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Reform der betrieblichen Altersversorgung geht nicht weit genug

15/06/2017 12:39 CEST | Aktualisiert 15/06/2017 12:39 CEST
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Nun also doch: Erst kurz vor Ende der Legislaturperiode hat sich die Regierungskoalition aus CDU, CSU und SPD über einen Ausbau der betrieblichen Altersversorgung (bAV) verständigt. Mit dem so genannten „Betriebsrentenstärkungsgesetz" soll die Attraktivität der bAV erhöht und die Marktdurchdringung vorangetrieben werden.

Das ist zu begrüßen, schließlich haben aktuell weniger als 60 Prozent der Arbeitnehmer eine betriebliche Altersvorsorge. Vor allem Geringverdiener und Mitarbeiter kleinerer Firmen stehen häufiger ohne das Zusatzplus im Alter da. Das soll sich nun ändern.

Bislang lag der Fokus der Rentenpolitik auf der gesetzlichen und privaten Altersvorsorge. Als drittes Element der Vorsorge macht es jedoch Sinn, dass die betriebliche Rente wieder eine wichtigere Rolle spielt.

Schließlich bietet sie jede Menge Vorteile: Dazu zählt neben der Beitragszahlung aus dem Bruttolohn, hohen Rabatten durch Gruppenverträge und den möglichen hohen Arbeitgeberzuschüssen vor allem auch die Flexibilität der Verträge.

Eigentlich könnte die bAV also eine effiziente und kostengünstige Lösung zur Schließung der individuellen Vorsorgelücke sein. Das ist sie aber nicht. Denn die zweite Säule der Altersvorsorge ist einfach viel zu kompliziert und nicht attraktiv genug. Kein Wunder, dass sich die Beteiligung der Arbeitnehmer in Grenzen hält.

Schlechter Ruf schreckt ab

Und daran ändert auch die überfällige Reform nichts. Denn ein großes Hindernis ist der generell schlechte Ruf der bAV: Sie wird als versicherungslastig empfunden - was ja auch meistens der Fall ist.

Das macht die Menschen misstrauisch, weil sie seit Jahrzehnten durch nicht optimale Verträge und mehrfaches Umdecken in schlechtere Konditionen teilweise geschädigt wurden.

Weil es sich in vielen Fällen um eine mit Investmentfonds unterlegte Kapitalanlage handelt, macht es meiner Ansicht nach Sinn, dass nur diejenigen dazu beraten dürfen, die Fachkenntnisse in eben diesem Bereich und eine Erlaubnis haben. Das sind in der Regel nicht die Versicherungsvertreter.

Das ist aber nicht der einzige Grund für die geringe Attraktivität. So sind die Anlageergebnisse vieler bAV-Angebote und Pensionskassen permanent unterdurchschnittlich und werden durch hohe Kosten weiter geschmälert.

Dass sich die Betriebsrente für Beschäftigte nicht in allen Fällen rechnet, hat unlängst auch das ZDF-Wirtschaftsmagazin WISO in einer Untersuchung herausgefunden. Ergebnis: Steuern und Versicherungsbeiträge können die Renten-Auszahlungen im Alter empfindlich reduzieren.

Nur wenn sich der Arbeitgeber kräftig an den Einzahlungen beteilige, könnten Sparer ein drohendes Minusgeschäft vermeiden, heißt es. Wer will angesichts solcher Schlagzeilen noch eine Betriebsrente?

Beitragsgarantie endlich abgeschafft

Immerhin hat der Gesetzgeber bei einem wichtigen Kritikpunkt eingelenkt: Die vorgeschriebene Beitragsgarantie entfällt künftig. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen in Tarifverträgen vereinbaren können, dass nur noch die Beiträge zugesagt werden.

Die Haftung der Unternehmen für eine bestimmte Höhe der Betriebsrenten entfällt dann. Das ist gut so, denn solch eine Garantie hat die bAV besonders unattraktiv gemacht. Dadurch blieben bei den fondsgebundenen Varianten keine Erträge übrig. Im Gegenteil: der Sparer konnte durch die hohen Sicherungskosten nur verlieren.

Dass Garantien in der Altersvorsorge teuer und oft schwer verständlich sind und Anlegern keinen Nutzen bringen, hat jüngst auch eine Studie der Frankfurt School of Finance & Management eindrucksvoll belegt.

Über die Laufzeit fest zugesagte Garantien erhöhen laut dieser Studie die Kosten der Kapitalanlage und verringern so deren Renditechancen. Insofern darf man der Bundesregierung zu dieser Einsicht beglückwünschen.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass viele Arbeitnehmer einfach nicht in der finanziellen Lage sind, sich an der bAV zu beteiligen. Wir reden von Leuten, insbesondere aus den unteren Einkommensgruppen, die schlicht nichts übrighaben, was sie zusätzlich ausgeben können.

Außerdem schreckt die Komplexität der bAV viele ab. Nicht nur bei den unterschiedlichen Durchführungswegen müssen Arbeitnehmer wichtige Details beachten, sondern etwa auch bei der Besteuerung der Vorsorgeaufwendungen in der Ansparphase sowie bei der vor- oder nachgelagerten Besteuerung in der Rentenphase.

Gut gedacht, schlecht gemacht

Deshalb lautet meine Forderung: Der Gesetzgeber muss die bAV deutlich vereinfachen, damit viele Arbeitnehmer auf eine leichte Art und Weise daran partizipieren können. Diese Chance aber hat die große Koalition mit der vorgestellten Reform leider verpasst.

Dabei ist der Bedarf da: Aktuell deckt die gesetzliche Standardrente netto etwa 48 Prozent des Durchschnittseinkommens ab - Tendenz fallend. Je weiter das Renteneintrittsalter in der Zukunft liegt, desto größer die zu erwartende Rentenlücke, also die Differenz zwischen dem letzten Nettoeinkommen und der gesetzlichen Rente.

Der Ausbau der privaten, aber auch der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) ist deshalb unumgänglich.

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