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Die Masernausbreitung 2015 und der Glaubensstreit ums Impfen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GESUNDHEITSKARTE
dpa
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Die MMR-Impfung geriet Anfang 2015 ins öffentliche Gespräch. Zu einer Diskussion über die Notwendigkeit von Impfungen, speziell der Masernimpfung, hatte ein Masern-Ausbruch in Berlin geführt. Die rasche Verbreitung der Masern in Berlin und anderen Regionen Deutschlands zeigte, dass das Ziel der Ausrottung dieser Kinderkrankheit noch lange nicht erreicht ist.

Die Masern sollten eigentlich bis 2015 durch hohe Impfraten verschwunden sein, so dass in der BRD der Schwellenwert zur sogenannten Herdenimmunität erreicht wäre (das bedeutet, innerhalb einer Population ist die Anzahl an immunen Menschen so groß, dass auch diejenigen ohne Immunisierung geschützt sind, da die Krankheit sich nicht mehr ausbreiten kann).

Die Herdenimmunität bei Masern liegt vermutlich zwischen 83 und 94 %. Während nun die Impfbefürworter für mehr Impfungen und eine Impfpflicht plädieren, sieht die Gegenseite eben gerade im Impfen die Ursache für die Masernwelle 2014/2015, schließlich würden über die Impfungen auch die Krankheitserreger verbreitet. Doch was genau geschah in Berlin und an anderen Orten?

Ursachenforschung

Die Masern wurden in Berlin bereits im Oktober 2014 entdeckt. Am 28. Januar 2015 gab es bereits 370 registrierte Masernerkrankungen aus allen Berliner Bezirken. Bis März 2015 wurden über 750 Erkrankungen gemeldet. Für den März wurden außerdem circa 75 Neuerkrankungen pro Tag registriert.

Bundesweit wurden bis einschließlich der elften Jahreswoche über 1000 Fälle gemeldet. Damit sind die Masern nach den Windpocken (circa 5000 Fälle) und dem Keuchhusten (circa 2300 Fälle) die am meisten verbreitete Infektionskrankheit, der mit einer Impfung vorgebeugt werden könnte. Über 300 Kinder wurden 2015 in Berlin von Kitas oder Schulen ausgeschlossen, weil sie nicht geimpft waren. Auch nichtgeimpfte Lehrer mussten den Schulen fernbleiben.

Masern in Berlin: die Ursachen

Die Masern kamen jedoch nicht aus dem Nichts, sondern wurden nach Deutschland eingeführt. Der Virusstamm wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von Asylsuchenden eingeschleppt - vorrangig von Menschen aus Serbien, Bosnien und Herzegowina. Dort waren bereits im Februar 2014 mehrere tausend Menschen von Masernerkrankungen betroffen. In Deutschland waren anfangs nur die Asylsuchenden erkrankt, doch schon bald traten die ersten Krankheitsfälle in der Berliner Bevölkerung auf.

Seitdem wütete das Virus und schon bald gab es neben den Fällen in Berlin auch in Bayern und Sachsen jeweils mindestens 70 Fälle (Stand: 07.04.201518). Das Robert Koch-Institut empfiehlt eine umgehende MMR-Impfung für Menschen aus Bosnien und Herzegowina, um die Zahl der Neuerkrankungen bzw. das Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Allerdings ist dies leichter gesagt als getan, denn die Unterbringungsbedingungen für Flüchtlinge sind für eine ausreichende Hygiene nicht immer optimal, was das Ansteckungsrisiko erhöht - besonders wenn die Flüchtlinge in Turnhallen oder anderen großen Gemeinschaftsräumen untergebracht werden.

Die Ärztin Pia Skarabis-Querfeld hat in Berlin zwei größere Impfkampagnen bei Flüchtlingen in Eigeninitiative durchgeführt, weil der formale Ablauf bis zur regulär möglichen Impfung viel zu lange dauern würde und das Ansteckungsrisiko in dieser Zeit besonders hoch sei. Meist bekommen die Asylbewerber einen Krankenschein, mit dem sie zum Hausarzt gehen können, um dort auch Impfungen zu erhalten. Doch Skarabis-Querfeld sieht darin nur eine theoretische Lösung.

Praktisch scheitert diese Vorgehensweise daran, dass die Asylbewerber den Krankenschein erst nach einem Termin beim Landesamt für Gesundheit und Soziales bekommen würden. Die Terminvergabe sei nicht immer leicht und selbst mit Krankenschein sei eine ärztliche Untersuchung nicht gewährleistet, denn für die Flüchtlinge sei es schwer, einen Arzt zu finden. Innerhalb der Ärzteschaft herrsche zudem Unwissen darüber, welche Leistungen solch ein Krankenschein überhaupt erlauben würde. Ein weiteres Problem sind die Defizite in der persönlichen Kommunikation durch Sprachbarrieren.

Masern in Berlin: die Folgen

Nachdem immer mehr Menschen von den Masern erfasst wurden, kam es neben einer beständigen Zunahme von Nachrichten über den Zustand der Stadt primär zu Diskussionen über die Bedeutung der Impfung. Andere Folgen wie der Ausschluss nichtgeimpfter Kinder aus Kitas und Schulen blieben eine Seltenheit. Es wurde weder eine vorübergehende Impfpflicht eingeführt noch wurden besondere Quarantänevorkehrungen getroffen.

Die Masern führten zu keinen wesentlichen Änderungen der medizinischen Praxis, sondern beschleunigten vielmehr das Theoretisieren und Diskutieren über die Masernimpfung und das Impfen allgemein. Impfgegner und Asylbewerber wurden zu Schuldigen stilisiert, die für die Verbreitung der Masern verantwortlich gewesen sein sollen. Die eigentliche akute Gefahr der Infektionskrankheit trat in den Hintergrund. Im Vordergrund standen emotional geladene Debatten und Schuldzuweisungen einerseits sowie Versuche medizinischer Aufklärung andererseits.

Das Wiederaufleben der öffentlichen Diskussion ums Impfen

Die Berliner Masernepidemie führte in der Öffentlichkeit zu einer Diskussion, in der es letztlich nur zwei sich widersprechende Meinungen gab: für das Impfen oder gegen das Impfen. Nicht immer wurden sachliche Argumente angebracht. Gerade in den Internetdiskussionen kam es immer wieder zu Debatten, in denen das ursprüngliche Thema nur noch eine sekundäre Rolle spielte. Wichtiger schien beiden Seiten die Darlegung individueller Überzeugungen, Vorurteile oder Behauptungen zu sein.

Die Haltung der Impfbefürworter nach den Fällen in Berlin

Die Impfbefürworter scheinen sowohl in den Internetdiskussionen als auch in den Kreisen politisch wie medizinisch Verantwortlicher die Mehrheit zu sein. Ein „Nein" zum Impfen gilt den einen als Blasphemie, den anderen als verantwortungslos. Doch was genau waren die Argumente, die für eine Masernimpfung angeführt wurden? Das wohl zentralste Argument war die hohe Ansteckungsgefahr der Masern. Als Zweites wurden die teils schweren Symptome und möglichen Komplikationen einer Erkrankung angeführt.

Vor allem Kinder im ersten Lebensjahr gelten bei Masern als besonders anfällig, weil eine Masernimpfung in der Regel erst ab dem elften Lebensmonat gegeben wird. So wurde die Altersspanne, in denen die Kleinkinder anfällig sind, als Argument genutzt, um für Impfungen zu plädieren.

Je mehr Menschen geimpft seien, die Impfraten also steigen und die Krankheit sich weniger verbreitet, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder im ersten Lebensjahr keine Masern bekommen würden. Andere Argumentationen konzentrierten sich auf die Einwände der Impfkritiker und unterzogen diese einer kritischen Würdigung.

Impfen als Selbstverständlichkeit

Für die große Mehrheit der Impfbefürworter stand eine Diskussion über das Impfen gar völlig außer Frage. Impfen galt als Selbstverständlichkeit, als ein ganz normaler Schritt im Leben eines modernen Menschen. Umso schockierter waren die Reaktionen auf Meldungen über Impfverweigerer oder ‑kritiker. Der Ausbruch der Masern in Berlin war den Impfbefürwortern bereits der beste Beweis für die Notwendigkeit der Impfung. So sagte beispielsweise Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe:

„Der Masernausbruch in Berlin zeigt, wie wichtig ein guter Impfschutz ist. Ich rate dringend dazu, den eigenen Impfstatus überprüfen zu lassen und die empfohlenen Impfungen nachzuholen. Die empfohlenen Impfungen sind sicher und werden von der Krankenkasse bezahlt. Die irrationale Angstmacherei mancher Impfgegner ist verantwortungslos." (Gröhe 2015, zitiert nach Bundesministerium für Gesundheit, Meldungen 2015).

Wären alle ordnungsgemäß geimpft gewesen, wäre eine Epidemie in diesem Ausmaß vielleicht unmöglich gewesen, so die Argumentation der Impf-Befürworter. Viele Eltern lassen ihre Kinder ganz selbstverständlich impfen und sind von den positiven Wirkungen dieser Präventionsmaßnahme überzeugt.

Impfen heißt Verantwortung

In der öffentlichen Diskussion wurden die Impfverweigerer als Egoisten dargestellt. Sie würden verantwortungslos und gegen die Gesellschaft handeln, weil sie durch ihre Verweigerungshaltung das Leben von anderen Menschen bedrohen würden. Eltern würden das Leben ihrer Kinder gefährden, wenn sie eine Impfung ablehnten - und sie würden auch andere Menschen gefährden, weil die Kinder zum Überträger des Virus werden könnten. Auch würde die Herdenimmunität schwerer erreicht werden. Wer sich dagegen für die Masernimpfung entscheiden würde, handele seinen Mitmenschen und sich selbst gegenüber verantwortungsvoll.

Impfen als einzige Alternative

Da es keine antivirale Therapie bei Masern gibt, gilt die Schutzimpfung als einzige sichere Maßnahme, um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Bei einer Infektion und dem anschließenden Krankheitsverlauf können dann meist nur die Symptome
behandelt werden. Der Lebendimpfstoff gilt als ungefährlich und hochwirksam. Deswegen und weil es immer noch zu große Impflücken geben würde, wurde ein Präventionsgesetz geplant.

Statt eine Impfpflicht einzuführen, soll verbindlich gelten, dass bei der Aufnahme eines Kindes in eine Kita die Eltern einen Nachweis über eine ärztliche Impfberatung vorlegen müssen. Die Impfberatung soll der Aufklärung und Motivierung von Eltern dienen, damit diese sich bewusst für die Schutzimpfung für ihre Kinder entscheiden. Sollten die künftigen Beratungsangebote die Impflücken nicht schließen, könne auch über eine Impfpflicht nachgedacht werden.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Impfen - ja oder nein? von Dr. med. Roman Machens und Christoph Eydt

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Geht Impfen!

Kaum ein Thema spaltet die Elternschaft so sehr wie das Impfen. Es ist ein Thema, bei dem die sonst so harmonischen Elternforen zu Kriegsgebieten werden. Beide Seiten - die Impfbefürworter und die Impfgegner - werfen der jeweils anderen Kindesmisshandlung vor, nennen sich gegenseitig Verbrecher und sogar Mörder. Es gibt auch genügend Mythen und Horrorgeschichten, auf die sich beide Fronten berufen.

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