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Die alltägliche Propaganda in Nordkorea

28/11/2014 15:14 CET | Aktualisiert 28/01/2015 11:12 CET
dpa

Nordkorea und seine diktatorischen Machtaber aus der Kim-Familie werden gefürchtet und verlacht. Gefürchtet, weil das Regime mit Atomkrieg droht und die Bevölkerung in einem der letzten staatssozialistischen Systeme der Erde unterjocht. Verlacht, weil auf westliche Betrachter vor allem die Selbstdarstellung kurios wirkt. Aber das wird dem Land kaum gerecht. Rüdiger Frank, einer der besten Kenner Nordkoreas, der regelmäßig dorthin reist, versucht in seinem Buch "Nordkorea - Innenansichten eines totalen Staates" eine Annäherung an das abgeschottete Land. In dem folgenden Auszug analysiert er die bröckelnde, aber effektive Propaganda des abgeschotteten Landes.

Neben den Medien und der Kunst ist auch der Alltag in Nordkorea von Ideologie und Propaganda geprägt. Für den westlichen Besucher ist sie in Form von überall sichtbaren Monumenten und Losungen besonders präsent: »Lasst uns der Partei der Arbeit Koreas die höchste Ehrerbietung entgegenbringen«, »Die Sonne des 21. Jahrhunderts, der große Führer Genosse Kim Jong-un«, »Lasst uns das Zentralkomitee der Partei mit Kim Jong-un als Zentrum mit unserem Leben verteidigen«, »Monolithische Einheit«, »Lasst uns gemäß den Anweisungen der Partei unser Land, unsere Heimat noch schöner aufbauen«.

Vielerorts hängen Lautsprecher, aus denen Propaganda erklingt. Man findet sie in der U-Bahn, an den Arbeitsstellen und selbst in Wohnhäusern. Morgens fahren Lautsprecherwagen durch die Straßen und verbreiten die neuesten Parolen.

Auf Baustellen stehen Lieferwagen mit mehreren auf das Dach montierten Lautsprechern, aus denen die Bauarbeiter mit Anfeuerungen, dem Verlesen offizieller Dokumente oder mit revolutionären Liedern beschallt werden. Hier scheint die Devise »viel hilft viel« zu gelten. Die Boxen sind auf volle Lautstärke aufgedreht und quäken hoffnungslos übersteuert. Propaganda im Sozialismus ist selten subtil.

Erfahrungsgemäß reagieren die Menschen mit Anpassung und Abstumpfung. Ideologisches Anfeuern wird zum Teil des Alltags und verliert damit seine Wirkung. Die Folge ist eine ständige Intensivierung der Agitation, die für externe Beobachter dann schnell grotesk und übertrieben wirkt.

Versagt die Propaganda irgendwann aufgrund der Gewöhnung an die ewig gleichen Reize, übernimmt physische Repression die Aufgabe, die Menschen dazu zu bewegen, das »Richtige« zu tun. Hier schließt sich der Kreis zur Frage der Menschenrechte, deren Verletzung in staatssozialistischen Systemen beinahe zwangläufig ist.

Eine nachhaltige und tiefgreifende Verbesserung der Menschenrechtslage in Ländern mit solchen Verhältnissen kann daher nur dann eintreten, wenn sich die Gesellschaft von der staatstragenden Ideologie trennt, und sei es auch nur de facto. China ist hierfür ein Beispiel.

Wie die Menschen wirklich denken, bleibt jedoch sowohl dem Besucher wie auch dem System selbst meist verborgen. Ich würde auf Basis meiner vielen Gespräche mit Nordkoreanern, darunter auch solche, die das Land verlassen haben und

daher relativ offen sprechen können, argumentieren, dass die Ideologie in Nordkorea noch immer von der großen Mehrheit verinnerlicht und mitgetragen wird.

Das hat mit der engen Verknüpfung von Ideologie und Nationalismus zu tun, mit der vom Staat aktiv aufrechterhaltenen Kriegs- und Belagerungsmentalität und dem nahezu ungebrochenen Informationsmonopol des Staates.

Allerdings lehrt gerade die Erfahrung der DDR auch, mit solchen Einschätzungen vorsichtig zu sein. Viele derer, die am

7. Oktober 1989 winkend an der Tribüne mit Erich Honecker und seiner Altherrenriege vorbeizogen, hatten im Herzen längst mit ihm und seinem System abgeschlossen und unterstützten nur Tage später die Wende.

Der zunehmende Wohlstand einer wachsenden mittelständischen Schicht in Nordkorea und die vor allem aus China ins Land fließenden Informationen sind die Grundlage dafür, dass auch in Nordkorea die monolithische Ideologie schwächer wird. Kim Jong-ils Warnung vor »ideologischer Aushöhlung « von 1995 könnte sich bewahrheiten.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch:

"Nordkorea - Innenansichten eines totalen Staates" von Rüdiger Frank, DVA Sachbuch, 432 Seiten.

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