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Flüchtlinge: Mit einer Handtasche nach Deutschland

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FLUECHTLING ALTENPFLEGE
dpa
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Als die Häuser vor ihrem Fenster brennen, weiß Gordana T., dass sie fliehen muss. Mit Handtasche und Tochter macht sich die 26-Jährige 1993 auf nach Deutschland.

Aus Freunden Wurden Feinde

Die Pflegekraft in einem bayerischen Pflegeheim wohnt damals mit Mann und Kleinkind auf dem Dorf in Bosnien. Kroaten, Bosnier, Serben leben miteinander in Freundschaft. Am Nachmittag plaudern Frauen bei einer Tasse Kaffee auf dem Balkon. Am Wochenende liegt der würzige Duft von Cevapcici in der Luft. Kinder spielen Fangen. Erwachsene sitzen im Garten, lachen, diskutieren und singen.

Dann kommt der Krieg. „Plötzlich waren Freunde Feinde. Meine Nachbarin sprach kein Wort mehr mit mir", erinnert sie sich. Nationalistische Banden hetzen die Bevölkerungsgruppen gegeneinander auf. Bald eskaliert die Lage. Auch in Gordana T.s Heimatdorf stehen Häuser in Flammen.

„Ich hatte Glück, dass mein Vater mich rausgeholt hat", weiß die Altenpflegerin. Er war schon 1970 nach Deutschland ausgewandert.

"Was Soll Man Auch Mitnehmen, Wenn Man Flüchtet"

Mit dem Auto holt der Gastarbeiter die junge Mutter und ihre vierjährige Tochter ab. Viel Zeit zum Packen bleibt nicht. „Was soll man auch mitnehmen, wenn man flüchtet." Papiere, Fotos und Geld landen in der Handtasche. Das weinende Kind an sich gedrückt, verlässt die Flüchtende Haus und Mann. Er muss bleiben, der Familie Zuhause beistehen.

Zehn Stunden Autofahrt folgen. Das Trio überquert die österreichische, dann die deutsche Grenze unbehelligt. Grasende Kühe und rauschende Baumwipfel im Morgenwind bilden einen grotesken Kontrast zum feuergeröteten Himmel und den Schüssen der Maschinengewehre in Bosnien.

Alle Sechs Monate Bangen

Ein halbes Jahr später gelingt auch Ehemann Mato die Flucht. Die Familie ist vereint. Ein dauerhaftes Bleiberecht bekommen die Geflüchteten aber nicht. Sie sind geduldet. Alle sechs Monate sitzen sie vor einem Sachbearbeiter der Asylbehörde und hoffen auf Verlängerung. Gordana T.s Brüder flüchten ebenfalls nach Deutschland. Nur die Schwester bleibt in Bosnien. Monatelang weiß niemand, wie es ihr geht.

Nach einem Jahr darf Mato T. arbeiten. Ein schwedischer Möbelriese stellt den gelernten Kellner ein, obwohl er kein Deutsch spricht. Der Familie geht es gut. Drei Jahre nach Kriegsende, 1998 fordert die Bundesregierung bosnische Flüchtlinge auf, in den Balkan zurückzukehren. Auch Familie T. wird ausgewiesen und reist nach Kroatien.

Das Geld Reicht Kaum Zum Leben

Die wirtschaftliche Lage nach dem Krieg ist katastrophal. Zerstörte Häuser und leere Läden zeichnen die Straßenzüge. Frustrierte Arbeitslose lungern herum. Vier Jahre lang finden die Rückkehrer keine Jobs. „Ich war mit 33 für viele Arbeitgeber zu alt", berichtet die gelernte Krankenschwester. Tochter Nummer zwei kommt zur Welt. Das Geld reicht kaum zum Leben. 2001 beschließt die Familie, dass Gordana T. Arbeit in Deutschland suchen soll.

Zeitgleich startet ein Pflegeheimträger aus Bayern eine Auslandsinitiative. Kroatische Pflegekräfte sollen den Personalstamm stützen. Die ausgebildete Krankenpflegerin bewirbt sich und bekommt ihre Chance. Wieder heißt es Abschied nehmen. Dieses Mal muss sie auch ihre Kinder in den ärmlichen Wohnräumen in Kroatien zurücklassen.

Für Pflegebedürftige zählt Menschlichkeit

Mit neun Bewerbern reist Gordana T. nach München, macht einen Deutschkurs und absolviert die sechsmonatige Schulung zur Fachkraft für Altenpflege. „Dass mein Deutsch nicht perfekt ist, war nie ein Problem", sagt die heute 48-Jährige. Für Bewohner sei wichtiger, dass sie Menschlichkeit zeige.

Gordana T. pflegt geduldig und liebevoll. Da sehen die Senioren ihr sprachliche Defizite nach. Mit Hand und Fuß bringen sie ihr fehlende Worte bei. „Alle hier haben sich bemüht, mir weiterzuhelfen", so Gordana T.. Lediglich die Dokumentation bereitet ihr anfangs Probleme. Kollegen stehen ihr auch dabei zur Seite. Sie gehen Behandlungsschritte mit der Migrantin durch, schreiben gängige Formulierungen auf und korrigieren, wenn ein Wort fehlt.

Zuhause ist jetzt Deutschland

Nach anderthalb Jahren kann Gordana T. ihre Familie zu sich holen. Ihr Mann bekommt einen Job in der Küche des Hauses. Sie ziehen in eine Wohnung auf dem Pflegeheim-Gelände. Die Bosnier fühlen sich wohl im einst fremden Land. Zurück in den Balkan möchte niemand. Zuhause ist jetzt Deutschland.

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