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Der Erfolg ist Türkis

07/12/2017 17:45 CET | Aktualisiert 07/12/2017 17:46 CET
Leonhard Foeger / Reuters

Dieter Müller hatte bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahr nichts mit Hotels zu tun. Sein Weg führte ihn von einer Lehre bei BMW zu einem der wichtigsten Hotelunternehmer Deutschlands. Inzwischen hat er Kult-Status erreicht.

Es war eine der spannendsten Hotel-Eröffnungen in Berlin im Jahr 2017: Mit dem neuen Motel One im schmucken, 118 Meter hohen Upper West Turm am Bahnhof Zoo ist CEO Dieter Müller und seinem Team eine echte Überraschung gelungen.

Die Budget-Design-Kette betreibt europaweit 62 Hotels mit 17.600 Zimmern. Sie ist eine der wenigen deutschen Hotelfirmen, die internationaleine gewichtige Rolle spielt.

Das Konzept war viele Jahre lang revolutionär. Es bietet hochwertige Übernachtungsmöglichkeiten mit großem Lounge-Bereich zu Budgetpreisen. Jeder Gast weiß genau, was ihn erwartet. Dieser Vorteil kann manchmal auch ein Nachteil sein.

Nun kommt das Upgrade. Das neue Flaggschiff mit 582 Zimmern verteilt sich auf 18 Etagen. Die Bar im 10. Stock hat neben der spektakulären Aussicht auch 41 Sorten Gin im Angebot. Von der riesigen Außenterrasse ist die geschichtsträchtige Gedächtniskirche so nah, dass man fast die Zeiger der Turmuhr mit der Hand stellen kann.

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Die Gäste sitzen auf Baxter-Sofas, die laut Firmenprospekt Gemütlichkeit, Unterstatement und lässige Eleganz verkörpern. Nebenan steht das 5-Sterne- Hotel Waldorf Astoria, gegenüber liegt das Bikini-Haus mit dem 25hours Hotel und der hippen Monkey Bar.

Ein neuer Höhepunkt im Tag- und Nachtleben der Hauptstadt ist entstanden. Die Einrichtung spiegelt den Zeitgeist, ist großzügig und detailverliebt. Bilder von Starfotograf Jim Rakete an den Wänden sollen die Filmstadt Berlin ins Hotel holen.

Gegenüber liegt der Zoo-Palast, ein Berlinale-Kino, in dem Stars wie Madonna und Jonny Depp bei der Vorstellung ihrer Filme live mit dabei sind. In einem Teil der Hotel Lounge können die Gäste James-Bond-Streifen mit Kopfhörern anschauen.

Auch Motel One folgt dem Trend, die Bar zum erweiterten Wohnzimmer der örtlichen Bevölkerung zu machen. Die Anpassung an den Lifestyle hat aber Grenzen. „Viele neue Konzepte ähneln sich. Wenn ich ins Hotel komme, empfängt mich ein DJ, dann gehe ich am Billard-Tisch vorbei zum Kiosk", erklärt Müller.

"Wir sind aber keine Hippster, bei Motel One wird es keine DJs geben. Wir wollen unser Lounge-Konzept raffinierter machen und die Bar mehr in den Mittelpunkt stellen. Denn wir sehen uns eher als Grandhotel zum Budgetpreis."

Dieter Müller ist kein Mann der Superlative: „Es ist eine konsequente Weiterentwicklung unseres Konzepts", sagt er in perfektem Understatement, das zu den Baxter-Möbeln passt. Den Vertrag als Ankermieter mit 25 Jahren Laufzeit hat er schon viele Jahre vor der Eröffnung abgeschlossen, als der Immobilienmarkt noch nicht so überhitzt war.

So kann Motel One in bester Lage der City West einen Zimmerpreis von 79 Euro anbieten. Größere Räume mit Aussicht kosten 144 Euro pro Nacht. Nebenan zahlen die Gäste das Doppelte bis Dreifache.

Entscheidung auf der Baustelle

Dieter Müller wurde 1954 in Saarbrücken geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das heutige deutsche Bundesland noch ein teilautonomer Staat unter französischem Einfluss. Das Gebiet hatte eine eigene Staatsangehörigkeit, die Währung war der französische Franc, und auf den Straßen fuhren Autos des Typs Renault 4CV statt VW Käfer.

Es gab auch eine saarländische Fußball-Nationalmannschaft, die der spätere deutsche Weltmeistertrainer Helmut Schön in Schuss hielt.

Müller erinnert sich an seine Kindheit, als die Wäsche draußen auf der Leine in der damaligen Kohle- und Stahlregion beim Trocknen schwarz wurde. Zur Einschulung zog die Familie in ein eigenes, kleines Haus, und Müller durfte im Möbelwagen zum ersten Schultag fahren. Reisen und Urlaub kamen in seinem Kinderleben nicht vor. "Hotels sind mir damals nicht über den Weg gelaufen", kommentiert Müller.

Es wäre vielleicht naheliegend gewesen, wenn er später Waschmittelfabrikant oder Möbelspediteur geworden wäre. Doch nichts deutete darauf hin, dass er einmal einer der einflussreichsten und am strategischsten denkenden Hotelunternehmer Deutschlands werden würde.

Nach der Volksschule begann Müller im Alter von 15 Jahren eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann bei BMW in Saarbrücken. Es folgten Abstecher nach Berlin und München. Als er wieder zurückkehrte, gab es nur wenige Arbeitsplätze.

Eines Tages hörte er, dass ein französisches Unternehmen in Saarbrücken ein Hotel errichten wolle. Es war der Markteintritt von Accor mit Novotel in Deutschland. "Ich bin dann einfach mal zur Baustelle gegangen", erzählt Müller.

Sie lag wenige Hundert Meter von der Grenze entfernt. Dort fragte er nach Arbeit. Er hatte riesiges Glück, denn an jenem Tag im Jahr 1975 war der spätere Deutschlandchef John F. Herminghaus vor Ort. Müller wurde vom Fleck weg zwischen Baggern und Betonmischern als Buchhalter engagiert.

"Die Branche war mir völlig fremd, Novotel hatte ich noch nie gehört", erinnert sich Müller. Der heutige Branchenriese Accor mit weltweit mehr als 4.000 Hotels steckte damals noch in den Kinderschuhen. "Die Ansage war, wir sollten in Deutschland expandieren, die Freiräume waren riesig."

Schließlich wurde das Accor-Headoffice in München aufgebaut. Müller war Finanzchef, Herminghaus Geschäftsführer. Dritter im Bunde war Volker Rathe, der spätere Ibis-Chef und Accor-Geschäftsführer. Dabei lernte Müller das Business in all seinen Facetten kennen, von der Grundstücksakquise bis zum fertigen Hotel. Später wurde er Vorstandschef der Accor Gastronomie.

Die Keimzelle des Aufstiegs

Sein Weg in die Selbstständigkeit ging so: „Herminghaus hatte sich mit seinem Chef in Frankreich überworfen", berichtet Müller. "Wir waren inzwischen gut befreundet, und ich wurde nach Paris bestellt, um eine Idee zu finden, wie man einen schönen Abgang hinbekommen kann." Müller machte den abgesprochenen Vorschlag, dass Herminghaus drei nicht gebrandete Hotels aus dem Accor-Bestand übernehmen sollte.

Er selbst bekam die Genehmigung, sich daran zu beteiligen, wurde aber verpflichtet, bei Accor zu bleiben. "Es war ein Management- Buy-out. Wir durften in die Verträge einsteigen." So wurden drei ehemalige Accor-Hotels im Achental am Chiemsee, in Bad Kohlgrub bei Oberammergau und in Hirschberg bei Heidelberg zur Keimzelle des kometenhaften Aufstiegs von Dieter Müller.

Herminghaus und Müller gründeten die bis heute bestehende One Hotels & Resorts AG und nannten ihre neue Mini-Kette Astron, griechisch für Stern. "Die Hotels waren nicht sonderlich ertragreich, aber wir schafften den Turnaround."

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Müller gab dann doch bald seinen Job bei Accor auf. Als viertes Hotel kam ein Haus in Fürth hinzu, dann folgten Hamburg und Unterhaching bei München. Die Astron-Häuser hatten große Tagungsbereiche und waren im unteren 4-Sterne-Bereich angesiedelt. Anfang der 1990er Jahre schied Herminghaus aus.

Dessen Anteile platzierte Müller neu, unter anderem beim SAP Mitbegründer Dietmar Hopp, den Müller auf dem Golfplatz kennengelernt hatte, sowie bei weiteren Geschäftspartnern und Freuden, die bis heute bei Motel One mit dabei sind. Anfang der 2000er Jahre war Astron zu einer beachtlichen Kette in den deutschen Top Five gediehen, mit 54 Häusern

und rund 8.000 Zimmern.

"Astron war ein Produkt, das es schon gab", sagt Müller rückblickend. „Viele ähnliche Angebote waren auf dem Markt, Astron hatte keinen USP, keine Einzigartigkeit.

Die finanziellen Ressourcen waren begrenzt. Wir lebten von der Euphorie der Mitarbeiter." 1997 lernte er bei Astron seine spätere Ehefrau Ursula kennen, die in der Zentrale in einer kleinen Villa am S-Bahnhof Unterhaching begann und dann ins Marketing aufrückte.

Vielen hätte dieses Unternehmen für ein ganzes Leben ausgereicht. Doch Müller wollte expandieren, gründete die neue Marke Motel One und nahm das Ausland ins Visier.

Der Mega-Deal

Es gab damals nur wenig Mitbewerber im günstigen Segment. "Große Ketten haben das Thema nicht gespielt. Der Markt war damals anders. Firmen waren hierarchisch organisiert." Nur Handwerker schliefen Low Budget, die Kaufleute gingen ins Novotel und die Geschäftsführer in den 5-Sterne-Bereich.

Inzwischen hat sich dieses Kastendenken aufgelöst. Auch Vorstände großer Unternehmen finden es heutzutage schick, ab und zu im Motel One zu schlafen. Müller selbst hat mit seinem Konzept Kult-Status erreicht.

"Damals war ich noch nicht überzeugt, dass Motel One einmal etwas Tolles wird", erinnert er sich. "Wir waren eher wie Etap positioniert, hatten Häuser in Randlagen von Schweinfurt und Hannover. Der Erfolg war nicht absehbar."

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Eine Zeitlang lief die Entwicklung von Astron und Motel One parallel. Immer wieder dachte Müller über den Verkauf von Astron nach. „Eine Hotelkette, die stehen bleibt, ist tot", meint er. „Dann gibt es aber die große Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern. Man hat das Gefühl, man verrät sie, wenn man über eine Trennung nachdenkt."

Die Entscheidung reifte innerhalb von zwei Jahren. Damals starb ein enger Mitarbeiter im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt. "Für mich war das ein Zeichen, dass wir persönlich zu sehr engagiert sind und uns das überfordert."

Zu der Zeit stand Müller im Kontakt mit der spanischen Hotelgruppe NH, die ihre Basis in Deutschland ausbauen wollte. Wenige Tage nach dem verheerenden Terroranschlag auf das World Trade Center in New York kam der Tag der Entscheidung.

Mit welcher Entscheidung gelang der Aufstieg von Motel One? Welche Ideen waren für den Erfolg der Budget-Design-Kette ausschlaggebend? Wie verarbeitet en Mensch den Riesen-Erfolg?

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Der Tag der Entscheidung.

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