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Indiens Klima-Ziele: Ein Trillionen-Projekt

04/10/2015 18:54 CEST | Aktualisiert 08/10/2016 11:12 CEST

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Pünktlich zum Stichtag 1. Oktober hat Indien seine Klimaziele vorgelegt. Der Beitrag war mit Spannung erwartet worden. Mit seiner Bevölkerung von 1, 2 Milliarde Menschen ist Indien - nach den USA und China - der drittgrößte Klimasünder.

Lange hatten die Inder gezögert, größere Verantwortung in der internationalen Klimapolitik zu übernehmen. So lautete zumindest der Vorwurf in den westlichen Industriestaaten. Hier ist es jetzt zu einer bemerkenswerten Annäherung gekommen.

Als Indiens weltgewandter Ministerpräsident Narendra Modi kürzlich Amerika besuchte, ging es ihm in Silicon Valley um High Tech und in New York um die Reform der Vereinten Nationen. Bei dem anschließenden Gipfel mit Barack Obama in Washington dominierte das Klimathema.

Der Gastgeber war voll des Lobes für den Inder: „Das aggressive Bekenntnis von Herrn Modi für saubere Energie ermutigt uns", sagte Obama. Modi sprach von einem „kompromisslosen Bekenntnis" in der Klimapolitik, das ihn und Obama verbinde.

Amerika und Indien - so Modi weiter - erwarten ein „umfassendes und konkretes Ergebnis" bei der Pariser Klimakonferenz. Und schließlich: Indien hat „eine ehrgeizige nationale Agenda" vorzuweisen.

Wie diese nationale Agenda aussieht, steht in dem Plan, den die indische Regierung kurz vor Abgabeschluss beim Klimasekretariat der Vereinten Nationen eingereicht hat.

Dort verpflichtet sich Neu Delhi, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um ein Drittel - von 33 bis 35 Prozent ist die Rede - zu verringern. Das Bezugsjahr ist 2005. Der Plan sieht ferner vor, dass bis 2030 40 Prozent des Stroms aus nicht-fossilen Quellen gewonnen werden sollen. Mit Nachdruck wollen die Inder die Solar-, Wasser- und Windenergie ausbauen.

Wichtige Konditionalitäten

Während in den Pressemeldungen der Fokus auf den Klimazielen liegt, enthält das Dokument wichtige Konditionalitäten. Indiens klimapolitischer Aktionsplan ist nicht zum Nulltarif zu haben. Das Konzept kommt mit einer üppigen Rechnung daher.

Erwartungsgemäß wird diese vor allem von den reichen Industrienationen zu begleichen sein. Indien verlangt nicht nur eine Menge Geld, sondern auch den Transfer modernster Umwelttechnologie und Ausbildungshilfen.

Mit 2, 5 Trillionen Dollar beziffern die indischen Planer die Kosten des Projekts. Das ist eine Zahl, die für den Normalverbraucher schon wegen der 18 Nullen kaum nachvollziehbar ist.

Die Gigantonomie hat einen Grund. In indischer Sicht geht es um ein Jahrhundertprojekt: Gleichsam im Gleichschritt wollen Modi und seine Entwicklungsstrategen das zum Teil bettelarme Land aus dem Elend ziehen und mit ökologisch verträglicher Industrie und Technologie in die Moderne katapultieren.

Nach den Projektionen soll die indische Volkswirtschaft bis 2030 um das siebenfache wachsen. Gleichzeitig, so die klimapolitische Konzession Neu Delhis, würden die giftigen Treibhausgase „nur" dreifach steigen.

„Recht auf Wachstum"

Wer die Klimadebatte in Indien verfolgt, erkennt bald, dass allen ökologischen Schalmeienklängen zum Trotz die wirtschaftliche Entwicklung die erste Priorität bleibt. Diese Priorität trägt immer wieder ausgerechnet auch der indische Umweltminister Prakash Javadekar vor.

Gerade wieder und in zeitlicher Nähe zur Bekanntgabe der Klimaziele betonte Indiens Chef-Ökologe in einem Interview der New York Times: „Die Armutsbekämpfung ist unsere erste Priorität. Wir wollen schnellere Entwicklung. Mein Volk hat ein Recht auf Wachstum."

In der einen oder anderen Form wird auch Angela Merkel mit dieser Wachstumseuphorie konfrontiert werden, wenn sie Anfang kommender Woche im Rahmen der bilatralen Regierungskonsultationen in Neu Delhi mit Narendra Modi zusammentrifft.

In den deutsch-indischen Beziehungen stehen Umwelt- und Klimathemen längst im Mittelpunkt. Das zeigt sich auch in den gemeinsamen Erklärungen, die Spitzenbeamte der beiden Seiten in den zurückliegenden Tagen ausgehandelt haben.

Im kommenden Jahr will Berlin den Indern zinsverbilligte Kredite in Höhe von 1, 5 Milliarde Euro geben. Über vier Fünftel dieser Gelder gehen in Projekte, die mit dem Klimaschutz im Zusammenhang stehen.

Deutsche Technologie genießt in Indien einen famosen Ruf. Wenn es dann noch staatliche Unterstützung gibt, öffnen sich - dem Klimawandel sei dank - neue Marktchancen für heimische Unternehmen.

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