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Gefahr für den Weltfrieden? - Neue Eskalation im Streit um Kaschmir

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Die Angreifer kamen im Morgengrauen. Schwerbewaffnet drangen sie in das indische Militärlager bei Uri ein - unweit der Grenze, die den indischen und den pakistanischen Teil Kaschmirs trennt. In dem Feuergefecht starben 18 indische Soldaten und die vier Angreifer. Es war der höchste Blutzoll, den das indische Militär als Folge eines Überfalls im Grenzgebiet beklagte seit 2002. Damals reagierte Neu
Delhi mit der Teilmobilisierung.

Wenn es um die Unruheregion Kaschmir geht, gibt es wenig Einigkeit zwischen den verfeindeten Nachbarn. Das gilt für die großen Linien des Konfliktes sowie die Details, wie etwa die Zuordnung des jüngsten Terrorüberfalls: Für die Inder besteht kein Zweifel, die Kämpfer kamen aus Pakistan und die Hintermänner der Bluttat sitzen im Nachbarland: „Pakistan ist ein terroristischer Staat und muss isloiert werden", sagte Indiens Innenminister Rajnath Singh.

Die Stimmung ist aufgebracht, das zeigen auch die Kommentare in Zeitungen und sozialen Medien. In einer Blitzumfrage der Times of India, der führenden englisch-sprachigen Zeitung des Landes, votierten zwei Drittel der Befragten für einen harten militärischen Vergeltungsschlag.

Diametral entgegengesetzt ist das Narrativ auf der anderen Seite: „Pakistan für Uri verantwortlich zu machen, wird die Inder teuer zu stehen kommen", sagte Verteidigungsminister Khawaja Asif.

Im Unterschied zu anderen internationalen Krisen- und Konfliktherden gibt es derzeit im indisch-pakistanischen Zank keine Vermittler. Hierfür käme faktisch nur die Weltmacht USA in Betracht. „Es ist unsere Politik, dass die beteiligten Seiten das Problem selber lösen müssen", sagt Richard Verma, der US Botschafter in Neu Delhi.

Nach dem Überfall im Grenzgebiet verurteilte das US-Außenministerium den „terroristischen Angriff" zwar auf das Schärfste. Auf eine eindeutige Schuldzuweisung Washingtons an die Adresse Pakistans warten die Inder bislang vergebens.

Hilflose Supermacht

In Folge des Unwillens, womöglich gar des Unvermögens der Supermacht, die atom-gerüsteten Streithähne zu einem Ausgleich zu bringen, schwelt der Konflikt in Südasien seit Jahrzehnten vor sich hin. Das ungelöste Kaschmitr-Problem bleibt eine Gefahr für den Weltfrieden. Dreimal führten Indien und Pakistan wegen Kaschmir einen Krieg. Immer wieder kam und kommt es zu gefährlichen Eskalationen an der umstrittenen Grenze.

Der Streit reicht zurück in die Zeit nach der Unabhängigkeit vom britischen Kolonialismus. Das von Indien kontrollierte Jammu und Kaschmir ist der einzige Bundesstaat der indischen Föderation mit muslimischer Mehrheit.

Während historisch gesehen Indien in der Kaschmir-Frage eine auf die Wahrung des Status quo orientierte Strategie verfolgt, betreibt Pakistan eine revisionistische Politik mit dem Ziel der Einverleibung Kaschmirs. Da dieses Ziel angesichts der Übermacht der Indischen Streitkräfte keine realistische Option sein kann, bedient sich Islamabad immer wieder „unkonventioneller" Mittel.

Es ist ein gut dokumentiertes „Geheimnis", dass die pakistianischen Geheimdienste terroristische Aktivitäten und Gruppierungen im indischen Teik Kaschmirs unterstützen. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass die indischen Medien geradezu reflexartig auf Pakistan verweisen, wenn Angriffe wie der nun erfolgte passieren.

Der von Pakistan induzierte Kleinkrieg an der Grenze findet vor dem Hintergrund eskalierter Spannungen im von Indien kontrollierten Kaschmirtal statt. Kaum ein Tag vergeht dort ohne grössere Demonstrationen mit Toten und Verletzten.

Der Auslöser der jüngsten Welle der Gewalt war die Tötung des örtlichen Rebellenanführers Burhan Wani Anfang Juli durch die indischen Streitkräfte. Für die indischen Behörden ein Terrorist, ist Wani für viele - vor allem jugendliche - Kaschmiris ein Freiheitskämfer und Märtyrer. Der Zorn der Kaschmiris hat tiefe Wurzeln.

Sie klagen über politische und wirtschaftliche Marginalisierung und sind aufgebracht über das bisweilen unverhältnismäßig brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte, die viele als fremde Besatzer sehen. 80 Menschen sind in der jüngsten Welle der Gewalt ums Leben gekommen, in der großen Mehhrheit Demonstranten, viele davon in jugendlichem Alter.

In den indischen Medien wird seit Wochen intensiv über die Krise in Kaschmir diskutiert. Die politische Klasse - Regierung und Opposition beiderseits - scheinen zur Ansicht gekommen zu sein, dass ein umfassender politischer Neuanfang nötig ist, um der schwelenden Krise in Kaschmir beizukommen.

Das aktuelle Säbelrasseln hat den friedfertigen Absichten einstweilen den Todesstoß verpasst. Die Leidtragenden sind auch dieses Mal die Menschen in Kaschmir.

Solange Indien und Pakistan nicht das Kriegsbeil begraben, kommt Kaschmir nicht zur Ruhe.

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