikulation des Islam zugrunde liegen.

Dies gilt bereits für die Spaltung der Muslime in Sunniten und Schiiten, die sich im 7. Jahrhundert andeutete und erst im 9. Jahrhundert endgültig vollzog. Das Martyrium des Prophetenenkels Husayn wurde theologisch zur Basis eines politischen Quietismus, der sich mit dem Verschwinden des zwölften Imam schließlich in dem Lehrsatz artikulierte, dass das ideale islamische Gemeinwesen erst in der Endzeit, nach der Wiederkehr des zwölften Imam, entstehen könne.

Die historische Erfahrung im Schah-regierten Iran brachte hier eine erstaunliche Wende. Ayatollah Khomeini motivierte viele Schiiten zum politischen Aktivismus, indem er argumentierte, Gott könne nicht gewollt haben, dass seine Gesetze bis zur Wiederkehr des Imam außer Kraft gesetzt seien. Seine revolutionäre Kraft konnte diese Lesart des schiitischen Islam nur in der historischen Konstellation im Iran unter dem Schah-Regime entwickeln.

Insofern ist es irreführend, in der Islamischen Revolution im Iran von 1979 den Ausdruck des „wahren Islam" zu sehen, selbst wenn dies sowohl von Khomeini als auch von vielen seiner Kritiker im „Westen" so dargestellt wurde.

Ähnlich verhält es sich mit dem militanten Islamismus im sunnitischen Islam, der im Gefolge der Islamischen Revolution Khomeinis eine rasante Entwicklung genommen hat. Gewiss speist sich diese radikale Ideologie auch aus religiösen Quellen, doch sie ist ein durch und durch modernes Phänomen, welches auf dem Boden des Kolonialismus, der geopolitischen Konstellation im Kalten Krieg und der darauf folgenden Effekte der Globalisierung entstanden ist.

Im IS das wahre Gesicht des Islam zu sehen, ist unsinnig

Natürlich wäre es hanebüchen, dem „westlichen Imperialismus" die Verantwortung für die Entstehung des militanten Islamismus zuzuweisen. Ähnlich unsinnig ist es jedoch, al-Qa'ida oder den „Islamischen Staat" als „wahres Gesicht" des Islam zu sehen.

Auch hier gibt nicht „der Islam", sondern die historische Erfahrung, die manche Muslime - sei es in Afghanistan, Irak, Nordnigeria oder im Brüsseler Molenbeek-Viertel - zu machen glauben, den Ausschlag für die Radikalisierung, die einige dann zu Terroristen macht.

Die Frage nach der Reform bzw. Reformfähigkeit des Islam ist auch deshalb falsch gestellt, weil in der islamischen Geschichte die historischen Konstellationen fehlen, die in Europa solch bedeutsame Entwicklungen wie die Reformation oder die Aufklärung angestoßen haben.

Im vorreformatorischen Europa gab es eine eng mit dem Staat verknüpfte und durch den Ablasshandel alimentierte Klerikerklasse, während in der mittelalterlichen islamischen Welt viele bedeutende religiöse Gelehrte ein Gegengewicht zur politischen Macht bildeten.

In der europäischen Aufklärung erhob sich der freie Geist gegen die Entmündigung durch ein religiöses Weltbild, das zugleich die Legitimation bildete, um die Untertanen unter dem Joch zu halten. Ein vergleichbares konsistentes Muster oder vergleichbare Voraussetzungen waren in der islamischen Welt hingegen nicht gegeben.

Vielmehr gab es in den 1400 Jahren islamischer Geschichte eine ganze Reihe von mehr oder weniger erfolgreichen Reformbewegungen, die ein weites Spektrum abdecken und aus unterschiedlichen historischen Erfahrungen gespeist wurden. Diejenige Bewegung, die noch die meisten Parallelen zur Reformation aufweist, ist ausgerechnet die, welche auf Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (gest. 1792) zurückgeht und heute häufig als Salafismus bezeichnet wird.

Ihre Vertreter richteten sich insbesondere gegen aus ihrer Sicht überkommene Auslegungen des Islam, denen sie die Verantwortung für die vermeintliche Stagnation der islamischen Welt zuwiesen. Das Heilmittel sahen sie in der Rückbesinnung auf den „wahren", vermeintlich ursprünglichen Islam, wie er zur Zeit Muhammads und der ersten drei Generationen von Muslimen verstanden und praktiziert worden sei.

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Radikaler Islam ist Ausdruck einer Identitätssuche

Die Popularität, die diese Ideen heute in vielen Teilen der Welt genießen, erklärt sich allerdings nicht etwa daraus, dass sie dem „wahren Islam" am nächsten kämen, sondern aus dem Halt, den insbesondere junge Muslime aus diesen Ideen in einer zunehmend unübersichtlichen Welt zu beziehen glauben. Insofern ist das gegenwärtige Phänomen des radikalen Islam sowohl in der islamischen Welt als auch im Westen vor allem Ausdruck einer Identitätssuche im Kontext sich verschiebender Machtverhältnisse.

Die scheinbare Omnipräsenz des radikalen Islam überschattet die Existenz vieler anderer, in der Regel friedlicher Möglichkeiten, den Islam zu leben. Aus der Tatsache, dass Muslime hierzulande auf Gewalt im Namen ihrer Religion nicht in der Weise reagieren, wie dies manche erwarten würden (etwa dass sie auf die Straße gehen oder Lichterketten veranstalten), spricht nicht etwa eine mangelnde Distanzierung von solchen radikalen Auslegungen, sondern der Umstand, dass in den gegenwärtigen aufgeregten Debatten die Auseinandersetzung um Identitäten in den Vordergrund gerückt ist.

Dadurch gerät aus dem Blickfeld, dass islamische Identitäten weltweit tiefgreifende Transformationsprozesse durchlaufen; Prozesse, die sowohl konservative als auch reformorientierte, sowohl militante als auch aufklärerische Strömungen erfassen.

Bei aller Gefahr, die aus den radikalen Strömungen für Nichtmuslime als auch für Muslime erwächst, würde etwas weniger Aufgeregtheit den Debatten guttun. Dann gäbe es vielleicht mehr Gelegenheit zu sehen, dass „der Islam" sich eigentlich schon stark reformiert hat, und auch mehr Raum für Muslime, das Potenzial für zeitgemäße Auslegungen des Islam besser auszuschöpfen.

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