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"Warum steckt ihr uns nicht an mit Euren Ideen?" - Ein Werbeprofi erklärt, was Politiker falsch machen

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Hi,

Obwohl oder vielleicht gerade weil ich als Stratege in einer Werbeagentur arbeite, schreibe ich diese Zeilen. Thema ist ein Wahlergebnis, das die Welt verändert hat- vor allem aber verändern wird.

Ich weiß, dass man den Namen Donald Trump nicht mehr hören kann und will.
Und ich weiß, dass sein Wahlergebnis trotz der immensen zukünftigen Auswirkungen, vielleicht sogar auf die gesamte Welt, verhältnismäßig nur noch kurz ein Thema sein wird.
Dann rülpst irgendwo ein Panda Baby zum Rhythmus von Jon Bon Jovi's "It's my life" und es geht weiter wie immer.

Doch den kurzen Moment vor diesem Ereignis will ich noch nutzen, um darüber zu sprechen, was wir aus den US-Wahl 2016 lernen können bzw. müssen. Und mit wir meine ich Sie, Dich, mich und vor allem die Politik.

Denn diese Katastrophe ist nur der bisherige, zugegebenermaßen bislang traurigste, Höhepunkt einer Entwicklung in der westlichen Demokratie, die wir unbedingt stoppen müssen.

Ein Blick nach Frankreich auf Marie Le Pen, die Niederlande und Geert Wilders, Ungarns Viktor Orban, Rechtsradikale Aufmärsche mit 75.000 Menschen in Polen oder das Vereinigte Königreich und sein Brexit reicht, um zu erkennen, dass nicht nur in Deutschland Arbeit vor uns liegt, um eine große Gefahr abzuwenden.

Darum hier drei Thesen, in kleinere Teile gegliedert. Beobachtungen, die uns helfen möchten, wieder zueinander zu finden und Freiheit und Vielfalt in unserer Gesellschaft zu bewahren. In meiner Branche würde man sie wahrscheinlich als „Learnings" bezeichnen. Und genau wie in jeder meiner Kundenpräsentationen, bitte ich auch an dieser Stelle um ehrliches Feedback, weitere Gedanken und offene Diskussion. Denn das Thema ist wichtig genug.

1. Emotionen wecken

Nicht die Armen, die wirtschaftlich Benachteiligten wählten Trump. Die Menschen mit einem jährlichen Einkommen unter 50.000$, ja sogar bis unter 30.000$ wählten Clinton. Trump gewann die Mehrheit bei Menschen mit einem jährlichen Einkommen über 50.000$, 100.000$ oder mehr. Trotzdem sind es mit 78% vor allem die Wähler Trumps, die sich wirtschaftlich schlechter gestellt fühlen als früher.

Emotionen sind machtvoller als je zuvor.

Sie haben mehr Kraft. Sie entscheiden Wahlen für sich. Argumente, Fakten und Tatsachen waren nie der einzig relevante Faktor aber sie hatten nie stärkere Konkurrenz als heute. Das ist gefährlich.

Doch auch traurig. Denn die einzigen, die momentan in der Lage zu sein scheinen, Emotionen zu nutzen, sind Rechtspopulisten und Extremisten. Und sie bedienen sich des Negativen. Sie schüren und nutzen Verunsicherung, Angst und Hass.

Als Werber weiß ich um die Kraft der Emotionen. Und ich weiß, dass sie eine starke Basis sein können. Ein gemeinsamer Nenner, der helfen kann, sich anzunähern.

Umso trauriger, dass momentan keine etablierten Parteien in der Lage sind, positive Emotionen zu generieren und zu nutzen.

Barack Obama war erfolgreich. Erfolgreicher als Trump. Und zwar ebenfalls mit Hilfe von Emotionen. Doch er schenkte den Menschen Zuversicht, Hoffnung und Kraft. Nicht Angst.

Wo ist die Leidenschaft?

Die Politik sollte Emotionen zulassen. Sie zeugen von Hingabe. Warum steckt ihr uns nicht an mit Euren Ideen, Plänen und Überlegungen? Brennt für sie. Brennt für etwas, das wichtiger doch kaum sein könnte.

Mehr zum Thema: Der Westen ist tot? Von wegen!

Hier treffen Punkt 1 und 2 der Thesen aufeinander und ergänzen sich. Denn wer echt ist, zeigt Emotionen. Und wer Emotionen zeigt, der bricht auch mal mit Konventionen. Der kann die Fassung verlieren. Dem geht es um etwas. Der gewährt Einblick in sein Innerstes. Der schreit oder stampft oder vergreift sich auch mal im Ton.

Das ist nicht immer schön. Und es ist wichtig, dass man sich wieder fängt. Einsieht, dass man zu weit gegangen ist. Aber Leidenschaft ist verdammt nochmal wichtig und bringt erfrischende Echtheit in eingefahrene und nichts bewegende Diskussionen.

2. Authentizität fehlt

Heutzutage sind Menschen des öffentlichen Lebens zu selten echt. Das gilt für Berufspolitiker, Prominente und sogar für Profi-Sportler. Interview-Antworten sind standardisiert und austauschbar. Sie sollen möglichst nicht anecken und keinen Interpretationsspielraum offenlassen. Sie sagen nichts aus.

Im Sport ist das schade. In der Politik katastrophal. Auch Political Correctness darf nicht dazu führen, dass eine Aussage keinen Inhalt mehr hat. Sie ist nicht dazu gedacht, sich hinter ihr zu verstecken. Sie sollte doch viel eher gesunder Menschenverstand oder Anstand genannt werden. Der Rest erledigt sich dann von allein. Und dieser Rest sollte dann verdammt noch mal echt sein.

Schwächen machen menschlich.

Eine Frage. Wann haben Sie das letzte Mal folgende Sätze gesagt: "Oh, das stimmt. Gutes Argument. Da lag ich wohl falsch."? Ok. Vielleicht noch vor Kurzem. Vielleicht sogar in einer politischen Diskussion mit jemanden, der nicht ihrer Meinung war. Sehr gut. Aber hier eine zweite Frage. Wann haben Sie diese Sätze das letzte Mal von einem Politiker gehört?

Bei mir ist es auf jeden Fall so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Diese Menschen scheinen tatsächlich keine Fehler zu machen. Erstaunlich. Und das in einem Beruf, der unglaublich komplexe und herausfordernde Entscheidung verlangt. Und das auch noch sehr häufig.

Ich denke, es ist schade, dass wir nie ein "Tut mir Leid", nie ein "Das war mein Fehler" hören. Nicht, weil ich uns das ein Gefühl der Überlegenheit gäbe. Nicht, weil ich ein Fan von Schadenfreude bin. Einfach nur, weil irren menschlich ist, Fehler wichtig sind und Ehrlichkeit nahbar, menschlich und vertrauenswürdig macht.

Einfach ist Trumpf.

Fachbegriffe haben keine Kraft. Zum einen relativ gesehen - verglichen mit echten Worten, die uns in unserem Leben tatsächlich begegnen, mit denen wir Gefühle verbinden. Zum anderen absolut gesehen.

Denn wenn nur 10% der Menschen einen Begriff nicht verstehen oder abschalten, wenn wieder mit abstrakten Bezeichnungen um sich geworfen wird, verliert eine Aussage an Kraft, weil schlicht und einfach weniger Ohren zuhören. Auch glauben viele Menschen, dass einfache Worte von Dummheit oder fehlender Kompetenz zeugen. Das ist Bullshit. Einfachheit und Verständlichkeit sind eine Kunst.

Politiker und wir als Gesellschaft sollten Buzzwords und Fachbegriffe, die im Übrigen auch extrem gut über Inkompetenz hinwegtäuschen können, in unserem Sprachgebrauch reduzieren. Vielleicht wäre eine Art Phrasen-Schwein auch in Politischen-Talkshows hilfreich.

3. Ignoranz können wir uns nicht leisten

Trump wurde lange Zeit von den meisten Medien unterschätzt. Fast schon belächelt. Jetzt ist er gewählter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Auch in Deutschland können sich viele Medienvertreter und Privatpersonen nicht davon freisprechen, die Alternative für Deutschland und deren Wähler lange Zeit ignoriert zu haben. Heute ist die AfD in 9 von 16 Landtagen. Das ist ein riesiges Problem.

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Wir müssen lernen, dass es nicht hilft, die Augen vor dem zu verschließen, was uns nicht gefällt. So schwierig es oft auch sein mag. Wir müssen den Kontakt und die Diskussion suchen. Nicht die Distanz. Wir dürfen unsere Mitmenschen nicht abweisen, sondern müssen versuchen sie gedanklich abzuholen.

Und wenn viele AfD Wähler Fakten und Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen sind, müssen wir vielleicht einen gemeinsamen emotionalen Nenner finden. Dazu müssen wir Antworten auf ihre Angst und ihre Sorgen finden.

Wir brauchen Gemeinschaft, Zusammenhalt und Zuversicht. Politiker müssen wohl oder übel lernen, das zu verstehen. Aber auch die Gesellschaft muss sich bemühen, gemeinschaftlicher zu denken.

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