BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Rosie Fischer Headshot

Ich habe 16 Jahre lang meine kranke Mutter gepflegt - dem deutschen Staat war es am Ende egal

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Ich wurde geboren, um mein Leben aufzugeben. Heute bin ich 58 Jahre - 16 davon habe ich verloren. Mein Leben lang musste ich mir von meiner Mutter anhören: "Rosie, du wirst dich um uns kümmern, wenn wir alt sind."

Im Gegenzug sollte ich das Häuschen bekommen, in dem ich aufgewachsen bin. Gekommen ist alles ganz anders. Ich habe meine Mutter bis zum Tod gepflegt - und mich dafür aufgegeben.

Oben im Video: "Erschütternde Zahlen: Fast sechs Millionen Menschen droht Altersarmut"

Jetzt habe ich keine Arbeit, keinen Frieden und es ist ungewiss, ob ich das Häuschen behalten kann. Der deutsche Staat und seine oft so ungerechten Gesetze machten mir das Leben schwer.

Wenn man anfängt, zu pflegen, kann man sich nicht ausmalen, wohin es führen wird

Mit 79 Jahren kam meine Mutter nicht mehr alleine zurecht. Mein Vater war zwanzig Jahre zuvor gestorben - mein Halbbruder mütterlicherseits konnte oder wollte sich nicht um sie kümmern. Mir war immer klar: Das Altersheim wäre Mutters schlimmster Albtraum.

Ich beschloss also, die Pflege selbst in die Hand zu nehmen. Ich hatte damals noch einen Vollzeitjob - und anfangs war der Pflegeaufwand damit auch noch gut vereinbar. Hin und wieder für Mama einkaufen gehen, etwas im Haushalt und bei der Körperpflege helfen - mehr war es zunächst nicht.

Wenn man anfängt zu pflegen, kann man sich jedoch nicht ausmalen, wohin es führen wird.

Mamas Zustand verschlechterte sich zusehends. Sie brauchte immer mehr Hilfe. Schon bevor 2003 ihre Demenz einsetzte konnte ich nur noch Teilzeit arbeiten. Durch die Teilzeitarbeit bekam ich nur einen befristeten Vertrag. Der wurde jedoch nicht verlängert und mit einem Mal war ich arbeitslos.

Ich musste 24 Stunden, sieben Tage die Woche für sie da sein

Ich suchte einen neuen Job, aber erfolglos. Mit einem Pflegefall in der Familie ist es fast unmöglich, Arbeit zu finden. Es ist wie, wenn man kleine Kinder hat, nur dass es da aufwärts geht. Die Kinder werden schließlich größer und selbstständiger. In der Pflege geht es stetig abwärts. Es wird mit der Zeit immer heftiger.

Ich fand keine Arbeit und verschrieb mich, als ich meine Mutter nicht mehr allein lassen konnte, nur noch ihrer Pflege. Menschen, die auch einen Angehörigen pflegen, verstehen, was das heißt. Und von ihnen gibt es einige in Deutschland:

Ende 2015 waren in der Bundesrepublik knapp 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig - das sind die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Davon werden 71 Prozent zuhause gepflegt - mehr als zwei Drittel.

Der Grund dafür ist wohl derselbe wie meiner: Die Bedingungen in den deutschen Pflegeheimen schrecken ab. Dass dort viel zu wenig Personal für eine angemessene Betreuung der Bedürftigen verfügbar ist, ist kein Geheimnis mehr. Ich verstehe jeden älteren Menschen, der nicht in ein Pflegeheim möchte. Und ich verstehe jeden Angehörigen, der diesen Wunsch respektiert.

Trotzdem: Einen Angehörigen zu pflegen ist Schwerstarbeit. Für mich war es eine Gratwanderung, bei der ich fast täglich an meine Grenzen stieß und oft darüber hinaus gehen musste.

2017-09-07-1504783952-2794140-CopyofHuffPost3.png
Hartz IV, Wohnungsnot, Armut: Viele Menschen in Deutschland sind betroffen - hier sind ihre Geschichten

Ich habe komplett auf mein eigenes Leben, eine Karriere und meine Gesundheit verzichtet

Mit der fortschreitenden Demenz und den stetig nachlassenden Körperkräften meiner Mutter musste ich 24 Stunden an sieben Tagen die Woche das ganze Jahr über für sie da sein. Es gab keinen Feierabend, keinen Feiertag, kein Wochenende und auch keinen nennenswerten Urlaub.

Meine Mutter begann, wichtige Dinge zu verlegen, brauchte Hilfe beim Gang zur Toilette und sie vergaß zu trinken. Daran musste ich sie alle halbe Stunde erinnern.

Sie war die angenehmste Person solange sie ihre Ruhe hatte, aber Trinken und Waschen waren oft genug der Horror - dabei wurde sie häufig handgreiflich und hat mich aufs Übelste beschimpft. Einzig das Essen verlief zumeist unproblematisch und das Frühstück mit selbstgemachter Marmelade war oft der Höhepunkt des Tages - das hat sie geliebt.

Außerdem war sie nachtaktiv. Manchmal schlief sie zwei Nächte hintereinander gar nicht. Ich war dann mit ihr wach. Die letzten Jahre kam noch häufig Wundversorgung dazu. Sie hatte dünne Haut an den unteren Extremitäten, die schon bei den täglichen Verrichtungen aufreißen konnte. Die Wunden mussten danach täglich versorgt werden.

Zuletzt kamen Dekubiti hinzu, Druckgeschwüre durch das Liegen, die auch durch ständige Umlagerung meiner Mutter und eine entsprechende Matratze nicht aufzuhalten waren.

Wegen der zeitintensiven Pflege habe ich habe komplett auf mein eigenes Leben, eine Karriere und meine Gesundheit verzichtet.

Mehr zum Thema: "Wir leisten Knochenarbeit und kommen gerade so über die Runden" - so menschenunwürdig sind die Arbeitsbedingungen in der Pflege

Die Kasse sparte sich mit mir rund tausend Euro

Finanziell kamen wir gerade so über die Runden. Wenn ich mir mal eine kleine Auszeit rausschlagen konnte, arbeitete ich selbstständig als Mediendesignerin, meinem gelernten Beruf. Mein Sohn, zu dem Zeitpunkt in Ausbildung, gab uns auch ein wenig Geld und half, soweit es ihm möglich war, bei der Pflege mit. Und auch mein Partner hat mich finanziell unterstützt. Ohne diese Nebeneinkünfte und die Hilfe wären wir nicht ausgekommen.

Das Pflegegeld, das meine Mutter von der Pflegekasse bekam belief sich in der Pflegestufe Eins auf 205, in der Stufe Zwei auf 410 Euro. Dazu bekam sie eine verschwindend geringe Rente.

Als meine Mutter Vollzeitbetreuung brauchte, beantragte ich die Hochstufung in die Pflegestufe Drei. Das lehnte die Pflegekasse ohne Begründung und Gutachten ab. Erst als ich dort drohte, meine Mutter in ein Heim zu bringen, bewilligten sie die Hochstufung.

Damit spart sich die Kasse schließlich rund tausend Euro. Den Umzug in ein Heim hätte sie nämlich hoch bezuschussen müssen.

Wenn ich zwei Wochen im Jahr Urlaub wollte, hatte ich hinterher oft Zoff mit der Pflegekasse wegen der Kosten. In dieser Zeit wurde das Pflegegeld ausgesetzt und einen Teil der Kosten musste ich selbst bezahlen.

"16 Jahre Pflege zählen gar nichts"

Die Ungerechtigkeit ist mir da erst so richtig ins Auge gesprungen: Ich opfere mich 16 Jahre lang für meine Mutter auf - und der Staat nutzt das aus. Obwohl er sich mit meiner Arbeit viel Geld spart, muss ich um jeden Cent kämpfen.

Nur weil ich das tat, kam ich durch. Mit der Hochstufung meiner Mutter in Pflegestufe Drei bekam sie schließlich monatlich 675, später 700 und zuletzt 728 Euro. Das war, mit der Rente, meinem Taschengeldeinkommen und den Zuwendungen von meinem Sohn und meinem Partner, genug zum Leben.

Auf den Luxus einer eigenen Lebensplanung zu verzichten, fällt leicht, wenn es nur für eine gewisse Zeit ist. Ich dachte immer, der Kampf, mein eigenes Leben zurück zu gewinnen, würde enden, wenn meine Mutter sterben würde. Ich sollte nicht Recht behalten.

Mehr zum Thema: Pflege in den eigenen 4 Wänden - und woran es öfter scheitert

Vor gut zwei Jahren starb meine Mutter im Alter von 95 Jahren. Ich war mir sicher: Jetzt ist die Zeit gekommen, mich wieder meinem Leben zu widmen. Mir war Mutters Haus versprochen und ich wollte wieder mehr arbeiten, mich auf mich selbst konzentrieren.

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ein Notar meine Pflegeleistungen und die schriftliche Abmachung über den Nachlass des Hauses mit einem Satz für nichtig erklärt: "16 Jahre Pflege und die Vereinbarung zählen gar nichts."

Die, die am meisten leisten, bekommen am wenigsten

Da witterten die Kinder meines inzwischen verstorbenen Halbbruders ihre Chance, aus Dankbarkeit und Wohlwollen wurde Gier. Der Notar hatte ihnen ja schließlich die Hälfte des Hauses vorgerechnet. Sie fordern seitdem von mir, das Haus zu verkaufen und ihnen ihren Teil zu überlassen. Dass in diesem Haus Erinnerungen, der Wille ihrer Großmutter, das Geld meines Vaters und vor allem meine Existenz liegen, das zählt für sie gar nichts.

Genauso wenig wie für den deutschen Staat. Ich habe 16 Jahre Lebenszeit an meine Mutter verschenkt. Ich habe versucht, ihren Lebensabend so angenehm wie möglich zu gestalten und darauf bin ich stolz. Aber am Ende soll ich nichts davon haben?

Bei der Pflegekasse musste ich um jeden Cent kämpfen. Jetzt, wo alles vorbei ist, zählt der schriftliche Wille einer toten Frau und mein Opfer an sie gar nichts mehr. Seit mittlerweilen mehr als zwei Jahren kämpfe ich um mein Zuhause, muss mir immer wieder infame Lügen der Gegenseite gefallen lassen und habe keine Ahnung wie lange das noch so geht oder wie es für mich endet.

Bestärkt hat mich nur die Initiative gegen Armut durch Pflege, hier hatte man ein offenes Ohr für mich:

Als Mitglied kann ich mich dort mit anderen pflegenden Angehörigen austauschen und Menschen in ähnlicher Situation für den Kampf gegen die Ungerechtigkeiten finden. Das gibt mir Kraft.

Doch vom deutschen Staat fühle mich im Stich gelassen.

Es heißt, hier haben wir eine Leistungsgesellschaft. Davon spüre ich aber nichts. Denn Fakt ist: Die, die am meisten leisten, bekommen am wenigsten.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Franziska Kiefl.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.