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Streit ums Fleisch in Indien

20/09/2015 11:19 CEST | Aktualisiert 20/09/2016 11:12 CEST

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Die Kuh ist vielen Indern heilig. Selbst in den modernen Metropolen Indiens gehören streunende, scheinbar herrenlose Rindviecher zum Stadtbild. Nicht nur auf den Straßen genießen sie Schutz und Respekt. Für den gläubigen Hindu ist es unvorstellbar, das heilige Tier zu töten oder zu verzehren.

Kulturelle und religiöse Traditionen bestimmen in vielen Gesellschaften, was auf den Esstisch kommt - und was nicht. Vermutlich in keinem Land der Welt ist die Speiseordnung so politisiert wie in Indien.

Das liegt auch an der außergewöhnlichen soziologischen Vielfalt des Riesenlandes, die immer wieder zu Reibungen und Konflikten führt. Hier spielen nicht selten auch unterschiedliche Ernährungskulturen eine Rolle.

Für großes Aufsehen sorgt in diesen Tagen ein von der Landesregierung des Bundesstaates Maharashtra verhängtes zeitlich befristetes Fleischverbot. Es würde zu weit führen, den Streit ums Fleisch im Detail nachzuzeichnen.

Am Ende hat ein Urteil des Hohen Gerichtes von Mumbai die Anordnung im wesentlichen ausgesetzt. Das Verbot sei unvernünftig, diskriminierend und willkürlich, so das Gericht. Während sich liberal eingestellte Inder freuen, sind die Initiatoren des Fleisch-Banns verärgert.

Radikaler Vegetarismus

Mit dem zeitlich befristeten Verbot wollte der lokale Ableger der nationalistischen Hindu-Partei BJP - dies ist die Partei des Ministerpräsidenten Narendra Modi - sich bei der religiösen Minderheit der Jains einschmeicheln.

Die Jains sind für ihren radikalen Vegetarismus bekannt; besonders gläubige Jains tragen Mundschutz-Masken, um zu verhindern, dass sie versehentlich Insekten schlucken und auf diese Weise töten.

Mumbai, das frühere Bombay, ist nicht nur eine Hochburg der Jains. Die 20-Millionen-Metropole ist auch der Nabel des modernen, kosmopolitischen, säkularen Indiens. In dieser Stadt stoßen Welten aufeinander.

Der Streit um das Fleischverbot an religiösen Feiertagen ist nur einer von mehreren Konfliktpunkten - aber ein besonders emotionaler. Bei diesem Streit geht es am Ende um die grundsätzliche Frage der Selbstbestimmung und der individuellen Freiheit.

Was wann gegessen werden darf, klingt zunächst banal. Für die Inder ist Essen und Trinken ganz und gar keine Banalität. Es geht um ihre Weltanschauung.

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Das Fleischverbot von Mumbai ist kein Einzelfall. Auch in anderen von der hindunationalistischen BJP regierten Bundesstaaten wollen die Politiker den Fleischkonsum mit religiösen Argumenten ächten.

„Angetrieben von einem religiösen Fundamentalismus sollen jetzt bestimmte Nahrungsmittel verboten werden", lamentiert die Times of India. In den von der BJP regierten Bundesstaaten finde ein Wettkampf statt, wer sich am weitesten vorwagt in der Verbotspolitik, so die Zeitung.

Unter der Überschrift „Der Aufstieg einer intoleranten Nation" listet die Redaktion in einer ganzseitigen Dokumentation Nahrungs- und Alkoholverbote, zensierte Bücher und Filme, ja selbst ein öffentliches Kussverbot und restriktive Polizeistunden.

Das Blatt sieht nicht allein die liberale Demokratie gefährdet. Für die von den Verboten Betroffenen hätten die Restriktionen nachhaltig negative wirtschaftliche Auswirkungen - etwa für die vielen Menschen, überwiegend muslimische Inder, die in der Fleischindustrie ihr Geld verdienen.

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Eine Nation von Fleischessern

Der Streit um das Fleisch ist ein symbolischer Streit. Die Protagonisten wollen sich als moralische Tugendwächter und religiöse Saubermänner profilieren. Das ist besonders auffällig im Vorfeld von Wahlen. Und irgendwo und irgendwann finden in der größten Demokratie der Welt immer Wahlen statt.

An den realexistierenden sozioökonomischen Realitäten geht der aktuelle Konflikt vorbei. Denn Indien ist - aller religiöser Propaganda zum Trotz - eine Nation von Fleischessern! Lediglich 31 Prozent der Bevölkerung - so eine wissenschaftliche Untersuchung vor einigen Jahren - sind Vegetarier.

Erstaunlicher noch als diese Kenngröße, die empirisch mit dem Stereotyp der Vegetarier-Nation-Indien aufräumt, ist eine andere Statistik: Das südasiatische Land ist der größte Fleischexporteur der Welt.

Laut Angaben des US amerikanischen Landwirtschaftsministeriums liegt Indien beim Rindfleischexport vor Brasilien und Australien und verschiffte im zurückliegenden Jahr 2,4 Millionen Tonnen Rindfleisch ins Ausland.

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