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Profiler: Ein Bericht von der dunklen Seite des Mondes

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Eine Reportage von Rolf Peiffer, Stuttgart.

Das erste Mal traf ich Alexander Freudig* auf einer Toilette. Stilvoll natürlich, Frankfurt, Willy-Brandt-Platz. Ich kam aus dem Theater, er aus der damals gegenüberliegenden Europäischen Zentralbank.

Zwei benachbarte Kosmen, die geistig gar nicht weiter auseinander liegen könnten. Aber was ist in Frankfurt am Main schon normal? Auf jeden Fall steuerten wir beide auf dasselbe Ziel zu und so trafen wir in einer Bedürfnisanstalt aufeinander. "Sie sind Dramaturg", sagte er aus dem Nichts heraus, während wir nur durch einen brusthohen Sichtschutz getrennt waren.

Er starrte an die Wand. "Ihre Beziehung ist unlängst zerbrochen und Sie haben kürzlich eine neue Frau getroffen, die sie ernsthaft interessiert. Aber es klemmt irgendwo. Ich denke es liegt daran, daß sie Sie belügt. Sie ist noch in einer Beziehung."

Wie bitte?

Ich war perplex. Ja. Schon alles richtig. Bis auf den Teil mit der Zukunft. Wer kennt schon die Zukunft? Wer war das? Was war das? Als er sich die Hände gewaschen hatte, zog er eine leicht angeknitterte Visitenkarte aus seiner Sackotasche, lächelte kalt, drückte mir sein Stück dünnen Karton in die Hand, drehte sich um und sagte beim Hinausgehen leise "good luck".

Was war denn das?

Ich schaute irritiert auf die Karte. "Alexander Freudig" stand dort, "Managing irgendwas". Das reichte mir natürlich nicht. Denn er hatte tatsächlich mit allem recht. Daß meine neue Freundin ein falsches Spiel mit mir spielte, sollte ich drei Wochen später herausfinden.

Diese Begegnung verfolgte mich spätestens dann bei Tag und bei Nacht, sie machte mir sogar richtiggehend Angst. Ich glaube nicht an Übersinnliches, gar nicht! Aber was sollte es sonst sein? Ich musste erfahren, wer dieser Mann ist, der intimste Dinge über mich wußte.

Außerdem ergab sich aus seiner Visitenkarte, daß er für ein todseriöses Unternehmen arbeitete. Dieser Mann konnte kein Alien sein und auch kein Zauberkünstler. Oder doch?

Der Chef denkt gerade...

Ich rang mich also durch. Wählte die Nummer auf der Visitenkarte. Nein, Herr Freudig sei nicht zu sprechen. Seine Sekretärin hatte immer eine andere Ausrede. Mal eine Besprechung, mal einen anderen Termin, Dienstreisen, Urlaub.

Einmal sogar Denken. "Der Chef denkt gerade nach." Du meine Güte! Doch dann, eines Freitags gegen Abend klingelte mein Telefon. "Verzeihen Sie, ich war etwas eingespannt. Freudig hier." Seine Sekretärin hatte Wort gehalten, der erhoffte Rückruf kam.

"Sie hatten mit allem recht", stammelte ich. "Ich muß wissen, wie Sie das machen?" "Was machen?", fragte ein abwesend wirkender Alexander Freudig. "Das mit dem Hellsehen" - schon beim Aussprechen wusste ich, daß er das eher nicht hören wollte. Der Mann saß in einem der Frankfurter Bürotürme. "Hellsehen"... Wie konnte ich nur?

Die Menschen sehen nicht genau hin...

Lachen am anderen Ende der Leitung. "Ich mag Ihren Humor", sagte Freudig trocken. "Rufen Sie an, weil Sie eine Entschuldigung erwarten, daß ich Sie ungefragt angesprochen habe... in einem Waschraum..." - er sagte tatsächlich Waschraum - "oder wollen sie getröstet werden, weil es mit Ihrer Bekannten Probleme gibt? Das Erste wäre mir lieber, da schneller zu bewerkstelligen." Schweigen. "Hallo?".

Freudig wunderte sich über mein Schweigen. "Weder noch", stammelte ich, "auch wenn Ihr Verhalten etwas, sagen wir... direkt war. Ich möchte verstehen, woher Sie all das über mich wissen konnten." Schweigen.

"Weil ich ein Hellseher bin", sagte Freudig trocken. "Die beschäftigen hier so Leute wie mich, X-men aus der Zukunft, das kann von Vorteil sein". Schweigen.

Irritation auf meiner Seite. Plötzlich lautes Lachen im Hörer. "Das haben Sie jetzt wirklich geglaubt, nicht wirklich, oder?", strahlte Freudig durch das Telefon. Schweigen. "Hören Sie, ich bin nur ein Profiler, und ich habe eine gute Menschenkenntnis, glaube ich, hoffe ich...", sagte Freudig trocken.

"Ich schaue einfach etwas genauer hin als andere, die Menschen sehen nicht genau hin. Das ist ein Problem. Deswegen gibt es Leute wie mich."

Das war es also....

Ein Profiler also. Das erklärte es. Er hatte mich vom Bankgebäude aus sehen können, als ich im Theater kurz von meiner neue Freundin besucht worden war.

Ihm war an der Toilettentür der Anhänger an meinem Rucksack aufgefallen, von einem Romantikhotel, in dem ich mit ihr am Wochenende zuvor war. Er hatte zuvor beobachtet, daß sie beim Verlassen des Theaters in das Auto eines anderen Mannes stieg und beide sofort wild gestikulierten. Er hatte auch mein Zuviel an Aftershave wahrgenommen.

All das und einige Details mehr ließen Alexander Freudig zu den richtigen Schlüssen gelangen. "Versuchen Sie mal ein anderes Aftershave", hörte ich ihn noch sagen. "Ihres roch unerfahren und schnell besorgt".

Warum ein solcher Job?

Natürlich wollte ich wissen, was ein Profiler in diesem Unternehmen machte. Ich kannte das Berufsbild zuvor nur aus dem "Tatort". Genauso selbstverständlich wie meine Frage war, wurde sie nie beantwortet.

Zumindest nie zu meiner Zufriedenheit. "Manche Menschen wollen Dinge wissen, die andere nicht wissen." Mit dieser Antwort musste ich leben. Freudig entschuldigte sich, er müsse jetzt zu seinem Krav Maga Training. Später las ich nach, "eine israelische Selbstverteidigungstechnik mit Elementen aus dem Hebel- und Bodenkampf mit Schlag- und Tritttechniken". Nicht meine Welt.

Auf der dunklen Seite des Mondes...

Jahre später hörte ich nochmals von Alexander Freudig. Er war gerade nach Kanada gezogen und wollte am Telefon wissen, welches Theater ich ihm in seiner neuen Heimatstadt empfehlen könne. Seine Frau habe diese Vorliebe für kleine Bühnen.

"Ich kenne mich leider in Toronto überhaupt nicht aus", musste ich ihn enttäuschen. "Schade, da wird meine Frau traurig sein. Hochzeitstag. Sie wissen schon." Ich sagte ein paar Höflichkeiten, pausierte kurz und fragte, was er eigentlich in Kanada tue? "Ich lasse andere wissen, wie es auf der dunklen Seite des Mondes aussieht."

Er lachte, und legte auf. Drei Wochen später bekam ich eine SMS mit dem Namen eines Theaters. "Falls es Sie mal hier hin verschlägt", stand dabei.

Sonderbare Menschen sitzen in diesen Glastürmen. Wahrlich sonderbar und besonders.
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*Herr Freudig hat dieser Veröffentlichung netterweise zugestimmt.

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