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Indiens Innenpolitik: Wie eine "Atombombe vor der Explosion"

01/11/2015 09:09 CET | Aktualisiert 01/11/2016 10:12 CET

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Huchangi Prasad ist noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Die Angreifer liessen von dem dreiundzwanzigjährigen Schriftsteller ab, nachdem sie ihn mit dem Messer drohten, sie würden ihm die Finger abschneiden, würde er jemals wieder zum Stift greifen.

Prasad ist Dalit, ein Angehöriger der Kaste der so genannten Unberührbaren, die traditionell ganz unten in der sozialen Ordnung Indiens angesiedelt sind. Weniger Erbarmen als die Angreifer des Schriftstellers zeigten wenige Tage später Brandstifter im nordindischen Bundesstaat Haryana, als sie das Haus einer Dalit-Familie anzündeten. In den Flamen kamen zwei Kinder ums Leben.

Die tödliche Gewalt gegen die Unter-Kaste ist in diesem Jahr scharf angestiegen, belegen Statistiken, die in indischen Medien zitiert werden. Beobachter erklären die mörderische Eskalation mit der ökonomischen Besserstellung der Dalits: Vielen Angehörigen der vielfach verachteten Kaste ist es im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung und des Aufschwungs gelungen, dem Elend zu entfliehen.

Der soziale Aufstieg der einstigen „Unberührbaren" sei eine Provokation für reaktionäre Hindus, die die traditionelle Kastenordnung in Gefahr sehen, heisst es. Das reaktionäre Lager - so die Erklärung weiter - sei verantwortlich für die Vergiftung des gesellschaftspolitischen Klimas im Lande. Dieses bilde den Nährboden für die tödliche Gewalt gegen die Dalits.

Wer in diesen Tagen indische Zeitungen liest, bekommt den Eindruck, Toleranz und das Grundrecht auf Meiungsfreiheit sind in Gefahr. Kein Tag vergeht ohne kritische Kommentare und Berichte von Protesten besorgter Inder, die die demokratische und säkulare Ordnung in der grössten Demokratie gefährdet sehen.

Apokalyptische Wirkung

Die Speerspitze einer wachsenden und bislang nicht organisierten Protestbewegung ist die intellektuelle Elite des Landes. Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler warnen bislang noch unkoordiniert (im Ergebnis indes unisono) vor einer schleichenden Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte.

Über vierzig Schriftsteller haben als Ausdruck des Protestes offizielle Ehrungen an die Literatur-Akademie zurückgegeben. In einem offenen Brief an den Staatspräsidenten prangert eine Gruppe renommierter Naturwissenschaftler „wachsenden Hass und Polarisierung" in der Gesellschaft an.

Indien gleiche heute einer Atombombe kurz vor der Explosion. Diese könne jederzeit stattfinden und die Nation in das absolute Chaos führen, so die apokalyptische Warnung der Gelehrten.

Der Hintergrund für die verbale Eskalation ist durchaus real. In den zurückliegenden Monaten haben oft tödliche Attacken auf religiöse Minderheiten und kritische Schriftsteller zugenommen. Für großes Aufsehen sorgte Ende September der Lynchmord in Dadri, einer Ortschaft unweit der Hauptstadt Neu Delhi, wo aufgebrachte Hindufanatiker den muslimischen Bauern Mohammad Akhlaq unter dem Vorwand er lagere Kuhfleisch, zu Tode geprügelt haben.

Die Opposition und Teile der Presse führen den Anstieg der Gewalt auf die Verrohung des politischen Klimas zurück. Hierfür machen sie Hindu-nationalistische Kreise im Schoße und im Vorfeld der Regierungspartei BJP verantwortlich.

Die Parteispitze hat wiederholt versäumt, die religiös motivierten Gewalttaten unzweideutig zu verurteilen. Gegner des Ministerpräsidenten Modi unterstellen der BJP gar eine klammheimliche Tolerierung des Extremismus. „Ich sage nicht, dass Modi wollte, dass Mohammad Akhlaq gelyncht wird - ihm war es nur egal, dass es pasiert ist", sagte der indische Schriftsteller Aatisch Taseer in einem Interview .

Ministerpräsident Modi hat einige Wochen verstreichen lassen, eher er sich zu der Bluttat äusserte. Dass der Mord ihn „traurig mache und unerwünscht" sei, diese lapidaren Worte haben viele Inder als zuwenig zu spät empfunden.

Ansätze eines Kulturkampfes

Indien ist ein Land im Aufbruch und im Umbruch: Die rapide wirtschaftliche Entwicklung, mit der die Regierung die Massenarmut überwinden will, führt zu gesellschaftlichen Veränderungen, die für viele konservative Inder unerträglich sind.

Zwei schwer vereinbare Weltbilder stoßen aufeinander, Ansätze eines Kulturkampfes werden erkennbar: Auf der einen Seite das moderne Indien, ein säkulares, liberales, multireligiöses Gemeinwesen, das sich auf die Verfassung berufen kann und die Chancen der kulturellen Öffnung im Zuge der Globalisierung ausschöpfen will. Auf der anderen Seite das konservative, reaktionäre Lager der Hindu-Nationlisten, die den Traum einer starken Hindu-Nation träumen und wenig von liberalen Freiheitsrechten, Multikulti und relgiöser Vielfalt halten.

„Die Weltsicht des Hindu-Nationalismus steht gegen die zentrale Idee der Verfassung, dass alle indischen Bürger unabhängig von Kaste, Geschlecht, Religion, Volkszugehörigkeit, Sprache oder Kultur absolut gleich sind und die gleichen Grund- und Bürgerrechte haben", schreibt die indische Autorin Ananya Vahpeyi und wirft den nationlalistischen Kreisen den Rückfall in alte, längst überholt geglaubte Denkmuster vor.

Auf die geballte Kritik aus dem oppositionellen Lager reagiert die Regierung mit dem Hinweis, auch vor dem Amtsantritt der BJP habe es interkommunale Gewalt und Diskriminierung gegeben.

Die wenigen neutralen Beobachter in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft verweisen derweil auf den Zeitpunkt der innenpolitischen Zuspitzung: Derzeit finden im nordindischen Bundesstaat Bihar über mehrere Wochen verteilt in mehreren Etappen Landtagswahlen statt.

Diese Wahlen, in diesem Punkt sind sich ausnahmsweise alle einig, sind das wichtigste politische Ereignis des Jahres. Traditionell ist Polarisierung in Indien ein beliebtes Mittel um auf Stimmenfang zu gehen. Wie kaum eine andere Partei beherrscht Modis BJP diese Mobilisierungsstrategie.

Das mag gut sein für den Ministerpräsidenten und seine Parteifreunde, hat aber - wie wir jetzt in aller Deutlichkeit gesehen - desolate Auswirkungen auf den sozialen Frieden und die nationale Harmonie.

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