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Was wir von Vampiren lernen können

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TWILLIGHT
Stuart Wilson via Getty Images
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Allzu menschliche Vampire

Der Twilight-Hype ist abgeflacht. Trotzdem: Vampire faszinieren uns und gehören definitiv zu den Lieblingsmonstern der Deutschen. Auch Autorin Odine Raven ist auf den Blutsauger gekommen: Drei ihrer Romane handeln von den geheimnisvollen Gestalten, weitere sind in Arbeit. Dabei stellt die Self-Publisherin die Wesen als überaus menschlich und verletzlich dar. Für ihr Leben habe sie sehr viel von ihren Romanfiguren gelernt. Ich bin verduzt und frage nach.

1. Menschlichkeit

Vampire sind die menschlichsten unter den Monstern. So übernatürlich sie auch dargestellt werden, sie faszinieren uns durch ihre Ähnlichkeit mit den Menschenkindern. „Der Vampir, das sind wir alle", bestätigt Stefan Keppler-Tasaki, Forscher an der Freien Universität Berlin. Das gilt auch für Derius aus der romantisch-mystischen Ascalon-Reihe von Odine Raven. Die Hauptfigur im gleichnamigen Roman ist ständig hin- und hergerissen. Zwischen Liebe und Pflicht, zwischen Bedürfnissen und seiner schattenhaften Vergangenheit.

„Die eigenen Ziele verfolgen und dabei moralisch handeln ist ein Spannungsfeld, in dem wir uns alle bewegen", sagt die Autorin. In den vergangenen 20 Jahren haben die Blutsauger in Filmen und Büchern begonnen, die gesellschaftlichen Normen überzuerfüllen und wandelte sich vom grausamen zum edlen Übermenschen, hat der Wissenschaftler herausgefunden. Für Raven ist es bei den Vampiren wie bei den Menschen auch: dazu, das Richtige zu tun, muss man sich entscheiden.

2. Langfristiges Denken

Ziele setzen und diese auch verfolgen. Ein Thema mit dem viele Menschen Probleme haben. Aber für Vampire ist langfristige Planung überlebensnotwendig. Sie überdauern Jahrhunderte, sie erkennen historische Entwicklungen und antizipieren diese. Außerdem müssen die Blutsauger darauf reagieren und sich entsprechend anpassen. Derius tut dies, indem er im Informationszeitalter keine Menschen mehr beißt, um sich zu ernähren.

Allzu schnell hätte sich das über das Internet herumgesprochen. Er isst ganz normal, wie andere Menschen auch. Aber das Verlangen nach Blut bleibt, auch wenn er es bekämpft. Das Umhangträger keine Menschen mehr beißen, um sich zu ernähren, sei eine klassische Wendung in den medialen Vampirdarstellungen der neueren Zeit, sagt der Literaturwissenschaftler. Der 37-Jährige glaubt, dass „der Vampir der Mensch in Extremform" ist und man „deshalb an seinem Beispiel viel über die Menschen lernen kann". Er sei eine Projektionsfläche für menschliche Wünsche und Ängste.

3. Blick von der Metaebene

Viele unserer menschlichen Probleme müssen einem Wesen, das so lange lebt und so viel gesehen hat, klein und unbedeutend vorkommen. „Es hilft, den Zeitgeist einmal durch Vampiraugen zu betrachten", schmunzelt Raven. Das fängt mit kleinen Problemen an: Wie kommt ein Untoter durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen? Bis hin zu den existenziellen Dingen: Müssen wir außer Terror und Krieg nicht auch Zeit für Selbstverwirklichung und Liebe finden? Um mit den eigenen Problemen klarzukommen, hilft es auf jeden Fall, so Raven, einen Schritt zurückzutreten und die Angelegenheit aus der Ferne zu betrachten.

„Die Perspektive ändern ist schließlich immer gut", sagt die Autorin, die unter Pseudonym veröffentlicht. Da spricht sie aus eigener Erfahrung, denn die Geschichte von Derius, Name der Hauptfigur und ihres ersten Buches, entstand über eine Songidee. Eigentlich wollte die Sängerin und Songwriterin einen Titel für ihre Band texten. „Irgendwann habe ich mich hingesetzt und angefangen zu schreiben. Und als ich fertig war habe ich gesehen, das ist die erste Seite eines Buches."

4. Für sich selbst einstehen

Oft verfolgt und für Forschungszwecke missbraucht. Als angsteinflößende Gestalten benutzt, um Kinder zu erschrecken oder Menschen kleinzuhalten. Neue Vampire müssen auch egoistisch sein. Während des Schreibens begann die Mittvierzigerin und Mutter von drei Kindern, ihre Figuren nicht nur zu lieben, sondern auch von ihnen zu lernen.

„Ich jongliere zwischen meinen Rollen als Sängerin, als Mutter, als Lehrerin und als Schriftstellerin. Oft werde ich gefragt, ob das nicht stressig ist. Aber ich nenne das das Leben." Sich nicht den Erwartungen anderer unterzuordnen, nicht auf den vermeintlich günstigeren Zeitpunkt für die Erfüllung eigener Bedürfnisse zu warten, sondern hier und jetzt ein spannendes, glückliches Leben zu leben - das genauso zu sehen haben ihr die Vampire beigebracht.

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5. Innere Dämonen überwinden

„Sich auf das Leben einzulassen, und die eigenen Dämonen zu überwinden, zum Schutze derer, die wir lieben. Das ist es, was wir Menschen von den Vampiren lernen können", sagt die Autorin. Jeder hat einmal Selbstzweifel, auch Vampire.

Dass sie sich verändern können und aus Mördern Helden werden, die selbst zwischen Moral und Verlangen hin- und hergerissen sind, ist nur konsequent. Dass wir aber einen freien Willen haben und uns gegen die „dunkle Seite der Macht" entscheiden können, das zeigen Derius und seine Artgenossen in Ravens Romanen.

„Oder auch nicht", ergänzt die Autorin, „denn wie in jeder guten Geschichte gibt es auch hier die Bösewichte, die es zu überwinden gilt". Die Vampirgeschichte kann an sich nicht neu erfunden werden, behauptet Keppler-Tasaki. Es gebe feste Bestandteile, wie etwa dass Vampire einen Blutdurst verspüren. Die Autoren und Regisseure müssen variieren. „Da war es nur eine Frage der Zeit, bis aus dem bösen Untoten der strahlende Held wurde."

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