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Indiens "Unberührbare" im Fadenkreuz der Hindu-Fanatiker

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INDIA POOR PEOPLE
Christopher Pillitz via Getty Images
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In Indien dreht sich vieles um die Kuh. Den Hindus ist sie heilig, sie zu verehren und zu schützen ist eine religiöse Pflicht. Der Schutz der Kuh ist längst auch ein Politikum. Kommentatoren schreiben über "cow politics" - Kuh-Politik.

Es besteht keine Einigkeit in Bezug auf den Umgang mit der Kuh, von einem kuhpolitischen, nationalen Konsens kann keine Rede sein. Der Hinduismus ist zwar die Religion der großen Mehrheit. Doch Indien, mit seinen 1, 3 Milliarde Menschen, ist ein multireligiöser Vielvölkerstaat - pluralistisch und vielfältiger als man es sich kaum vorstellen kann. Längst nicht alle Inder glauben die Kuh sei sankrosankt.

Zudem: Indien ist eine föderale Republik. In den 29 Teilstaaten gelten unterschiedliche Gesetze in Bezug auf die Kuh: In einigen ist das Töten des Rindviehs streng verboten, ja selbst der Besitz von Rindfleisch steht unter Strafe, in anderen Landesteilen gibt es keine Restriktionen.

Eine neue Erscheinung sind Bürgerwehren, die sich den Schutz der Kuh auf die Fahnen geschrieben haben. Die selbst ernannten Tugendwächter, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen, haben es vor allem auf Viehtransporte abgesehen. Auf den Landstraßen halten sie Lastwagen an und verprügeln Fahrer, die Kühe (oft sind es keine Kühe, sondern Büffel) befördern.

Die "Unberührbaren"

Einen nationalen Aufschrei hat ein brutaler Angriff einer Vigilantengruppe im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat ausgelöst. In einem kleinen Ort namens Una fesselten militante Kuhschützer vier Männer und schlugen erbarmungslos mit Stangen und Knüllen auf sie ein.

Die Opfer sind Mitglieder einer Dalit-Familie. Früher nannte man diese Menschen "Unberührbare" oder "Kastenlose". Die politisch korrekte Bezeichnung für diese, nach wie vor stigmatisierte und teilweise extrem marginalisierte, Gruppe ist Dalit - die "gebrochenen" Menschen.

Im indischen Kastensystem sind die Dalits traditionell, ja: von Geburt - verdammt, die schmutzigsten, unreinsten Arbeiten zu verrichten. Klassische Betätigungen sind das Reinigen von Latrinen. Oder - und dabei sind wir wieder bei der Kuh - die Entsorgung von Kuhkadavern.

"Seit Generationen häuten wir Kuh-Kadaver, nie zuvor sind wir bei unserer Arbeit angegriffen worden", sagt eines der Opfer von Una. "Wir sind Söhne von Hindus, und könnten niemals eine Kuh schlachten".

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Soziale Medien und politische Agenda

Die öffentliche Züchtigung wäre vermutlich unbeachtet geblieben und bald vergessen worden, wäre da nicht ein Video-Film auf einer Handykamera, der sich viral im Netz verbreitete, bald die traditionellen Medien erreichte und dann die Politik beschäftigte.

Die Sequenz unterstreicht die Macht der sozialen Medien beim Aufdecken sozialer Missstände. Auch in Indien bestimmen Facebook, Twitter und WhatsApp längst mit, was auf die politische Agenda kommt.

Seither vergeht kaum ein Tag ohne Medienberichte über die Dalits und ihre Lage. Zeitungen bringen Sonderseiten, im Fernsehen diskutieren Talkshow-Gäste emotional über das Thema. Auch die Politik schaltet sich ein. Indien ist eine Demokratie.

In dem Riesenland ist - nicht zuletzt aufgrund der lokalen Autonomie und der föderalen Gliederung - irgendwo immer Wahlkampf. Mit weit über 200 Millionen Menschen ist die Gruppe der Dalits eine wichtige Zielgruppe.

Die Opposition wird nicht müde, der hindunationalistischen Regierungspartei BJP eine Mitschuld an dem Übergriff zu geben. Wachsende Intoleranz gegen Minderheiten und religiöser Fanatismus haben zugenommen und bedrohen den Zusammenhalt der Nation, so lautet der in unterschiedlichen Stimmlagen vorgebrachte Vorwurf gegen die Regentschaft von Ministerpräsident Narendra Modi.

Die BJP tut sich schwer mit der Abgrenzung zu den Kuh-Schützern und Hindu-Fanatikern, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Bis heute wartet die Öffentlichkeit auf eine eindeutige Verurteilung der Übergriffe aus dem Munde des Ministerpräsidenten. Das Schweigen nährt den Verdacht der klammheimlichen Allianz der gewalttätigen Kuh-Freunde und der Regierungspartei.

Für die Opposition sind die Fronten klar: "Der Angriff (gegen die Dalits) war von der BJP gesponsert", sagt Kodikunnil Suresh von der Kongress-Partei in der Lok Sabha, dem indischen Unterhaus.

Tatsache ist, dass Übergriffe gegen Dalits statistisch zugenommen haben. Unabhängige Beobachter erklären den Anstieg mit einer höheren Melderate. Diese sei Ausdruck eines neuen Selbstvertrauens der Dalits.

In der alten Ordnung, in der jeder Inder seinen sozialen Platz kannte und sich dem Schicksal fügte, war es schwer vorstellbar, dass ein "Unberührbarer" den Übergriff seitens eines Mitglieds einer höheren Kaste bei der Polizei anzeigt.

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Viele Dalits haben den Untertanengeist abgelegt. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und Verbände streiten für die Rechte der "Entrechteten". Solidarität, politische Kampagnen und - nicht zuletzt - die sozialen Medien zeigen Wirkung. Gleichwohl: Das Aufbäumen erzeugt Gegenwehr. Nicht überall stösst die Emanzipation der Dalits auf Gegenliebe.

Bürger zweiter Klasse?

"Es ist kein isolierter Vorfall", sagt YS Alone, Professor an der Jawaharlal Nehru Universität, die wegen ihrer angeblich "anti-nationalen" Umtriebe selbst in die Schusslinie der Hindu-Nationalisten geraten ist.

"Das öffentliche Kesseltreiben erinnert die Dalits daran, dass sie in Angst leben müssen. Dass sie Bürger zweiter Klasse sind, trotz des Grundrechts auf Gleichheit."

Die indische Verfassung verbietet die Kastendiskriminierung. Mit einer Vielzahl von Gesetzen und Programmen versucht der Staat, das althergebrachte System der sozialen Segregation und Ausgrenzung zu bekämpfen. Die wirtschaftliche Liberalisierung, die seit Anfang der neunziger Jahre zur Modernisierung in vielen Bereichen beigetragen hat, eröffnet Chancen auch für viele Dalits.

Es gibt eine kleine Unternehmerklasse und auch in der Politik haben sich Dalits nicht zuletzt als Folge staatlicher Förderprogramme festgesetzt. Es scheint, der Prozess der Emanzipation ist unaufhaltsam, doch nicht alle Inder sind erfreut über die schrittweise Überwindung der "sozialen Apartheid".

"Die oberen Kasten fühlen sich seitens der Dalits bedroht, sie denken voller Nostalgie an die Vergangenheit und das Kastensystem", sagt Chandra Bhan Prasad, ein Dalit-Unternehmer, der den Sprung nach oben geschafft hat.

Es ist ein langsamer und mühsamer Prozess - mit offenem Ausgang. Denn - um aus dem Buch von Sudhir Karkar "Die Inder. Porträt einer Gesellschaft" zu zitieren: "Moderne Ideologien menschlicher Gleichheit haben die feste Verankerung hierarchischer Vorstellungen in den Köpfen der Inder nicht zum Verschwinden gebracht, sondern höchstens ein wenig gelockert."

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