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Macrons große Täuschung!

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FRANCE ELECTIONS
Sadeugra via Getty Images
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Man musste keine Glaskugel besitzen, um vorherzusagen, was eingetreten ist. Emmanuel Macron wurde mit großer Mehrheit zum französischen Staatspräsidenten gewählt. Doch was jetzt?

Zunächst wäre das Problem in der Welt, dass fast 40% der Wähler für Marine Le Pen und damit gegen die EU, gegen den Euro, gegen offene Grenzen und gegen die Globalisierung gestimmt haben.

Rund vierzig Prozent sind keine Mehrheit, aber eine sehr, sehr große Minderheit. Emmanuel Macron ist mit einem Programm an den Start gegangen, welches das exakte Gegenteil von dem ist, was jene vierzig Prozent möchten.

Machen wir uns nichts vor: wer Le Pen gewählt hat, der war "Überzeugungstäter", viele Wähler Macrons haben nicht für seine radikalen Pro-EU-Programm gewählt, sondern gegen eine Neofaschistin.

Wäre Marine Le Pen nicht Chefin des verruchten Front National, hätte sie einen anderen Vater und wäre sie um ein paar wenige Grad pragmatischer unterwegs gewesen, dann wäre sie jetzt die Präsidentin und nicht Herr Macron.

Lest die Zeichen an der Wand!

Im ersten Wahlgang war Emmanuel Macron der einzige glasklare EU-Befürworter, eine Ideologe der "immer engeren Union". Er hat um die 24% eingefahren. 76% gingen damit an Kandidaten, die alle EU-skeptisch waren, von ein wenig bis ganz stark.

Das ist der Wert der zählt: Dreiviertel zu einem Viertel. Die 60 plus X Prozent aus dem zweiten Wahlgang sind keineswegs eine Freifahrtkarte für das Programm von Herrn Macron. Denn jene, die im ersten Wahlgang beispielsweise für Herrn Fillon gestimmt haben, wollten etwas ganz anderes.

Das Gleiche gilt für die anderen Kandidaten. Viele, sehr viele Macron-Stimmen im zweiten Wahlgang sind daher keine Pro-Macron-Stimmen, sondern Contra-Le Pen-Stimmen.

Es wird missachtet werden!

Wenn man eines aus der Geschichte lernen konnte, dann das: Mehrheit ist Mehrheit. Emmanuel Macron wird sich mit differenzierten Betrachtungen der eben angestellten Art nicht aufhalten, sondern sein Programm durchziehen. Er ist jetzt der Chef, der Rest ist egal.

Oder stört es etwa Herrn Trump, dass er zwar die Mehrheit der Wahlmänner, nicht aber die Mehrheit der Stimmen gewonnen hat?

Es gab schon Regierungen in Deutschland, die haben mit einem Sitz Mehrheit regiert. Geht alles. Und darin liegt die schreckliche Gefahr: Emmanuel Macron wird alle Stimmen für ihn als seine Stimmen werten. Tatsächlich ist sein wahrer Marktwert eher bei eben jenen 24% aus dem ersten Wahlgang. Damit wird die Frustration im Land steigen und wer weiß, was dann bei künftigen Wahlen droht.

Und das Parlament?

Hinzu kommt, dass Herr Macron keine Parlamentsmehrheit hat und auch keine erringen wird. Denn er hat zwar eine "Bewegung", aber keine Partei. Macron wird daher mit einer Art großen Koalition regieren müssen.

Für französische Verhältnisse völliges Neuland. Und was, wenn die jüngsten Leaks doch noch echte unschöne Enthüllungen über ihn zu Tage fördern? Ist das so undenkbar?

Er wäre nicht der erste Politiker, in Frankreich zumal, der irgendwo etwa Kleingeld liegen hätte oder andere kleine schmutzige Geheimnisse. Unklare Gelder, außereheliche Affären und sexuelle Besonderheiten sind ja fast Standard für französische Präsidenten. Mitterand unterhielt sogar eine Zweitfamilie, Sarkozy und Hollande tauschten während der Amtszeit die First Ladies aus.

Der arme François Hollande hatte danach sogar seine hysterische Ex fast als Stalkerin an den Hacken. Und Macron, nun ja, hat mit 15 Jahren seine 24 Jahre ältere Französischlehrerin vernascht und später geheiratet. Ein Chorknabe ist also auch er erwiesenermaßen nicht.

Und jetzt?

Frankreich ist einem neofaschistischen Projekt nochmal entgangen. Das geht ok und wir können wieder etwas ruhiger schlafen. Doch ein moderater Mann wie etwa Herr Fillon von den gemäßigt konservativen "Republikanern", ein Mensch mit Maß und Mitte, wäre die weitaus bessere Lösung gewesen.

Emmanuel Macron ist zwar wahrlich kein Faschist. Aber er ist genauso wie Le Pen ein explosives Experiment mit unklarem Ausgang.

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