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"Wo ist er hin, der Schulz Hype?" - Warum die Niederlage der SPD vorhersehbar war

20/05/2017 11:28 CEST | Aktualisiert 20/05/2017 11:28 CEST
Hannibal Hanschke / Reuters

Politik ist eine ernste Sache. Immerhin entscheiden die Politikerinnen und Politiker über die Zukunft unseres Gemeinwesens. Also über uns alle. Gerade wir Deutschen lieben Technokraten an den Schalthebeln.

Helmut Schmidt war der Prototyp dafür. Angela Merkel ist es auf ihre Weise, die Physikerin der Macht. Aber machen wir uns doch nichts vor. Politik ist mindestens zu 50 Prozent Theater.

Nicht immer schönes Theater, aber eben doch Theater. Inszenierung, Drama, Hysterie und ein Verstelldichspiel sind untrennbarere Teile der Politik.

Ganz großes Theater bot der Wahlabend in Nordrhein-Westfalen, wenn man mal davon absieht, dass mancher Schauspieler viel dafür geben würde, sein Gesicht so verziehen zu können wie SPD-Chefgriesgram Stegner aus Schleswig-Holstein.

Aber das Land bewegt eine andere Frage. Wo ist er hin, der "Schulz Hype" der SPD?

Gute Inszenierungen darf man nicht als solche erkennen

Das mit dem "Schulz Hype" ist ohnehin so eine Sache. Gab es ihn wirklich? Der Mann war doch in der EU durch und wurde nach Berlin geholt, weil Sigmar Gabriel keine Lust hatte und Steinmeier Präsident wurde. Dass die Genossen selbst ihren Martin lieben würde, das war klar.

Aber Deutschland ist mehr als die SPD. Ginge es um ein Casting, wäre Martin Schulz die komplette Fehlbesetzung. Ist er auch, wie man im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen bestaunen konnte.

Begeisterung ist eben ansteckend

Dass Begeisterung ansteckend ist, weiß man. Diese infektiöse Form der Begeisterung ist aber mehr wie eine Erkältung: drei Tage kommt sie, drei Tage bleibt sie und drei Tage geht sie, und dann ist sie weg.

Den Genossen von der SPD war es schon immer wichtiger, dass ihnen selbst ihr Kandidat zusagt als dem Volk als Ganzes.

Mehr zum Thema: Linksausleger Stegner bezieht Prügel von den eigenen Genossen

Helmut Schmidt? Erfolgreicher SPD-Kanzler. Abgesägt. Gerhard Schröder, erfolgreicher SPD-Kanzler (vielleicht der beste, den Deutschland seit 1949 hatte), geteert, gefedert und abgesägt.

Und jetzt Martin Schulz als richtiger Kandidat im falschen Stück.

Er sieht nicht nach 2017 aus

Bei einer Schauspieler-Agentur würde man Martin Schulz wunderbar für einen Film, der 1983 spielt, einsetzen können.

Der Mann sieht nach allem aus, nur nicht nach 2017. Und von wegen, er hätte noch kein Programm. Seit Wochen erzählen die Genossen im Grunde nichts anderes, als dass sie Schröders super erfolgreiche Agenda 2010 rückabwickeln wollen.

Dabei ist dieser Plan genauso erfolgversprechend wie die Idee, ausgedrückte Zahnpasta wieder zurück in die Tube zu stopfen.

Total realitätsblind!

Wenn man Schulz in den vergangenen Wochen zugehört hat, konnte man den Eindruck gewinnen, Deutschland sei ein Armenhaus, das halbe Land lebe in Pappkartons und überhaupt herrschten schlimme, schlimme Ungerechtigkeiten an jeder Ecke.

Das ist, mit Verlaub, solch ein Unsinn, dass man es gar nicht weiter kommentieren muss - die Statistiken zu lesen würde schon genügen.

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Schulz beschreibt das Vor-Schröder-Deutschland, das dieser mit der Agenda 2010 quasi gerettet hat. Und diese erfolgreiche Rettungpolitik will Schulz jetzt, 2017, wieder rückabwickeln.

Hallo? Nicht jeder Wähler hat Abitur, aber doof ist die Mehrheit dann auch nicht. Das ergibt doch alles keinen Sinn! Im Theater würden wir es locker unter "absurde Komödie" verbuchen können.

Themen verfehlt!

Es gibt einen guten Grund, warum wir am Theater alte Stücke in neue Gewänder stecken. Alles hat seine Zeit und nicht alles wird zu jeder Zeit gleich verstanden.

Martin Schulz, so hat es den Eindruck, ist gedanklich irgendwo zwischen 1983 und 1999 unterwegs. Denn soziale Gerechtigkeit ist zwar immer wichtig, aber gerade so gar nicht das Topthema.

Das sind Probleme wie innere und äußere Sicherheit, Zuwanderung, Bildungsqualität, EU-Müdigkeit, zu hohe Abgaben für Normalverdiener und so weiter. Aber Martin Schulz und seine Genossen sitzen in ihrer Blase und verstehen die Welt nicht mehr.

Und dann noch diese EU...

Wenn schon das alles am Bedarf des Publikums vorbeiinszeniert ist, dann kommt der Kracher damit, dass SPD-Schulz "mehr EU" will. Er erinnert mich dabei an einen Regisseur, mit dem ich vor ein paar Jahren gearbeitet habe. Dieser bestand auf einer Drehbühne. Nur hatte das Theater eine solche nicht.

Das wiederum störte den Regisseur herzlich wenig, denn erst durch eine Drehbühne würde sich seine Inszenierung entfalten. Nun ja, es flossen Tränen, es wurde laut. Eine Drehbühne hat besagtes Schauspielhaus bis heute nicht.

Mehr zum Thema: Vorsicht Schulz: Die Sozialpolitik der SPD wagt keinen Aufbruch

Genau so will Martin Schulz viel "mehr EU". Will schließlich das Bübchen im Pariser Präsidentenpalast auch. Dass dieser nur eine Notwahl gegen eine Le Pen war, blendet der Hübsche aus.

Martin Schulz blendet auch etwas aus, nämlich dass es weit und breit kein einziges Land gibt, das auch "mehr EU" möchte. "Selektive Wahrnehmung" nennt das mein Wiener Freund Gerd, Mitglied im Psychologie Verbund (PV).

Alleine auf der Bühne!

Macron kann seine EU-Träume träumen, er wird es ohnehin mit einem Parlament zu tun bekommen, das seinen von Soros inspirierten EU-Wahn nicht teilt.

Die Briten machen gerade den Abgang, die Niederlande sind inzwischen auch mehrheitlich EU-skeptisch, Dänemark sowieso traditionell, Polen, Slowenien, Ungarn, die Slowakei und die Tschechei würden lieber heute als morgen die EU beschneiden.

In Österreich stehen im Oktober Neuwahlen an, aus denen eine rechtsnationale Regierung hervorgehen wird. Die Schweiz war nie und wird nie Mitglied der EU, ebenso wie Norwegen und Island. Und der Rest? Ist entweder bevölkerungsarm, grottenarm oder ein kompletter wirtschaftspolitischer Pflegefall.

So, und mit diesem Haufen will Herr Schulz "mehr EU" machen. Na Prost! Da bekommt eher der arme Regisseur doch noch seine Drehbühne.

Man fragte sich: fällt dieser ganze Irrsinn denn keinem auf? Diese Mischung aus Dada und Kafka bei der SPD und großen Teilen der Grünen. Oh doch!

Das weiß man jetzt nach den drei Landtagswahlen. Das Volk versteht es sehr, sehr gut. Deshalb diese Resultate. Nur bei der SPD ist bislang der Groschen noch nicht gefallen.

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