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„Wir haben Angst" - Pakistans schrumpfende liberale Minderheit

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Wenn man aus Neu Delhi kommt, ist die Reise ins Nachbarland Pakistan ein kleines Abenteuer. In den folgenden Zeilen berichte ich aber nicht über die Beziehungen der zerstrittenen südasiatischen Nachbarn mit ihren vielen negativen Auswirkungen. Hier soll es um Begegnungen mit pakistanischen Liberalen gehen und solchen Pakistanern, die sich zum Liberalismus bekennen in der mehrheitlich muslimisch geprägten Islamischen Republik Pakistan.

„Wir fürchten um unser Leben", sagt ein TV-Redakteur, der ungenannt bleiben will. Jedes Mal, wenn er nach der Sendung in sein elektronisches Postfach blickt, türmen sich dort die Hassbotschaften und Morddrohungen, so der Journalist.

In Karachi hatten mich politische Freunde zu einem Vortrag eingeladen. Ich sollte über „Liberalismus in der Defensive" sprechen. „In der Defensive" ist eine gute Zustandsbeschreibung für die Liberalen Pakistans. „Ohne klare Botschaft" und „ohne organisatorische Einheit" sind weitere Zustandsbeschreibungen.

Eine Methode, die Lage des Liberalismus eines Landes zu bewerten, ist der Blick auf die Organisationen, die diese Werte vertreten. In vielen so genannten entwickelten Demokratien sind es liberale politische Parteien. So etwas gibt es in Pakistan nicht - und auch nicht in den Nachbarländern Südasiens.

In diesem Teil der Welt organisieren sich liberale Menschen, die die Welt verbessern wollen, vorrangig in Nichtregierungsorganisationen (NROs), in denen - anders als in vielen Teilen der Welt - nicht linke Ideologen den Ton bestimmen. In Südasien stehen zivilgesellschaftliche Organisationen häufig an vorderer Front, wenn es um urliberale Anliegen geht, so etwa die Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten, die Rechtsstaatlichkeit oder die Korruptionsbekämpfung.

Nur vereinzelt hörte ich den Begriff Säkularismus. Wenn es um religiöse Themen geht, ist in Pakistan Vorsicht geboten. „Freiheit muss mit unseren kulturellen Werten kompatibel sein", sagt ein Gesprächspartner und versucht über diesen Umweg seine Ablehnung gegen Homoehe und Geschlechtergleichheit zu erklären.

Bald wird klar, dass viele der sich liberal nennenden Pakistaner das Bekenntnis zu den liberalen Grundprinzipien relativieren. Tatsächlich sind die liberale Werte, die für moderne Europäer heute mehr oder minder selbstverständlich sind, das Ergebnis einer politischen Meinungsbildung, die von westlichen Parteien beherrscht wurde und wird. Außerhalb des westlichen Kulturkreises und besonders in der islamisch geprägten Welt haben viele Menschen, die sich liberal nennen, Probleme mit diesem vermeintlichen Konsens.

Gleichwohl gibt es in liberalen Kreisen Pakistans keine Einigkeit über eine Definition der individuellen Freiheit und deren anzustrebende Ausgestaltung, vor allem aber ihre Grenzen, die häufig durch Vorgaben des Islam definiert sind.

Hass und Paranoia

Einigkeit gibt es hingegen in der Wahrnehmung, dass Intoleranz zugenommen habe und der Raum für abweichende Meinungen geschrumpft sei. Die wachsende Intoleranz gehe einher mit der Zunahme extremistischer Gewalt. „Gewaltbereiter Fundamentalismus und eine engstirnige Haltung zum Islam sind der Nährboden für die Gewalt", schreibt Syed Mohamed Ali in einem Kommentar einer führenden Tageszeitung.

Das Problem der wachsenden Intoleranz ist das Ergebnis schlechter, voreingenommener und sektiererischer Lehrpläne an allen Schulen Pakistans,

meint der Kommentator.

Es gehört nicht viel dazu, das Erziehungssystem als die Achillesverse des pakistanischen Liberalismus zu bezeichnen.

In wenigen anderen Ländern der Welt sind die Narrativen von Hass, kollektiver Opferrolle und Paranoia sowie Verschwörungstheorien derart ausgeprägt wie in Pakistan

sagt Madiha Afzal, die den Zusammenhang von Lehrplänen und Extremismus studiert hat.

Die Wissenschaftlerin verschweigt nicht, dass es Politiker sind, die im Schulterschluss mit religiösen Kräften und einem großen Teil der Medien diesen Zustand fördern.

Das Zusammenspiel dieser Mächte schränkt den Raum der Liberalen zusehends ein. Auch sie sehen sich in der Opferrolle und bezeichnen sich als die „schrumpfende liberale Minderheit". Ein besonderes Problem der sich zum Liberalismus bekennenden Gruppen ist die fehlende Abgrenzung zu den Machthabern. Ihre Gegner beschreiben die Liberalen als pro-westliche Claqueure, als ein Teil eines politischen und wirtschaftlichen Establishments, das aller wohlklingenden Parolen zum trotz wenig getan habe, um die materielle Lage der großen Mehrheit der Menschen zu verbessern.

In einem gnadenlosen Kommentar unter der Überschrift „Das Problem der pakistanischen Liberalen", geht Vaqar Ahmed so weit, die (liberalen) Opfer der islamistischen Exzesse für die Eskalation der Gewaltspirale selber verantwortlich zu machen.

„Die Talibanisierung Pakistans ist nicht die Ursache, sondern ein Symptom des Problems", schreibt er.

Religiöse Extremisten fallen nicht mit Selbstmordvesten vom Himmel. Jeder Effekt hat eine Ursache, und die Verantwortung für das Aufkommen der Fanatiker liegt voll und ganz bei jenen, die sich säkular und liberal nennen.

Auch in Pakistan haben illiberale Kräfte das wohlklingende Attribut „liberal" entführt und für die Beschreibun ihrer eigenen anti- liberale Politik verfälscht. Dies hat zu einer Delegitimierung des Liberalismus in breiten Volksschichten geführt. Das ist die schlechte Nachricht.

Es gibt auch eine gute Nachricht: Bei meinem Besuch habe ich viele Menschen kennengelernt, die trotz schwieriger Umstände für freiheitliche Prinzipien, Menschenrechte, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftlichen Fortschritt streiten.

Diese Menschen verdienen unsere Achtung und Unterstützung - in einem Kampf, der bisweilen hoffnungslos erscheint.

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