Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Ronald Meinardus Headshot

Endstation Lesbos - Wie die griechische Insel mit den Folgen des Flüchtlingsdramas umgeht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2016-07-20-1469044260-7707930-ZehnKilometernachAnatolien.jpg.jpg
Gefangen im Paradies, oder: gestrandet, wo andere Urlaub machen. So oder so ähnlich könnte man die Lage der Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos beschreiben. Zum Teil beträgt die Entfernung zum türkischen Festland gerade zehn Kilometer. Diese Nähe macht Griechenlands drittgrößte Insel zu einem Magneten für Flüchtende, die von Asien nach Europa wollen.

Die Zeiten, da Lesbos angesichts des Massenandrangs der Flüchtlinge die internationalen Schlagzeilen erreichte, sind längst vorbei. Der Flüchtlingsdeal zwischen der Europäischen Union (EU) und der Türkei vom März hat Wirkung gezeigt: Waren es im vergangenen Sommer an einigen Tagen zigtausende Flüchtlinge, die an den Stränden von Lesbos erstmals europäischen Boden betraten, sind es derzeit wenige Dutzend - pro Monat!

Das Flüchtlingsdrama hat die Insel im Nordosten der Ägäis bekannt gemacht. Zeitweilig schien es, als reiche sich die internationale Prominenz die Klinke in die Hand. Den offiziellen Besuchern ging es darum, publikumswirksam Solidarität zu zeigen - mit den Flüchtlingen. Selbst der Papst aus Rom reiste an den griechisch-orthodoxen Standort.

Die plötzliche Prominenz hat bei vielen Insulanern indessen einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Traditionell leben die Menschen auf Lesbos vom Olivenanbau und der Ouzo-Produktion. Kenner schwärmen von der Qualität des Speiseöls; der Anisschnaps, den Familienunternehmen in zahlreichen Brennereien destillieren, findet weltweiten Absatz. Die wichtigste Einnahmequelle der Insel ist aber längst der Fremdenverkehr. Und sehr zum Leidwesen der örtlichen Bevölkerung ist das Geschäft mit den Touristen als unmittelbare Folge der Flüchtlingskrise zusammengebrochen.

„Wir verlieren zwei von drei europäischen Touristen", titelt die örtliche Tageszeitung „Embros" Anfang Juli und zitiert Daten des lokalen Flughafens. Gestrichene Charterfüge und stornierte bzw. ausgebliebene Buchungen summieren sich zu einem Verlust von einer halben Million Übernachtungen, so das Blatt.

Die Redakteure verweisen zur Erklärung auf eine repräsentative Umfrage, die der Verband der Griechischen Tourismusindustrie (SETE) in Auftrag gegeben hatte. Demnach sollen 52 Prozent der Deutschen bei ihrer Urlaubsplanung die Flüchtlingsfrage bedacht und daraufhin einen weiten Bogen um die Inseln an der griechisch-türkischen Grenze gemacht haben.

Auf die Negativwerbung hätten die Insulaner gerne verzichtet. Die geschäftsschädigende Publicity erklärt den Unmut der Menschen, wenn ihre Insel in den Medien nicht wegen ihrer vielen Attraktionen, sondern der ungeladenen Gäste, die auf der Flucht sind, in die Schlagzeilen gerät.

„Viele werden hungern"

Es ist ruhig geworden in Lesbos, es ist die Ruhe nach dem Sturm. „Dieses Jahr werden viele von uns hungern", sagt der Autovermieter am Hafen von Mytilini. Für viele Griechen, die vom Geschäft mit den Touristen leben, sind es vor allem die Sommermonate, die das Geld einbringen. Von einer Hochsaison ist bislang wenig zu spüren: Die Pension, in die ich mich einmiete, zählt zwölf Zimmer. Ich bin der einzige Gast.

Derweilen ist von den Flüchtlingen, deren Anblick die ausgebliebenen Touristen offenbar meiden wollen, wenig zu sehen. Man muss schon genau hinsehen, oder - gezielt - dort hingehen, wo die Menschen aus der Ferne sich versammeln oder zusammengehalten werden.

Da ist - um die positive Seite zu nennen - das Restaurant Damaskus an der Uferpromenade von Mytlini. Es ist ein Multikulti-Lokal, wie es sie in deutschen Großstädten zu Hauf gibt. Dort treffen sich allabendlich Araber und Griechen, und gern auch Touristen aus der benachbarten Türkei, und rauchen Wasserpfeife.

Weniger einträglich ist die Lage in den Lagern. Abgelegen von der Hauptstraße, die von Mytilini in den Norden der Insel führt, befinden sich das Aufnahmelager Moria und unweit davon entfernt die Container-Siedlung Kara Tepe. Dort leben, oder sagen wir lieber: hausen, die meisten. Alle eint das Warten auf einen Termin, an dem ihr Antrag auf Asyl bearbeitet wird.

2016-07-20-1469044334-7159627-WartenimFluchlingslagerMoria.jpg.jpg

Die griechische Bürokratie, das müssen auch die Flüchtlinge erfahren, ist nicht für ihre Effizienz bekannt. Die Erwartung, dass im Zuge des als historisch gefeierten Flüchtlingsdeals mit der Türkei pfiffige EU-Beamten Bewegung in den Antragsstau bringen, hat sich offenbar nicht erfüllt. Die Verfahren können Wochen, wenn nicht Monate dauern. Derweil dürfen die Flüchtlinge die Insel nicht verlassen.

Im europäischen Poker um Zuwanderer und Quoten ist Lesbos faktisch zur Endstation geworden.

Die Zeiten, da die Insel eine Durchgangsstation war auf der beschwerlichen, wenn auch berechenbaren Reise in den Norden sind vorbei. Die Blockade der Balkanroute beginnt hier unmittelbar an der südöstlichen Außengrenze der EU. Ein Ende dieses Zustandes ist nicht in Sicht.

Lesbos ist „Europas Wartezimmer", schreibt die „Washington Post" in einer Reportage. Nach amtlichen Angaben aus Athen warten hier 3500 Menschen auf eine Entscheidung, wie es mit ihnen weitergeht. Insgesamt sind über das ganze Land verteilt 57.000 Flüchtlingen in Hellas registriert.

Viele der Flüchtlinge auf Lesbos kommen aus Afghanistan, Pakistan und Bangladesch. Zu meiner Überraschung treffe ich im Flüchtlingslager Moria eine Gruppe von Indern. Die jungen Männer aus dem Punjab, die über politische Diskrimineirung klagen, werden es vermutlich schwer haben mit einem Antrag auf politisches Asyl.

Derweil sagen viele Flüchtlinge aus Afghanistan, sie werden gegenüber den Leidgenossen aus Syrien benachteiligt. Diesen Eindruck bestätigen Vertreter internationaler Hilfsorganisationen im Gespräch.

Eine Zukunft in Griechenland?

Auf der Überfahrt von Piräus nach Mytilini treffe ich Latif aus Afghanistan. Sein zweites Kind, so erzählt der Mann in gutem Englisch, sei auf der Flucht mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen. Zur Behandlung haben die griechischen Behörden den Säugling in eine Fachklinik nach Athen überwiesen. Jetzt hat der Vater, der wie seine Landsleute auf die Bearbeitung seines Antrags wartet, einen Passierschein für Besuchsreisen aufs Festland.

Latif ist gelernter Schweisser und würde gerne arbeiten. In seinem vorläufigen Ausweis steht, dass berufliche Tätigkeit verboten ist. Glück im Unglück hat der Afghane dennoch und er weiss es zu schätzen. Er und seine Familie zählen zur kleinen Gruppe derjenigen, die in einem Einzelzimmer eines modernen Hotels Unterschlupf gefunden haben.

Wo in besseren Jahren sonnenhungrige Touristen aus Westeuropa sich ausbreiteten, hat die Caritas für besonders „problematische" Fälle Zimmer gemietet. Latif ist Realist - und flexibel. „Wichtig ist vor allem, wir sind in Sicherheit", sagt er. Er könne sich vorstellen, hier in Griechenland zu bleiben.

Absehbar wird es für viele Flüchtlinge irgendwann auf genau das hinauslaufen - eine Zukunft in Hellas und nicht, wie zunächst geplant, in Deutschland, Belgien oder England. Denn: Griechenland ist ein kleines Land, politisch und diplomatisch schwach. Kaum anzunehmen, dass Athen Wege findet, die Herkunftsländer zu bewegen, die uneingeladenen Gäste zurückzunehmen.

Die Erwartung, dass viele der Flüchtlinge, die in Lesbos keine Aussicht auf Anerkennung haben, offiziell in die Türkei zurückgeschickt würden, ist nicht aufgegangen. Der große Plan vom März, an der griechischen Peripherie die Grundlage eines tragbaren Asyl-Verfahrens zu etablieren, ist bislang gescheitert. Angesichts der innenpolitischen Eskalation in der Türkei rechnet in Griechenland kaum jemand damit, dass die Vereinbarung zwischen Ankara und Brüssel irgendwann mit Leben gefüllt wird.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Mit dem Rückgang der Flüchtlinge ist auch die Zahl der freiwilligen Helfer geschrumpft. Zu Hochzeiten der Krise zog es Tausende von überwiegend jungen Flüchtlingshelfer nach Lesbos. Im Norden der Insel am Rande des Fischerdorfes Skala Sykamnias, befindet sich das Camp der skandinavischen Hilfsorganisation Lighthouse.

Während die Helfer früher alle Hände voll zu tun hatten, die an Land gespühlten Flüchtlinge mit dem Wichtigsten zu versorgen, sind die Aktivisten nun vor allem mit Aufräumarbeiten beschäftigt: an den Stränden haben die Flüchtlinge große Mengen von Rettungswesten, Kleidung und Schuhe zurückgelassen, auch Schlauchboote liegen verwaist herum.

2016-07-20-1469044207-4861653-AerzteohneGrenzenSchnellbooteinSkala.jpg.jpg

Bei den Dorfbewohnern von Skala kommen die Räumungsaktionen gut an.
Im kleinen Hafen liegen noch zwei Schnellboote der internationalen Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen", die auf dem Höhepunkt der Krise vielen Menschen das Leben gerettet hat. „Auch wir ziehen uns zurück", erklärt der Koordinator.

Die Menschen seien nett, so sagt der Mann aus Dänemark, doch die sprichwörtliche griechische „Foloxenia" (Gastfreundschaft) habe ihre Grenzen. Viele Einwohner von Lesbos, so erfahre ich, wollten nicht länger hinnehmen, dass Nichtregierungsorganisationen aus dem Ausland Arbeiten machen, die eigentlich in den Hoheitsbereich des griechischen Staates und seiner Verwaltung fallen.

Skala Sykamnias zählt zu den schönsten Orten, die das diesbezüglich verwöhnte Griechenland zu bieten hat. Im Schatten der kleinen Felskapelle sitzen die Männer und diskutieren über Politik. Sie trauen der Ruhe nicht. „Auf der anderen Seite warten Millionen von Menschen, die rüberwollen", sagt ein Fischer. Man ist sich einig, dass es einzig und allein die Regierung in Ankara ist, die den Schlepperbanden das Handwerk legen kann - und somit den Flüchtlingsstrom auf die Insel steuert.

2016-07-20-1469044291-4490762-SkalaSykamnias.jpg.jpg

Mit offenen Armen empfangen die Geschäftsleute auf Lesbos derweilen eine ganz andere Gruppe von Menschen aus Anatolien. Zu einer Stütze des Fremdenverkehrs sind in diesen schweren Zeiten ausgerechnet Feriengäste aus der Türkei geworden.

Im vergangen Jahr sollen es allein 50.000 gewesen sein. Zwischen der Insel und dem Festland herrscht ein regelrechter kleiner Grenzverkehr. Für die Überfahrt benötigen die Ausflugsboote eine Stunde; einige Besucher nehmen gar ihre Autos mit an Bord. Flüchtlinge sind von diesem sicheren und komfortablen Transportweg ausgeschlossen.

Sie müssen in die Grauzone der Schlepperbanden abtauchen, wenn sie nach Lesbos wollen. Auch deren Geschäft war einmal besser, die Flüchtlingszahlen sind, wie gesagt, rückläufig. Kürzlich erschien eine Meldung, dass vier Flüchtlinge bei der Überquerung ertrunken sind. Für die meisten Zeitungen war es allenfalls eine kleine Nachricht wert - wenn überhaupt.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Merkels Flüchtlings-Pakt steht vor dem Scheitern - die Ausreden sind peinlich

Lesenswert: