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3 Gründe, warum die Börsenkrise nur eine Casino-Illusion ist

28/08/2015 09:49 CEST | Aktualisiert 28/08/2016 11:12 CEST
Bloomberg via Getty Images

Es ist faszinierend: Kaum machten die Aktienkurse am Montag eine kollektive Bewegung nach unten, tauchen unzählige Experten auf, die uns erklären, von welchen fundmentalen Wirtschaftsdaten dieser Einbruch verursacht wurde. Gleichzeitig wird die Angst geschürt, dass dies erst der Anfang einer Negativspirale sei.

Dabei ist die Börse weit entfernt davon, unsere wirtschaftliche Realität objektiv wiederzugeben. Sie ist ein großes Casino und ihre Ausschläge sind stark eingefärbt von Denkreflexen, die evolutionär entstanden sind, als unsere Vorfahren noch in Wäldern um ihr Überleben gekämpft haben. Keinesfalls ist sie ein Orakel für unsere Zukunft - es sei denn, wir erheben sie dazu.

3 Börsenmythen

Diese Woche waren es angeblich der Rückgang des chinesischen Wirtschaftswachstums (War das nicht schon seit Monaten absehbar ?), der Rückgang der Rohstoffpreise (War das nicht bisher der Grund für einen Boom ?) und die Griechenlandkrise (War nicht sogar ein 'Grexit' längst eingepreist ?), die die Aktienkurse zum Wochenanfang haben einbrechen lassen.

Diesen Behauptungen liegen drei wesentliche Mythen zu Grunde:

1. Die Börse reagiert sachlich auf wirtschaftliche Fakten

2. Aktienkurse spiegeln reale Unternehmenswerte wieder

3. Externe Makrofaktoren haben einen eindeutigen Effekt auf die Wirtschaft

Alle drei Annahmen sind zwar fest verankert in der klassischen betriebswirtschaftlichen Lehrmeinung, sie sind jedoch in großen Teilen lückenhaft.

Mythos 1: Die Börse reagiert sachlich auf wirtschaftliche Fakten

Ein Aktienkurs pendelt sich bei demjenigen Wert ein, bei dem ebenso viele Händler bereit sind, Unternehmensanteile zu verkaufen wie andere bereit sind, diese zu kaufen. Da beide Seiten der Überzeugung sind, in der Zukunft damit das bessere Geschäft zu machen, basiert jeder Kurs somit auf diametral divergierenden subjektiven Wetten auf zukünftige Handelschancen - nicht auf einer objektiven Bewertung.

Die Einschätzungen orientieren sich in der Regel an Vergangenheitsleistungen der Firmen (denn nur diese sind öffentlich verfügbar) sowie einer Prognose über die zukünftigen Marktchancen.

Dschungelinstinkte am Werk

Hier entstehen die ersten Verwerfungen:

In unserer immer dynamischeren Wirtschaft können die letzten Quartalsleistungen immer weniger über die zukünftige Unternehmensentwicklung aussagen. Dennoch dienen sie weiterhin - auch mangels Alternative - als wesentliche Ankerpunkte, an denen sich die Börse kollektiv orientiert.

Da wir darüber hinaus für die Zukunft instinktiv eher mehr von dem bisher Bekannten erwarten, als mit einer plötzlichen Änderung rechnen, werden dann Trends aus der Vergangenheit über komplexe Algorithmen in die Zukunft extrapoliert.

Beides entspricht evolutionär entstandenen Denkreflexen aus Urzeiten, als unser tägliches Überleben einem weitgehend vorgegebenen Rhythmus der Natur unterworfen war, dem wir mit lückenhaften Informationen schutzlos ausgeliefert waren.

Mythos 2: Die Börse spiegelt die tatsächlichen Unternehmenswerte wieder

Aber was sind Unternehmen wirklich wert? Und warum entwickeln sie sich immer wieder völlig anders, als es der Markt prognostiziert?

Für die drei Schlüsselfaktoren des Unternehmenserfolges - den Kunden, das Produkt und die Organisation - haben kürzere Produktlebenszyklen, schwindende Kundentreue und immer komplexere Prozesse die Aussagekraft von Vergangenheitsdaten für zukünftigen Erfolg massiv schwinden lassen.

Über die Zukunft entscheiden die Mitarbeiter

Zukünftiger Unternehmenserfolg hängt heute immer mehr ab von kontinuierlicher Innovationsleistung sowie der Kompetenz als Organisation, innerhalb von vernetzten Systemen mit Kunden und Partnern flexibel, aber effizient zu operieren.

Diese Fähigkeiten ergeben sich allerdings nicht aus der transaktorischen „Schlagleistung" innerhalb von Standardprozessen, sondern werden entschieden vom individuellen Engagement der Mitarbeiter, sich selbstmotiviert im Sinne des Unternehmens einzubringen.

Solange wir jedoch Mitarbeiter in Unternehmensbilanzen weiterhin nur als Kostenfaktor und nicht als Wert behandeln, werden Quartalszahlen zu immer trüberen Glaskugeln und die Wetten auf die Zukunft immer spekulativer.

Mythos 3: Die Wirtschaft gehorcht klaren Gesetzen

Während wir seit Newton wissen, dass ein Apfel dank der Gravitationkraft auf die Erde fällt, wenn wir ihn loslassen, so gibt es real keine Effekte in der Wirtschaft, die eine solch linear vorhersehbare Konsequenz haben.

Ein Rückgang von Rohstoffpreisen mag negative Konsequenzen auf die Rohstoff exportierenden Länder haben, wirkt allerdings gleichzeitig stimulierend auf die Kostenstruktur der Rohstoffkunden - was wiederum ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Jede Bewegung löst also zeitgleich eine Vielzahl gegenläufiger Feedback-Reaktionen aus, die nicht vorhersehbar sind.

Außerdem reagieren Märkte nicht nur rational, sondern oft emotional und durchaus auch einmal kollektiv irrational.

Wir sind handlungsfähige „Wirtschafts-Schmetterlinge"

Der von Edward Lorenz in den 60er Jahren für die Grenzen von Wettervorhersagen beschriebene „Schmetterlingseffekt", bei dem ein Flügelschlag eines Falters in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann, gilt auch in der Wirtschaft: Es ist das Zusammentreffen vieler kleiner Dinge, die mittelfristig massiv Märkte beeinflussen können - und diese sind nicht vorhersagbar.

Da unser Gehirn aber das instinktive Bedürfnis hat, Vergangenheitsereignisse rational nachvollziehen zu können, versuchen wir nachträglich plausibel zu begründen, von welchen Wirtschaftsfaktoren die Börsenveränderungen (angeblich) verursacht wurden.

Wirtschaftliche Entwicklungen können aber ebenso wenig mittelfristig zuverlässig vorhergesagt werden wie das Wetter. Die nachträglichen Begründungen geben uns lediglich die Illusion, unsere Zukunft unter Kontrolle zu haben.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Ein Einbruch um 10% des DAX bedeutet also keineswegs einen tatsächlichen Wertverlust der Unternehmen in ähnlicher Höhe, sondern nur eine plötzliche kollektive Korrektur der bisherigen Wetteinschätzungen an der Börse.

Diese verstärkt sich ab einer bestimmten Schwelle kollektiv, da auch für Experten das Mitlaufen mit der Masse ein weiteres ererbtes Erfolgsrezept unserer Urahnen ist.

Weil wir darüber hinaus Verluste fast doppelt so sehr fürchten wie wir uns Gewinne wünschen, sind Ausschläge nach unten dramatischer als nach oben.

An dieser Stelle wird die Börse jedoch zu einem der besten Beispiele für „selbsterfüllende Prophezeiungen":

Wenn wir jetzt kollektiv in den Trend-Chor einstimmen, verändert unser Pessimismus unser Konsumverhalten und wir befeuern die Krise selbst.

Dem Herdentrieb widerstehen

Erst wenn die Börse die Menschen in den Unternehmen in ihre Bewertung einbezieht, wird sich das Börsencasino wieder mehr der Realität nähern.

Bis dahin sollten wir uns mit der Einschätzung unserer Zukunft weder durch einen scheinbar kontinuierlichen Anstieg der Kurse einlullen noch durch einen plötzlichen Einbruch verängstigen lassen.

Unsere Zukunft ist ganz wesentlich von uns selbst beeinflussbar - sowohl als Individuum als auch als Unternehmen. Wie in allen Situationen im Leben können wir uns dem Trend beugen - oder unsere Zukunft mitgestalten.


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