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Rosie Waterland Headshot

Das kleine Mädchen, das keiner wollte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MDCHEN
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Liebe Tayla,

es tut mir so leid, kleine Schwester.
Es tut mir so leid, dass Du das kleine Mädchen warst, das niemand wollte. Du hattest etwas viel Besseres verdient.

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Tayla im Kindergarten. Sie ist in den letzten Jahren schon in einigen Pflegefamilien gewesen

Es tut mir leid, dass Mama anfing, tagelang zu verschwinden, als Du noch ein Baby warst. Als Deine großen Schwestern fühlten Rhiannon und ich uns verantwortlich für Dich und versuchten, uns um Dich zu kümmern. Aber ich war erst sieben und sie erst zehn. Wir wussten überhaupt nicht, was wir tun sollten. Wahrscheinlich hätten wir jemanden anrufen sollen, der uns hätte helfen können, aber wir hatten zu große Angst, wieder weg zu müssen.

Es tut mir so leid, dass die Damen vom Jugendamt uns bei Oma unterbrachten und Du nicht da bleiben durftest, weil das zu viel für Oma geworden wäre. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich es für Dich gewesen sein muss, Deine Schwestern im Rückfenster immer kleiner werden zu sehen, als Du in einem fremden Auto weggefahren wurdest.

Es tut mir leid, dass jedes mal, wenn wir zurück zu Mama kamen, sie betrunken war und Du Angst vor ihr hattest. Es tut mir leid, dass Du schon als Krabbelkind wusstest, dass laute Musik aus Mamas Zimmer das Zeichen dafür war, dass sie sich wieder betrank. Es tut mir leid, dass Du als Kleinkind schon wusstest, was „betrunken sein" bedeutet.

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Rosie und Tayla als Kinder

Es tut mir leid, dass Du schon bevor Du in die Schule kamst, gelernt hattest, wie Du Mama davon überzeugen konntest, sich nicht umzubringen. Es tut mir leid, dass ich in Deinen Augen mehr Weisheit und Schmerz erkennen konnte als Du erst fünf warst, als bei den meisten Erwachsenen, die ich seitdem kennengelernt habe.

Es tut mir so unendlich leid, dass, als Du Mama nach Jahren voller Chaos und Instabilität endgültig weggenommen wurdest, es für Dich nicht besser wurde. Die Leute, die sich um Dich hätten kümmern sollen, ließen Dich ebenfalls im Stich.

Es tut mir leid, dass unsere Tante und unser Onkel Dich beim Jugendamt ablieferten, weil sie sich nicht mehr um Dich kümmern wollten. Es tut mir leid, dass Du da mit Deinem kleinen Koffer sitzen und Dich fragen musstest, was Du falsch gemacht hattest.

Es tut mir leid, dass ich in einer stabilen Familie landete und Du auf Dich alleingestellt im System durchschlagen musstest. Es tut mir leid, dass Du in zahllosen Heimen untergebracht wurdest - manchmal nur für eine Nacht. Es tut mir leid, dass Du einsam warst und so ausgehungert nach ein bisschen Zuneigung, dass Du noch immer weinen must, wenn Du mir von der Pflegemutter erzählst, die Dich einmal auf dem Parkplatz eines Fast-Food-Restaurants umarmt hat.

Es tut mir leid, dass Du bei einer Frau gelandet bist, die Dich zwang auf dem Küchenboden zu schlafen, wenn Du ins Bett gemacht hattest. Es tut mir leid, dass Du bei einer anderen Frau gelandet bist, die ein Tierhorter war und einen Keller voller Hunde hatte. Es tut mir leid, dass Du bei einem Pflegevater warst, gegen den später wegen sexuellen Missbrauchs eine Untersuchung lief.

Es tut mir leid, dass niemand aus unserer Familie Deinen ersten Schultag erlebte. Stattdessen musstest Du bei Gwen leben, die Dir die Haare büschelweise ausriss und Dich grün und blau schlug. Es tut mir leid, dass sie Dich nachts im Dunkeln aus dem Haus ausschloss und Dich zwang im Auto im Kofferraum zu sitzen, da „das der Platz für Hunde ist". Es tut mir leid, dass sie das zu Dir sagte als Du fünf warst und dass Du Dich noch immer lebhaft daran erinnerst. Es tut mir leid, dass Deine Sozialarbeiterin Dir nicht glaubte, als Du ihr sagtest, dass Gwen Dir wehtat.

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Tayla heute

Es tut mir leid, dass, als Du mit sieben endlich dauerhaft zu einer Pflegemutter kamst, diese kalt und lieblos war. Es tut mir leid, dass sie mit ihren zwei Töchtern wesentlich liebevoller umging. Es tut mir leid, dass sie mit ihnen zu Ausflügen und in den Urlaub fuhr und Du nicht mitkommen durftest.

Es tut mir leid, dass sie immer aufhörten zu reden, wenn Du den Raum betratst. Es tut mir leid, dass Du Deine Sozialarbeiterin anbetteln musstest mit Dir einkaufen zu gehen, weil Deine Schuhe Löcher in den Sohlen hatten. Es tut mir leid, dass Du nachts alleine und weinend in Deinem Zimmer saßt und Dir wünschtest, Du könntest mit mir oder Rhiannon telefonieren. Es tut mir leid, dass Du Dich sieben Jahre wie ein ungebetener Gast in ihrem Zuhause gefühlt hast.

Es tut mir leid, dass Mama aufhörte, Dich zu besuchen. Es tut mir leid, dass Du sie so sehr vermisst hast, dass Dein wertvollster Besitz Geschenkpapier war, in dem Du einmal ein Geschenk von ihr bekommen hattest.

Es tut mir leid, dass Du, seit Du 16 warst, mehr oder weniger für Dich alleine sorgen musstest. Rhiannon und ich haben unser Bestes versucht, um Dir zu helfen, aber wir wissen nicht wirklich, was wir machen.

Mir tut so vieles leid, Tayla. Es tut mir leid, dass Deine Kindheit einsam, chaotisch und sorgenerfüllt war. Es tut mir leid, dass Du bei einer Frau lebtest, die kaum mit Dir sprach, während ich ins Internat gehen durfte. Es tut mir leid, dass ich nicht so für Dich da war, wie ich es hätte sein sollen. Es tut mir leid, dass ich nicht darauf bestanden habe, dass wir drei nicht getrennt werden.

Es tut mir so unendlich leid, dass das System versagt hat. Ich weiß, dass Du noch immer unter der Vergangenheit leidest und das tut mir leid.

Aber wichtiger als all diese Entschuldigungen ist, dass ich stolz auf Dich bin, Tayla. Ich bin stolz, dass Du es überstanden hast. Ich bin stolz, wie intelligent, freundlich, weise und voller Mitgefühl Du bist. Ich bin stolz, dass Du mit Deinen 20 Jahren beschlossen hast, Jugendsozialarbeiterin zu werden, um Kindern zu helfen, die das Gleiche durchmachen wie Du.

Ich bin stolz, dass Du Dich zu einer so unglaublichen jungen Frau entwickelt hast, trotz allem was Du als kleines Mädchen, das keiner wollte, erlebt hast.

Es tut mir leid, dass Du so viele Entschuldigungen verdienst, obwohl Du eigentlich so viel Besseres verdient hast.

Deine Dich liebende Schwester Rosie

Dieser Blogeintrag erschien ursprünglich auf mamamia.com.au
Alle Fotos wurden von Rosie Waterland zur Verfügung gestellt.

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