Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Rolf Ennulat  Headshot

Kinder trauern anders - Wie wir sie einfühlsam und richtig begleiten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MUNICH ATTACK KIDS
CHRISTOF STACHE via Getty Images
Drucken

Wie sollen wir nach einem Ereignis wie dem Amoklauf in München mit unseren Kindern über den Tod sprechen? Sollen wir schweigen oder ganz offen sein? Welche Sprache ist die richtige? Meine bereits verstorbene Frau Gertrud Ennulat ist in ihrem Buch Kinder trauern anders auf diese Fragen eingegangen. Im folgenden ein Auszug.

Es ist gar nicht so leicht, über den Tod zu sprechen. Oft versagt die Sprache des Alltags, wenn es darum geht, das Sterben von Tieren, Pflanzen und Menschen in Worte zu fassen. Diese Schwierigkeit zeigt sich vor allem im Umgang mit Kindern. Darum ist sie auch in allen Kapiteln dieses Buches als Thema gegenwärtig.

Erwachsene haben eine große Scheu, mit Kindern auf direkte Art und Weise über den Tod zu sprechen. Sie haben Angst,das Urvertrauen, das für die Entwicklung ihres Kindes so wichtig ist, würde dadurch zerstört. Da das Weltbild des Kindes durch den Tod einen Riss erhält, möchten sie es wenigstens sprachlich schützen. Diese Vorsicht ist verständlich, aber wenn sie dazu führt, dass Kinder falsch informiert oder belogen werden, dann schadet sie ihnen mehr, als dass sie nützt.

Blumige Sprache und Schönrederei

Manche Erwachsene nehmen Zuflucht zu einer blumigen Sprache, wenn sie einem Kind zum Beispiel mitteilen, dass ein Nachbar gestorben sei. Sie ersetzen die Worte sterben und Tod durch Ausdrücke wie entschlafen oder heimgegangen. Wieder andere benutzen saloppe und flapsige Redewendungen wie der kann jetzt die Radieschen von unten besehen. Wer religiös geprägt ist, sagt vielleicht Gott hat ihn heimgeholt.

All diese Redeweisen sind für Kinder, die zum ersten Mal auf das Phänomen Tod stoßen, nicht geeignet. Kinder verstehen die Sprachbilder wörtlich, da ihre Abstraktionsfähigkeit noch nicht entwickelt ist. Sie meinen, was gesagt wird, sei wirklich, und setzen die Aussagen in ihrem Alltag um, was zum Beispiel dazu führen kann, dass ein Kind abends nicht mehr schlafen will, weil Tod und Schlaf auf einmal dasselbe bedeuten.

Auch der Satz, Gott habe den Verstorbenen heimgeholt, verwirrt ein Kind. Sein Bild vom lieben Gott passt nicht zum Bild des Gottes, der den Vater einer Mitschülerin zu sich geholt hat. Solche Aussagen machen Angst. Kinder stellen Fragen nach dem Tod plötzlich und spontan. Wie aus der Pistole geschossentreffen sie den Erwachsenen, so dass er selten Zeit zum Nachdenken hat und sofort antworten muss.


Dabei geschieht es schnell, dass der Tod schöngeredet wird.
Eine Mutter erzählt, wie aus heiterem Himmel bei einer langen Autofahrt ihr vierjähriger Sohn unbedingt wissen wollte, wie es den toten Menschen im Himmel ergehe. Vor einiger Zeit hatte ein Kindergartenfreund seinen Onkel bei einem Unfall verloren. Seither beschäftigte ihr Kind sich mit dem Sterben und baute sich immer wieder neue Theorien zurecht, um sich die Vorgänge des Sterbens verständlich zu machen.

Die Mutter fing an, ein buntes Bild himmlischen Jenseitslebens zu entwerfen, wo es keine Schmerzen, keinen Krieg und keine Not gebe und eigentlich alles besser sei als auf der Erde. Kaum hatte ihr Sohn diese Beschreibung gehört, rief er begeistert: „Dann will ich ganz schnell tot gehen, dass ich in den Himmel komm!"

Erschrocken trat die Mutter aufs Bremspedal, fuhr auf einen Parkplatz und nahm ihr Kind in den Arm: „Das darfst du nie wieder sagen, das macht mir furchtbare Angst. Ich will dich doch nicht hergeben. Ich bin doch so froh, dass ich dich habe. Wir gehören zusammen, und du sollst doch noch lange leben!"

Was war passiert? Als die Mutter ihrem Sohn den Tod in so schönen Farben dargestellt hatte, hatte das Kind den verständlichen Wunsch bekommen, an diesem herrlichen Ort zu leben. Den Worten der Mutter folgend, malte es sich einen phantastischen Paradiesgarten aus, wo es gerne sein wollte.

Warum auf der Erde leben, wenn es eine bessere Welt im Himmel gibt?

Die kindliche Reaktion ihres Sohnes brachte die Mutter wieder in die Realität zurück und ließ sie darüber nachdenken, warum sie den Tod so schön gemalt hatte. Die Antwort fand sie in ihrer eigenen Kindheit, als in einem streng kirchlichen Umfeld genauso über den Tod gesprochen wurde, wie sie es eben getan hatte.

Unsere Einstellungen dem Tod gegenüber hängen von unseren eigenen Erfahrungen als Kind ab, deshalb mischt das Kindheits-Ich des Erwachsenen in der Kommunikation stets mit. Das geht jedem Erwachsenen so und gehört zum Lernprozess, um eine angemessene Sprache im Umgang mit dem Tod zu finden. Nur über solche Erfahrungen finden die Erwachsenen ihre eigene Sprache zu diesem Thema.

Gleichzeitig ist es für Kinder aber auch hilfreich zu hören, wie die Menschen früher, als Mama oder Papa klein waren, mit dem Tod umgegangen sind. In ihnen bildet sich dann ein Bewusstsein dafür, dass dieses Thema von existentieller Wichtigkeit ist. Und den Erwachsenen tut es vielleicht gut, im Gespräch mit ihrem Kind die Tür zu früherem Erleben zu öffnen. „Eigentlich hatte ich gar nicht vor, meinen Kinder zu erzählen, wie das für mich gewesen war, als ich zum ersten Mal an einer Beerdigung teilnahm.

Aber eines Tages blätterte meine Tochter das Fotoalbum durch, sah die vielen dunkel gekleideten Gestalten auf einem Bild und wollte wissen, ob dies eine Beerdigung sei. Und schon waren meine Erinnerungen geweckt, fing ich an zu erzählen, wie das vor vielen Jahren auf dem Dorf war, wo alle Nachbarn ans Grab kamen, der Gesangverein sang und hinterher alle zum Leichenschmaus in die Wirtschaft gingen.

Meine Kinder kriegten rote Ohren beim Zuhören und fanden meine Erzählungen spannend und echt cool. Für mich selber aber war es wichtig, zu spüren, wie gut mir das tat, von diesen Erlebnissen als Kind zu sprechen. In den Wochen danach wollte mein Sohn noch mehr wissen von der alten Zeit und beneidete mich, weil damals alles noch so echt gewesen sei."

Die Kunst der direkten Antwort

Gut ist es, Kindern direkte und ungeschönte Antworten zu geben. In ihrem Selbst- und Weltverständnis sind sie auf konkrete Erfahrungen ausgerichtet, was sich auch in ihrer eigenen Sprache zeigt. Manchmal erschrecken Erwachsene und rücken von den Kindern ab, die anscheinend taktlos die Dinge beim Namen nennen, zum Beispiel wissen wollen, ob es den toten Menschen dort unten im Grab nicht zu kalt ist.

Doch auf die Besonderheiten der Kinder sollten Erwachsene Rücksicht nehmen, auch wenn es ihnen schwer fällt. Die folgende Geschichte eines zehnjährigen Kindes legt die Schwierigkeiten des Erwachsenen, für den Tod eine angemessene Sprache zu finden, offen.

Lea erzählt: „Es war in der letzten Klasse, da bin ich mal von der Schule heimgekommen, und meine Mama war schon da, und sie hatte ganz verweinte Augen, wollte mir aber gar nicht sagen, was mit ihr los ist. Das find ich ja immer blöd, wenn sie nicht sagt, was ist, ich denk dann immer, ich hab was falsch gemacht.

Bei uns klingelte dann das Telefon, und die Mama hat ganz lange mit einer Kollegin gesprochen und sich auch immer wieder die Nase geputzt. Da hab ich dann gemerkt, dass was im Busch ist, und hab mich auf die Lauer gelegt. Als die Mama Beerdigung sagte, da gingen mir die Lichter auf. Im Büro, wo die Mama arbeitet, war eine Frau, die hatte Krebs, und die war gestorben. Als die Mama mit dem Telefonieren fertig war, da war ich so richtig sauer auf sie, weil sie mir nicht gleich gesagt hat, was los ist.

So war es schon mal, als der alte Mann im Haus gestorben war. Da hat die Mama rumgelabert, wollte mit mir ins Kino gehen, dass ich ja nicht traurig bin!" Der Pragmatismus des Mädchens durchschaut den Erwachsenen, der Mühe hat mit seinen Emotionen und seinen Worten. Etwas Trauriges ist geschehen, und die Erwachsenen finden nicht die angemessenen Worte, um es den Kindern zu erklären.

Kinder lassen sich nicht hinters Licht führen

Kinder spüren sofort, wenn Emotion und Sprache nicht stimmen. Das verunsichert sie. Schnell werden sie von sorgenden Gedanken und Schuldgefühlen überfallen, weil sie nach einer Erklärung für die Diskrepanz suchen.

Leas Geschichte weist aber nicht nur auf Schwächen der Erwachsenen hin, sondern zeigt auch, worauf es eigentlich ankommt: nämlich auf Ehrlichkeit. Kinder brauchen Erwachsene, die ihr Gefühl, so wie es ist, zeigen und benennen und in wenigen klaren Worten darüber berichten, was geschehen ist.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Lea hat eigentlich eine Antwort ihrer Mutter erwartet, wie zum Beispiel: „Ich bin ganz durcheinander und traurig. Jetzt ist meine Kollegin doch gestorben, heute morgen. Der Krebs konnte nicht mehr geheilt werden. Das tut so weh, wenn ich dran denke!" Mit solchen Aussagen kommen Kinder zurecht. Sie wissen nun, was geschehen ist, und ordnen diese Information in ihr Wissen von der Welt ein.

Natürlich kann es sein, dass das Kind beim Anblick der weinenden Mutter in Tränen ausbricht. Vielleicht verhält sich das Kind aber auch ganz anders, ist gefasst und tröstet die Mutter, will ihr etwas Gutes tun. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Kinder gerade in solchen Situationen bisher unbekannte Seiten ihres Wesens zeigen, die ihnen Erwachsene gar nicht zugetraut hätten.

Auch dieses Phänomen gehört zu den roten Fäden, die sich durch dieses Buch ziehen. Allerdings ist es wichtig, Kinder nicht auf die Rolle des Trösters festzulegen. Das würde sie überfordern und die Rollen umkehren. Aber als sporadisch auftauchende Geste stärkt es das kindliche Selbstbewusstsein.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Kinder trauern anders von Gertrud Ennulat.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

2016-07-25-1469473268-2556595-kitraueranders.jpg

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kümmert sich um die frühkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden Gründer zuvor als zutiefst vernachlässigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich für Chancengleichheit für blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke für Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-Bilderbücher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfür Schulungen an. Auch die Aufklärung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

Unterstütze das Projekt jetzt und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.