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Facebook beißt in Indien auf Granit

31/01/2016 13:07 CET | Aktualisiert 31/01/2017 11:12 CET

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Bei Facebook herrscht Champagnerlaune. Satte Gewinne lassen bei dem größten Online-Netzwerk der Welt die Korken knallen. „Die Anleger sind begeistert", berichten die Nachrichtenagenturen.

Nicht überall lösen die Geschäfte des Online-Riesen Begeisterung aus. Ausgerechnet in Indien, dem lukrativen Zukunftsmarkt der Branche, stößt Mark Zuckerberg mit seinem Geschäftsmodell auf Granit. Ein Lieblingsprojekt des Facebook-Gründers firmiert als Free Basics. Es soll Hunderte Millionen Menschen im unterentwickelten Teil der Welt kostenlosen Zugang zu ausgewählten Onlinediensten verschaffen.

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Nur ein Viertel der Riesenbevölkerung ist heute online

Indien ist ein Schlüssel für das Gelingen des digitalen Großraumprojektes. Der Branchendienst Tech in Asianennt die südasiatische Nation mit ihren 1, 3 Milliarde Menschen eine „potentielle Goldgrube". Nur ein Viertel der Riesenbevölkerung ist heute online.

Über vier Stunden verbringen die Inder, die es sich leisten können, im Netz - das ist doppelt so lange wie vor dem Fernsehen. Fantsasien löst vor allem die Perspektive aus: Über lang oder kurz würde die Mehrheit jener Inder, die heute noch nicht online sind - immerhin knapp eine Milliarde Menschen - das Internet für sich entdecken.

Facebook mischt ganz vorne mit auf dem indischen Mega-Markt. Mit knapp 140 Millionen Nutzern ist das Unternehmen bestens plaziert, nur in den USA genießt Zuckerbergs Social Media-Dienst mehr Zuspruch als in Indien.

Netzpolitische Grundsatzdebatte

Wer gemeint hatte, Facebook würde mit seinem Angebot eines abgespeckten Gratis-Internet in Indien Begeisterung auslösen, wurde indes eines Besseren belehrt. Das Vorhaben hat eine Grundsatzdiskussion ausgelöst, die längst über den Kreis der Experten und Netzaktivisten hinausreicht.

Vorangegangen war die Entscheidung der indischen Telekommunikationsaufsichtsbehörde TRAI, den Dienst vorübergehend zu stoppen. Die Auszeit sollte in guter demokratischer Tradition für die Entscheidungsbildung genutzt werden.

Es folgte eine Meinungsschlacht auf allen Kanälen. Über eine gewaltige Anzeigenkampagne stellte Facebook sicher, dass die Botschaft, Free Basics meine es gut mit Land und Leuten beim besten Willen nicht übersehen werden konnte. Dieselben Zeitungen, die die teuren ganzseitigen Inserate druckten, veröffentlichten wenig später kritische Kommentare der Free Basics-Gegner.

Die Koalition der Opposition ist vielfältig: Neben der überschaubaren Gruppe der Netzaktivisten, deren Spezial-Jargon nur Eingeweihte verstehen, finden sich Unternehmer und ihre Verbände, die ihre wirtschaftlichen Interessen durch das Gratis-Internet gefährdet sehen.

Digitale Kolonie?

Die Gleichbehandlung aller Daten bei der Übertragung im Internet ist der Kern der Auseinandersetzung. Diesen Grundsatz sehen die Free Basics-Gegner verletzt, wenn Facebook-Manager darüber entscheiden, welche Apps die Nutzer des Gratis-Angebots ansurfen können und welche nicht. Unterschiedliche Menschen in Indien würden Zugang zu unterschiedlichen Informationen haben, von einem „eingemauerten Garten" ist die Rede und der „Balkanisierung des Internet".

„Wie kann in einem derart klaustrophobischen Umfeld Innovation gedeihen", fragten Nandan Nilekani und Viral Shah in einem Meinungsbeitrag rhetorisch und warnten, Free Basics werde Indien in „eine digitale Kolonie der Internet Riesen" verwandeln.

Gratis-Internet als öffentliche Bibliothek

Diametral entgegengesetzt die Argumentation des US-Konzerns: In seinen PR-Aktionen hob Facebook den gemeinnützigen Charakter des Projektes hervor. Marc Zuckerberg verglich sein Gratis-Internet mit einer öffentlichen Bibliothek, wo auch nicht alle Bücher greifbar seien. „Gleichwohl liefert die Bücherei eine Welt des Guten", schrieb der Unternehmer in The Times of India.

Es gehe dabei nicht um kommerzielle Interessen, so der Firmengründer weiter, sondern um fundamentale soziale und wirtschaftliche Rechte wie Arbeitsplätze, Erziehung und Gesundheit. „Für zehn Menschen, die ans Internet angeschlossen werden, wird einer aus der Armut gezogen", argumentierte Zuckerberg.

Den Vorwurf, der Dienst sei ein „geschlossener Garten" erwiderte der Philanthrop mit dem Hinweis, dass jeder Zweite, der zu Free Basics kommt nach 30 Tagen zu einem bezahlten Serviceprovider wechsle. Kleines Gratis-Internet also als Einstiegsdroge zum regulären bezahlten Programm!

In der veröffentlichten Meinung sind die Facebook-Kritiker eindeutig in der Mehrheit, kaum ein Kommentator bricht öffentlich für den Konzern aus Kalifornien die Lanze. Die indische Debatte leide unter einem starken anti-kapitalistischen und antiamerikanischen Vorurteil, lamentiert der Amerikaner David Kirckpatrick.

"Gegen digitale Demokratie"

Beiträge zum Thema füllen nicht nur die Kommentarspalten. Ausführlich berichteten die Medien auch über den Schlagabtausch, der sich hinter den Kulissen zwischen den Facebook-Managern und der indischen Regulieringsbehörde abspielte.

Die Inder werfen den Amerikenern vor, den öffentlichen Konsultationsprozess zu einer inhaltsleeren „Meinungsumfrage" degradiert zu haben, nachdem Facebook seine Nutzer aufgeforder hatte, mit automatisierten Rückantworten an die E-Mail-Adressen der Behörde für Free Basics zu votieren. Immerhin sollen 16 Millionen Facebook-User derart ihre Unterstützung zum Ausbruch gebracht haben. Indiens Telekom-Regulatoren scheint das Click-Votum wenig zu begeistern.

An diesem Wochenende berichtenThe Times of India auf der Titelseite, die Behörde werde sich für ein Verbot des Gratis-Internets aussprechen. Der Dienst sei „diskriminierend und verstoße gegen das Konzept der digitalen Demokratie".

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