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Der Mann mit der Extra-Stunde

07/12/2017 17:16 CET | Aktualisiert 07/12/2017 17:16 CET
kupicoo via Getty Images

Christoph Hoffmann ist der Popstar der Hotellerie. Er hat die Bedeutung des lokalen Marktes für die Branche erkannt und den Urban Lifestyle salonfähig gemacht. Die vielerorts eingeschlafene Hotelgastronomie wurde von ihm wachgeküsst.

Es ist ein grauer Nebeltag im November 2016 in Paris. Morgens hat es kurz geschneit, am Mittag ist die Stadt kalt und nass. Im 23. Stock der futuristischen Zentrale des Hotelkonzerns Accor wartet eine Handvoll französischer Journalisten auf einen für sie unbekannten Gast aus Deutschland: Christoph Hoffmann, den CEO der 25hours Hotel Company.

Die Hammer-News des Tages wird lauten: Der größte europäische Hotelkonzern, Accor, übernimmt 30 Prozent der deutschen Kreativschmiede 25hours und blättert dafür rund 35 Millionen Euro auf den Tisch. Aber noch ist die Nachricht nicht raus. Hoffmann verspätet sich, bleibt im Verkehr stecken.

Es ist der Tag der Entscheidung, aber für viele erscheint das Thema auf den ersten Blick ähnlich nebulös wie die Wetterlage. Plötzlich macht eine Meldung des deutschen Bundeskartellamts über einen "Anteils- und Kontrollerwerb" von Accor S.A. über 25hours die Runde.

Damit hat keiner gerechnet, alle sind verblüfft. Erste Medien fragen an, was es damit auf sich hat. Nun droht das sorgfältig gehütete Geheimnis vorzeitig aufzufliegen.

Doch dann kommt Hoffmann. Braun gebrannt wie immer. Seine dunklen Ringellocken schlängeln sich über die Stirn bis zur hellen Panto-Brille im Stil der 1920er Jahre. Er legt seinen orangefarbenen Schal ab.

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Das hellblaue Hemd ragt über seine graue Hose, darüber trägt er ein legeres blaues Sakko. Und natürlich hat er keine Krawatte um. Selbst die sonst im perfekten Businesslook auftretenden Accorianer verzichten auf einen Binder.

Hoffmann prägt den Stil, füllt den Raum. Gleich beim Eintreten parliert er locker in Englisch über gutes Essen und sammelt Sympathien ein, als er sagt: "Bis heute haben wir mit 25hours nur Freude gehabt."

Dann erklärt er seine Philosophie: "Wir sind keine standardisierte Hotelgruppe, denn wir kreieren jedes Mal eine neue Welt, wenn wir ein Hotel machen." Nun gehe es darum, für die weitere globale Expansion in Sydney oder Bankgkok den richtigen Partner zu finden. Hoffman kommt gut an, wird ernst genommen, weil er sich selbst nicht so ernst nimmt.

Später kommt der mächtige Accor-Chef Sébastien Bazin hinzu, und die beiden machen sich gut gelaunt Komplimente. Accor hat mehr als 4000 Hotels, 25hours kommt auf zehn Häuser, unter anderem in Hamburg (3), Frankfurt (2), Zürich (2), Berlin und München.

Geschichten sind wichtig

Die DNA der jungen Hotelgruppe ist es, lokale Geschichten zu erzählen und maßgeschneiderte Konzepte zu verwirklichen. Der Slogan lautet: "Kennst Du eins, kennst Du keins." Individualität wird groß geschrieben.

"Viele Hotels sind austauschbare Produkte", kritisiert Hoffmann. "Sie sehen am Ende des Tages alle gleich aus und haben keine Seele, weil sie zu vielen Gesetzen folgen müssen, dem Budget, der Finanzierung, dem Energiekonzept, dem Brandschutz.

Unser Vorgehen, mit Bargeld auf dem Flohmarkt Einrichtungsgegenstände zu kaufen und Dinge zusammenzubasteln, ist für Developer zunächst ein Alptraum, und eine Horrorvorstellung für jede finanzierende Bank."

Die 25hours Häuser in Hamburg haben als lokales Thema natürlich mit dem Hafen zu tun, wie im Hotel Altes Hafenamt, dem einzigen historischen Bau in einer aus dem Boden gestampften Stadt aus Stahl und Glas.

In dem 1885 errichteten Gebäude trifft der Geist des Hafenmeisters auf die junge Urbanität der Gegenwart. Viele historische Details sind eingearbeitet, wie die original Türblätter der Amtsstuben, die als Kopfteil mancher Betten dienen.

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In Frankfurt liegt ein 25hours neben der Levis-Zentrale. Dort dreht sich die Story um den deutsch amerikanischen und jüdischen Industriellen Levi Strauss, der die Jeans erfand.

Im dem anderen Frankfurter 25hours an der Hanauer Landstraße hat Hoffmanns Geschäftspartner Ardi Goldman 49 Freunde und Wegbegleiter eingeladen, als Paten jeweils ein Zimmer zu gestalten. Folgerichtig trägt das Hotel den Namenszusatz The Goldman.

"Das Haus erzählt 49 Geschichten", erklärt Hoffmann. "Es geht uns darum, ein Drehbuch zu schreiben für Hotels. Das Erzählen von Geschichten wurde uns von Hotel zu Hotel immer wichtiger. Derweil hat man fast den Eindruck, dass jedermann Storytelling entdeckt hat. Mal schauen, wo das hinführt. Jedenfalls dürfen wir uns nicht auf unsere Lorbeeren ausruhen."

Wie kommt jemand auf den Namen 25hours? "Es geht um eine extra Stunde", erklärt Hoffmann. "Aber wir haben die Frage nie beantwortet, wozu sie da ist. Wir wollen nicht zu ernst sein. Es ist ein guter Name, um eine internationale Marke zu werden."

Kein Deckel bei der Pacht

Die Auslastung des Hotels liegt bei über 90 Prozent. "In Berlin haben wir einen Erlös pro Zimmer, der ist manch einmal höher als im gegenüberliegenden Waldorf Astoria. Der Umsatz ging durch die Decke, aber leider auch die Pacht für die Bayerische Hausbau, die sich prozentual nach den Einnahmen richtet.

Leider habe ich damals noch nicht daran gedacht, einen Deckel bei der Pacht zu verhandeln", resümiert Hofmann selbstkritisch. "Aber auch wenn ich mich manchmal ärgere, muss ich zähneknirschend zugestehen, dass die Mehrkosten für die einzigartige Immobilie legitimiert sind."

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Sprungbrett für das internationale Geschäft war das 2014 eröffnete 25hours Bikini Berlin. Hängematten in der Lobby, Schlafkissen mit der Aufschrift „Voulez-vous coucher avec moi?" sowie „Jungle- Zimmer", von denen die Gäste auf das Affenhaus im Zoo blicken können und morgens von exotischen Vogelstimmen geweckt werden - das mediale Echo war grandios.

Selbst ein vermeintlicher Skandal, als die Bild-Zeitung - mit Foto - über eine Hotel-Toilette berichtete, die von außen einsehbar erschien, wurde zur PR für 25hours. „Damit man etwas sah, brauchte es einen Eintritt in den Zoo, die genau richtige Tageszeit und ein gutes Objektiv", erklärt Hoffmann.

„Der Artikel war vor allem dem Sommerloch geschuldet, aber wir haben die Sichtachsen auch etwas unterschätzt. Wir hatten Artikel und TV-Berichte in den USA, England, Italien und Japan. Am Ende kamen noch mehr Gäste."

Nun wird das 25hours-Konzept noch radikaler.....

Was plant Vordenker Christoph Hoffmann für seine nächsten Hotels?

Welche Bedeutung hat das legendäre Restaurant Neni?

Wie geht es als kleines Rädchen im riesigen Accor-Konzerns weiter?

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem BuchDer Tag der Entscheidung.

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