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Flüchtlinge: Wie Bildung ihnen neue Brücken bauen kann

16/11/2015 11:27 CET | Aktualisiert 16/11/2016 11:12 CET
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Im Moment konzentrieren sich die Diskussionen zu Flüchtlingen meist auf die Problematik der Erstaufnahme. Aber schon jetzt drängt sich in unseren Köpfen eine weitere Frage in den Vordergrund: die Frage, wie wir diejenigen, die dauerhaft bei uns bleiben, richtig und effektiv integrieren können. Eines ist sicher: Aus- und Weiterbildung werden dabei eine zentrale Rolle spielen müssen.

Mit Sicherheit sorgt sich niemand während einer Flucht aus dem Heimatland um Ausbildung oder Arbeit. Es geht um den Schutz der Familie, um das eigene Überleben. Ebenso sicher kommt jedoch die Zeit, spätestens wenn nach ein paar Monaten über Asylstatus und Bleiberecht entschieden wurde, in der man sich wieder nach Normalität sehnt: die Kinder in die Schule schicken, einen guten Job finden.

Und an dem Punkt wird es kompliziert. Denn die Anrechnung der Ausbildung oder des Studiums aus dem Heimatland bedeutet mindestens viele Gänge von Amt zu Amt. Wenn es schlecht läuft, bleibt für manche Betroffene nur Taxi fahren.

Hier kann Bildung neue Brücken bauen. Bildung ist ein essenzieller Integrationshebel. Nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern ebenso für ihre erwachsenen Eltern und Verwandten, die in Deutschland an ihre begonnene Karriere anknüpfen wollen. Bildung ist nicht nur Wissen, sondern - leider - auch häufig eine bürokratische Voraussetzung, um für manche Positionen überhaupt als Bewerber in Betracht zu kommen. Erkennt Deutschland den Heimatabschluss eines Migranten nicht an, benötigt er einen aus der neuen Heimat.

Besitz geht verloren, Know-how bleibt

Doch die Geflohenen haben immer noch einen Trumpf im Ärmel: Denn anders als ihre Zeugnisse, Zertifikate und sonstige Dokumente haben sie ihre Fähigkeiten nicht zurückgelassen. Diese können sie in Deutschland in einem ähnlichen Job einbringen wie zuhause. Handwerkliches Können, Sprachfertigkeiten oder technische Expertise verliert niemand so einfach - die Frage ist nur, ob er sie als Aushilfe oder als Projektleiter einsetzen darf.

Eine mögliche Strategie für den Neuanfang ist es also, zur Not mit der Aushilfsstelle zu beginnen und sich parallel dazu weiterzubilden. Diese Doppelbelastung ist anstrengend, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Das beweisen viele tausend Erwachsene, die neben ihrer Vollzeitarbeit noch Weiterbildungen oder ganze Studiengänge absolvieren.

Viele Bildungsanbieter und Hochschulen in Deutschland zeigen sich Berufstätigen gegenüber heute sehr flexibel. Sie haben Studienmodelle entwickelt, die im Spannungsfeld zwischen beruflichen Anforderungen und Studium unterstützen.

Arbeit plus Bildung gleich Zukunftschancen

Diese Gleichung klingt verlockend: Arbeit plus Bildung gleich Zukunftschancen. Doch sie ist nicht ohne bürokratische Hürden. Für anspruchsvolle Weiterbildungsprogramme gibt es festgelegte Vorkenntnisse, die Bewerber mitbringen müssen. Ein ausländischer Studieninteressent beispielsweise muss an staatlichen wie an privaten Hochschulen eine Hochschulzugangsberechtigung und Sprachkenntnisse nachweisen. Hindernisse, die abschrecken können.

Umso wichtiger sind Anstrengungen der Politik und der Bildungseinrichtungen selbst, beim Überwinden solcher Hindernisse zu unterstützen. Unsere Hochschule schreibt daher aktuell Stipendien für Flüchtlinge aus. Solche Weiterqualifizierungen lohnen sich sowohl für den Geflüchteten als auch für sein Aufnahmeland: Ersterer gewinnt eine berufliche Perspektive und langfristige Aufstiegschancen in der neuen Heimat.

Das Land gewinnt einen gut ausgebildeten, hochmotivierten, in Arbeitsmarkt und Gesellschaft integrierten Mitbürger. Oder wie es der Vizekanzler kürzlich im Bundestag formulierte: „Ausbildung und Arbeit sind die beste Art der Integration."

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