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Nur Siege zählen - über die EURO 2016 und das EU-Referendum in Großbritannien

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BREXIT
dpa
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Das Satiremagazin Private Eye ist berühmt für seine bissigen Sprechblasen-Witze auf der Titelseite, wie zuletzt der Vergleich mit dem Torschuss auf ein leeres Fußball-Tor. Da gibt es das Bild, in dem das englische Team sich auf den Abflug zur EM in Frankreich vorbereitet. Ein Spieler der englischen Fußballmannschaft meint: "We'll be out of Europe in time'. Bald sind wir raus.

Die Europameisterschaft hat längst begonnen, das Finale findet am 10. Juli statt. Am 23. Juni entscheiden die Briten über einen Austritt aus der EU. Ich habe die spannende Aufgabe, über beides für BBC World News zu berichten. Wer weiß, mit welcher politischen Situation wir es beim EM-Finale im Vereinigten Königreich und in Europa zu tun haben werden?

Die englische Fußball-Mannschaft ist in vieler Hinsicht eine willkommene Zielscheibe

Die meisten Anhänger haben ihre Erwartung und Enttäuschung hin zu niedriger Erwartung und kompletter Enttäuschung heruntergeschraubt. In den vergangenen 20 Jahren aalten sich die Spieler mit Frauen und Kindern in der Sonne, bevor sich irgendwer auf das Halbfinale der WM oder EM einstellte.

Ein Mitfiebern mit der englischen Mannschaft wurde stetig uninteressanter. Mittelmäßige Viertelfinale, mit Ausnahme eines vorzeitigen Aus in der Vorrunde bei der WM in Brasilien bedeuten, dass die Unempfindlichkeit bei jedem Aus wuchs. Erst wird über den Wind gewettert, dann stehen wir mit zuckenden Achseln mitten drin.

Wenn England bei der Euro 2016 wieder in sein übliches Muster verfällt und wieder einmal die großen Begeisterungstürme ausfallen, könnte es beim Referendum nicht anders sein. Ich kann gar nicht genug betonen, wie ungewöhnlich, wichtig und überaus merkwürdig diese Abstimmung ist.

Da ich schon mal mit Fußball angefangen habe, möchte ich noch einmal darauf eingehen. Es ist, als gäbe es ein Turnier, bei dem Spieler für eine Gruppe von Teams spielen. Dann gäbe es aber noch ein anderes Turnier, bei dem sie alle Zugehörigkeiten über Bord werfen und zwei neue große Teams bilden. Natürlich gäbe es weder einen Schiedsrichter noch rote oder gelbe Karten. Die Partie der beiden großen Teams wird immer schmutziger, dennoch bleiben alle Spieler auf dem Feld. In der Theorie kehrt dann nach dem Spiel jeder zu seiner ursprünglichen Seite zurück und macht weiter.

Soweit zur Theorie. Beim Fußball ist das gang und gäbe. Während Manchester United und Manchester City in der englischen Premier League verhasste Rivalen sind, spielen in Frankreich Spieler beider Mannschaften für England und verstehen sich prächtig.

In der Politik funktioniert das bisher allerdings noch nicht so ganz. Es ist immer noch beachtlich mit anzusehen, wie Justizminister Michael Gove versucht, die Argumente seines Tory-Kollegen und Premiers David Cameron zu zerpflücken. Oder wie sich der ehemalige Premierminister Sir John Major, ebenfalls aus der konservativen Partei, ein fadenscheiniges Urteil über Boris Johnson erlaubt, der in seiner Partei derzeit großes Ansehen genießt.

Die oppositionelle Labour-Partei wird angeführt von einem Mann, der die EU offen anzweifelt.

Bei einem großen Fototermin der Labour-Partei diese Woche stand Jeremy Corbyn im Zentrum, um Unterstützer für einen Verbleib in der EU zu mobilisieren. Dies ist nicht unwichtig, denn sollte die Abstimmung zugunsten der EU ausgehen, müssten die Labour-Wähler zum einen ihr Votum abgeben und sich dann auch noch für ein Bleiben in der EU entscheiden. Keines von beiden ist garantiert.

So etwas gab es selten: Ein konservativer Premierminister braucht die Anhänger der Opposition, um seine Position zu stützen, damit einige seiner engsten Kollegen ihm nicht einen möglicherweise tödlichen Stoß für seine Führung versetzen. Wäre diese Abstimmung nicht so wichtig, hätte dieses ganze Spektakel selbst für politikverdrossene Beobachter einen hohen Unterhaltungswert. Es ist wie eine WM, die nur alle 40 Jahre stattfindet. Noch eine Fußball-Analogie. Das Referendum ist größer als eine Parlamentswahl und dazu sehr viel entscheidender.

Für Großbritannien hat die Abstimmung eine noch größere Bedeutung, da der Ausgang nachhaltig die Art und Weise prägen wird, wie das Land in Zukunft mit der Welt interagieren und welchen wirtschaftlichen Regeln es folgen wird. Außerdem kann man sich nicht wie bei den Parlamentswahlen nach fünf Jahren wieder anders entscheiden. Und es hat auch für den Rest der Welt, insbesondere Europa eine sehr viel größere Bedeutung.

Die EU steht bereits jetzt unter enormem Druck

Die Schuldenkrise in Griechenland im letzten Jahr hat deutlich gemacht, wie schwierig es ist, eine Währung und unterschiedliche Wirtschaftsmodelle unter einen Hut zu bekommen, und wie damit Kompromisse in der Souveränität unvermeidbar sind.

Es ist kein Geheimnis, dass die meisten internationalen Abkommen oder Organisationen einen Kontrollverlust nach sich ziehen; gehört quasi mit dazu. Zu sehen, wie dieser offengelegt wurde, als Deutschland und andere Staaten Griechenland über nötige Reformen aufklärten, im Gegenzug zu neuen Finanzpaketen, empfanden einige immer noch als recht unangenehm.

Letzten Sommer schien Griechenland noch eine der größten Zerreißproben der EU zu sein. Heute ist es die Flüchtlingskrise, die einige der wichtigsten Grundsätze dessen, was die EU sein will, untergräbt. Als Ungarn anfing, den Flüchtlingsstrom zu unterbinden, wurde das Land erst schwer kritisiert, bis es ihm andere Mitgliedsstaaten gleich taten.

Reisefreiheit und eine Verpflichtung zu kollektivem Handeln sind zwei der Gründe, warum die EU überhaupt existiert. Beide wurden kompromittiert, als Europa auf die Ankunft von Millionen von Flüchtlingen übers Mittelmeer reagierte. Der Austritt eines EU-Mitglieds ist etwas anderes und darf nicht passieren.

Die EU versucht unablässig zu wachsen. Dass nun genau das Gegenteil geschieht, ist undenkbar. Und das ist nicht übertrieben. Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates, stellte diese Woche eine kühne Behauptung auf: Eine Stimme für den Ausstieg Großbritanniens „könnte der Anfang vom Ende sein, nicht nur der EU, sondern auch der gesamten westlichen politischen Zivilisation." Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Auf eines können wir uns wohl alle einigen: Es steht einiges auf dem Spiel. Ich liebe Fußball, doch müsste ich wählen, wüsste ich, was ich diesen Juni lieber verfolgen würde. Es heißt, der Journalismus stellt den Erstentwurf der Geschichtsschreibung. Ob Historiker das, was man heute beobachtet, in einigen Jahrzehnten noch gut heißen werden, weiß man oft nicht. Der 23. Juni wird sich auf viele kommende Generationen auswirken, während auf die englische Mannschaft bei der WM in zwei Jahren die nächste Chance wartet.

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Outside Source auf BBC World News wird präsentiert von Ros Atkins. Für den Sender moderiert er die Berichterstattung zum EU-Referendum, u. a. das Programm zum Abstimmungsergebnis am 24. Juni - von 6.00 bis 23.00 Uhr MEZ. Anschließend berichtet er wieder aus Paris über die EURO2016. @BBCRosAtkins 

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