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Kindheit: Spielen analog

13/05/2017 10:56 CEST | Aktualisiert 13/05/2017 10:56 CEST
Caiaimage/Paul Bradbury via Getty Images

Warum Bauklötze und Spielplatz auf's Leben vorbereiten

„Du Dummi, das geht ganz anders", ruft meine sechsjährige Nichte und reist mir das Smartphone aus der Hand. Wie viele Kinder ist die Kleine ein Naturtalent wenn es ums Handy-Daddeln geht. Doch Experten warnen: Zu viele Digitalstunden blockieren die Entwicklung von Sprache, Kommunikation und Motorik. Ein Plädoyer für das Spielen mit realen Gegenständen.

„Spielen ist in jedem Alter wichtig", weiß Maria Große Perdekamp von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Aus eigenem Antrieb lernen Kinder dabei die Welt, ihren Körper und sich selbst kennen. „Denken Sie an Bauklötze", fordert mich die Erziehungsexpertin auf, „die ganz Kleinen erkunden die Würfel mit Mund und Hand. Sie lernen: Ich kann mich bewegen, ich kann greifen oder loslassen." Dreijährige hingegen spüren beim Turmbauen, dass sie erschaffen und zerstören können, während Grundschulkids wie meine Nichte die Klötze mit Figuren zu einem Zoo kombinieren und so Kreativität und Denkfähigkeit schulen. „Das sind Dinge, die Eltern ihren Kindern nicht beibringen können", erklärt Große Perdekamp. Der Nachwuchs muss diese Erfahrungen selbst machen.

Zweitklässler können nicht mehr rückwärts laufen

Doch anstatt im Sand zu buddeln und mit Freunden Verstecken zu spielen, drücken schon unter Dreijährige lieber auf Smartphone und Tablet herum. Spiel- und Lern-Apps versprechen optimale Förderung. Laut einer Studie des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte verbringen fast zwei Drittel der Kinder im Krippen- und Kita-Alter mindestens 30 Minuten pro Tag an einem mobilen Endgerät. Experten wie Große Perdekamp sehen diese Entwicklung skeptisch. „Die Handy-Zeit fehlt für andere, tatsächlich entwicklungsfördernde Dinge - wie Malen, Brettspiele oder Bewegung im Freien." Die Folgen sind mitunter gravierend: „Mancher Zweitklässler kann weder Rückwärtslaufen noch eine Schleife binden", berichtet die Erziehungswissenschaftlerin. Neben motorischen bleiben auch emotional-soziale Fähigkeiten auf der Strecke. Denn die App-Spiele funktionieren in der Regel ohne Freunde oder Eltern.

„Papa, warum funktioniert der Zoo nicht?"

Und noch ein Aspekt ist besorgniserregend. Babys und Kleinkinder bringen Realität und digitale Welt immer häufiger durcheinander. Auf YouTube grassieren Videos, in denen Kleinkinder versuchen Tiere im Zoo mittels Fingerbewegung heran zu zoomen oder Zeitschriften mit der typischen Wisch-Geste umzublättern. Wie sich die verschwimmenden Grenzen auf das Gehirn der Babys auswirken, ist bisher nicht erforscht. Feststeht: Die Sinneseindrücke, die ein Touchscreen bietet, sind karg.

Softwareentwickler und Familienvater Rainer Brang kennt die magische Anziehungskraft, die mobile Medien auf den Nachwuchs haben. Kids gänzlich von iPad und Co. fernzuhalten, hält der 42-Jährige trotzdem für keine gute Idee. „Alles was ich verbiete, wird noch reizvoller", findet Brang. Stattdessen reguliert der Geschäftsführer tägliche Nutzungszeiten und plant mit seinen Söhnen Fabian und Martin bewusst medienfreie Tage ein.

Wertvolle Stunden beim Basteln, Kochen und Toben

Die verbringt das Dreier-Gespann nicht selten in der Werkstatt. Stunden fliegen dahin. Vater und Sohn sind glücklich und verbunden. Sogar eine Geschäftsidee entsprang einer solchen Session. Den Hörbert, einen stabilen Holz-Musikspieler für Kinder, produziert der Hobbywerker seit sechs Jahren in Serie. Um Eltern-Kinder-Gespanne zum kreativen Miteinander anzuregen, gibt's die Klangkiste auch als Bausatz zu kaufen. Natürlich aus nachhaltig angebauten Materialen aus der Region.

„Gemeinsam etwas zu erschaffen macht glücklich und fördert die Kids in besonderem Maße", weiß auch Erziehungsfachfrau Große Perdekamp. Dabei ist es egal, ob die Kleinen mit Mama Sandburgen bauen, mit Papa eine Höhle kreieren oder mit Freunden einen Kuchen backen. Beim gemeinsamen Wirken lernen die Sprösslinge sich an soziale Regeln zu halten, mit Frust umzugehen und sich in andere hineinzuversetzen. Daneben vergrößern sie durch die Ansprache ihren Wortschatz. Aus anfangs dünnen Nervenbahnen formen sich so mehrspurige Straßen mit Kreuzungen und Abzweigungen. Je komplexer diese Netze, desto bunter die Palette, mit der Mädels und Jungs später Probleme lösen können.

Lernen finden im Leben statt - oder auf dem Spielplatz

Eins hab ich heute verstanden: Lernen findet im Leben nicht am Handy, Tablet oder Computer statt. Nur wenn es auf echten Erfahrungen basiert, ist Wissen nachhaltig. Zeit mit meiner Nichte mal wieder auf den Spielplatz oder - wenn es der deutsche Sommer jemals zulassen sollte - ins Freibad zu gehen. Beim Klettern, Schaukeln und Planschen hat mein Schützling dann sowieso keine Lust mehr auf dem Handy zu spielen.

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