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Warum wir mehr spielen sollten

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SPIELE ALS LERNHILFE
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Auf der Jagd nach dem 'Besseren Ich'.

 

Spiele begleiten uns durch unser Leben. Besonders zu Beginn unseres Daseins erleben wir fast alles als Spiel: Wir testen, wir probieren aus, wir scheitern, wir fallen, wir stehen auf, wir machen weiter, wir lernen, wir werden besser, wir schaffen was, wir siegen, und so geht das immer weiter.

Kein Spiel ohne eine Herausforderung. Kein Spiel ohne Regeln, die es uns sogar 'schwerer machen' erfolgreich zu sein. Kein Spiel, ohne die Möglichkeit zu lernen und auch besser zu werden. Und damit sind wir auch schon bei dem Geheimnis erfolgreicher Spiele: Es gelingt ihnen uns eine Aktivität zu bieten, in der wir über uns hinauswachsen können.

Wussten Sie, dass der Mensch im Spiel sein 'Besseres Ich' jagt?
 
Es gibt kein ehrlicheres Medium für uns Menschen als das Spiel. Nirgendwo sonst bekommen wir so unverblümt mitgeteilt, dass wir gerade 'abgeloost' haben. Ja, das ist sogar einer der Gründe, weshalb wir Spiele so lieben. Denn nur diese schonungslose Ehrlichkeit versetzt uns in einen Kontext, in dem wir auch die bestmögliche Chance haben uns zu verbessern.

Die eigene Verbesserung ist es auch, die an aller erster Stelle steht. Sogar WEIT vor dem regelmäßig so angepriesenen Wettbewerb untereinander. Hier wird es besonders interessant für Unternehmen und Organisationen, da der Glaube an den motivierenden Faktor der Mitarbeiter durch Wettbewerb nach wie vor sehr verbreitet ist.

Genau hier trifft man auf ein Thema, in dem die Wissenschaft - z.B. die Spielpsychologie - ein Wissen hat, das von der Wirtschaft nach wie vor ignoriert wird.

Angenommen Sie spielen gerade ein Videospiel, in dem sie als Skifahrer die Skipisten dieser Welt hinunter jagen. In diesem Spiel treten sie gegen andere reale Spieler an und messen sich untereinander, indem die Zeiten miteinander verglichen werden. Wer am schnellsten ist, gewinnt natürlich.

Nun gibt es auch die Möglichkeit, den eigenen 'Geist' zuzuschalten. Dieser Geist simuliert ihre bisherige persönliche Bestleistung auf der Strecke. Genau hier wird es interessant: Wenn Sie nun in einer bestimmtem virtuellen Liga gegen andere reale Spieler antreten und gewinnen, also als erster durch das Ziel fahren, jedoch hinter Ihrem eigenen 'Geist', also hinter Ihrer persönlichen Bestleistung, dann hält sich Ihr Triumph und auch Ihr Erfolgsgefühl in Grenzen.

Sie wissen genau, dass Sie sich nicht verbessert haben. Der Sieg gegen die realen Mitspieler wird somit relativiert. Sie haben nicht gewonnen, weil sie das beste aus sich herausgeholt haben, sondern weil die anderen so schlecht sind.

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Betrachten wir nun das Gegenszenario: In dieser Version verlieren sie gegen alle realen Mitspieler, kommen also mit der am langsamsten gemessenen Zeit in das Ziel, jedoch vor ihrem eigenen 'Geist'. Daraus ergibt sich das Erfolgsgefühl auf dem richtigen Weg zu sein und sich verbessert zu haben. Der Sieg gegen die realen Spieler oder wenigstens ein paar von ihnen - und die es nun auch wert sind, dass man sich an ihnen misst - ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.

Die Kunst ist es, dabei das Level der Herausforderung für den Spieler innerhalb eines ganz bestimmten Bereichs zu halten. Ist die Herausforderung zu schwer und wir haben nicht das Gefühl bzw. das Vertrauen diese Herausforderung in absehbarer Zeit bewältigen zu können, dann sind wir frustriert und beenden das Spiel. Ist es jedoch zu einfach und die Herausforderung wird somit nicht mehr als solche empfunden, dann sind wir gelangweilt und beenden das Spiel ebenfalls.

Was aber wirklich zählt, ist, dass ein Spiel mit Spielern mitwachsen kann. Innerhalb der vorgegebenen Regeln und Möglichkeiten passt sich der Schwierigkeitsgrad den Erfahrungen und Fähigkeiten der beteiligten Personen an.

In einem Videospiel erreiche ich erst dann das nächste Level, wenn ich mich vorher als würdig erwiesen und erfolgreich das vorherige Level absolviert habe. Bei einem Brettspiel sind es die Mitspieler, die oftmals den Schwierigkeitsgrad definieren. Ebenso beim Sport, der ja ebenfalls eine spielerische Umgebung darstellt. Ist man erfolgreich im Sport, kann man in der Liga aufsteigen. Die Anforderungen an die eigenen Fähigkeiten steigen somit und auch die Gegner werden besser.

Ja, sogar beim Hobby findet man genau das gleiche System wieder. Man fängt leicht an, nämlich mit einfachen Modellen im Modellbau, leicht zu findenden Briefmarken als Philatelist oder auch gut zu pflegenden Pflanzen im Garten. Mit der Zeit steigert sich dann der Ehrgeiz und man wagt sich an kompliziertere Modelle, schwerer zu findende Briefmarken und aufwendiger zu pflegende Gartenpflanzen.

Ein stimmiges Verhältnis zwischen den eigenen Fähigkeiten und der Herausforderung, der man gerade gegenübersteht, sorgt für einen Zustand, den wir Menschen als sehr angenehm empfinden.

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Entgegen der oftmals allgemeinen Wahrnehmung handelt es sich hier jedoch nicht um eine Situation, in der wir einfach so relaxen und 'faulenzen' dürfen, sondern im Gegenteil, wir werden gefordert uns zu verbessern und anzustrengen, um voran zu kommen.

Im Englischen gibt es hierfür den Begriff 'Blissful Productivity', der dies recht gut beschreibt. Wir Menschen lieben das Gefühl - spätestens gegen Ende des Tages - zu wissen, dass wir vorangekommen sind. Sowohl bei der Erledigung von Dingen und dem Abarbeiten von Aufgaben, aber im Besonderen auch, was die eigene Person angeht.

Ganz gleich welche Kultur man auch betrachtet, egal welchen wirtschaftlichen Entwicklungsstand man vorfindet, egal welches Geschlecht, welches Alter, welche Position im Unternehmen oder welchen Status eine Person besitzt, was alle Individuen unserer Spezies vereint ist das Verlangen besser zu werden und somit (zuerst einmal) bei sich selbst und dann innerhalb des engeren sozialen Umkreises für Fortschritt zu sorgen.

Jemand, der dies ganz genau untersucht hat, ist Mihaly Csikszentmihalyi. Der Professor für Psychologie und Management an der Claremont Graduate University betrachtete unzählige Situationen, in denen der Mensch möglichst nahe an den Flow-Zustand herankommt oder diesen sogar erlebt. So schreibt er in seinem Buch "Flow":

What makes (...) activities conducive to flow is that they were designed to make optimal experience easier to achieve. They have rules that require the learning of skills, they set up goals, they provide feedback, they make control possible.

(Csikszentmihalyi, Flow, New York, Harper Collins Publishers, 1990, p. 72.)

 
Dies bestätigt sich, wenn man alleine mal die klassischen Aktivitäten betrachtet, die wir mit Freude, Spaß und Freiwilligkeit häufig verbinden, nämlich Videospiele, Brett-/Kartenspiele, Sport, Hobbies, usw. Was all diese Aktivitäten gemeinsam haben sind:

Klare Ziele, Regeln, (Echtzeit)Feedback und Informationstransparenz.

Meine Passion ist es die Faszination, die Struktur, die Wissenschaft und das Geheimnis hinter unserem spielerischen Verhalten in seine einzelnen Elemente aufzuspalten und so auf weitere Bereiche transferieren zu können. Denn die Wahrheit ist: Wir werden mit der Fähigkeit zu spielen geboren und auch mit dem Wissen dort Spiele zu erfinden, wo es keine gibt.

Beobachten Sie nur mal für zehn Minuten kleine Kinder mit einem willkürlichen Spielzeug. Nach kürzester Zeit werden Sie sehen, wie sich - dank der Phantasie des Kindes - eine Art Regelwerk erkennen lässt. So wird aus einem einfachen Objekt, gepaart mit einer eigenen Story, einem Ziel und selbst auferlegten Regeln, eine faszinierende, interaktive Situation.

Ich bin davon überzeugt, dass es in fast jeder Situation einen Platz für ein Spiel bzw. spielerisches Verhalten gibt. Im Laufe unserer Entwicklung habe wir 'leider' vergessen, dass das Spiel keine Erfindung der Unterhaltungsindustrie war und ist, sondern ein Werkzeug der Evolution, um uns fortlaufend bestmöglich vorzubereiten auf die Veränderungen in unserem Umfeld.

Wenn wir uns daher auf die native Bedeutung des Spieles zurück besinnen und uns unsere spielerische Veranlagung wieder eingestehen, auch bzw. gerade als Erwachsene und ernsthaft arbeitende Individuen, dann werden wir die großen Herausforderungen der Zukunft wohl besser gewappnet angehen können.

Ich bin davon überzeugt, dass gerade eine Ingenieurs- und Wissensgesellschaft wie Deutschland von der menschlichen Veranlagung - im Spiel das Beste aus sich herauszuholen - profitieren kann wie kaum ein zweites Land. Oder sogar muss?

Mehr zum Thema Gamification im Unternehmenskontext finden Sie auf www.romanrackwitz.de.

Video: Üben während des Spiels: Darum sind PC-Games besser als ihr Ruf