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Kieling in der Kritik: "Eindimensionale Verurteilung der Auslandsjad"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SAFARI AFRICA
Ian Forsyth via Getty Images
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Der deutsche Artenschutzexperte Dr. Rolf Baldus hat den ZDF-Tierfilmer Andreas Kieling für dessen „eindimensionale Verurteilung der Auslandsjagd" kritisiert. Kieling sei nicht nur gelernter Berufsjäger, sondern selbst auch praktizierender Afrikajäger, schrieb Baldus bei Facebook. „Als Deutschlands bekanntester Tierfilmer und als Naturschützer tragen Sie Verantwortung. Sie sollten aufklären und nicht aufhetzen."

Im Folgenden dokumentieren wir den offenen Brief, den er als Autor von Outfox-World verfasst hat:

Lieber Andreas Kieling,

auf Facebook haben Sie einen Post eingestellt, in dem Sie am Beispiel eines in Simbabwe geschossenen Elefanten den Jagdtourismus aburteilen. Fototourismus müsse den Jagdtourismus ablösen. Sie laden Ihre Fans zur Diskussion ein. Deswegen schreibe ich Ihnen.

Wir sind einig in dem Bewusstsein, dass viele Wildarten in aller Welt bedroht sind. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Immer mehr Lebensräume wilder Tiere werden vom Menschen übernommen und massenhaft wird Wild illegal abgeschlachtet, um Fleisch zu gewinnen oder wertvolle Produkte wie Elfenbein zu verkaufen.

Es gibt hingegen keine einzige Tierart, die durch den Jagdtourismus ausgerottet worden ist. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Genauso wie Fototourismus setzt der Jagdtourismus Wild in Wert. Wild, das keinen Wert hat, verschwindet. Das zeigt die Erfahrung. Das von Ihnen als Paradebeispiel für Jagdverbot genannte Kenia hat seitdem 70 % seines Wildes verloren - nicht gerade eine Erfolgsstory! In Afrika ist die Wilderei vor allem ein Armutsproblem.

Ich selbst habe 13 Jahre lang zusammen mit tansanischen Kollegen Afrikas größtes Wildschutzgebiet, das Selous Wildreservat von der Größe der Schweiz, gemanagt. Wir hatten 5.000 gewilderte Elefanten pro Jahr, als wir 1988 anfingen. Fünf Jahre später lag diese Zahl fast bei Null. In 13 Jahren stieg die Zahl der Elefanten wieder von knapp 30.000 auf etwa 70.000 Tiere an.

Und womit haben wir das finanziert? Zu 90 % mit Einnahmen aus nachhaltigem, kontrolliertem Jagdtourismus. Große Teile des Selous eignen sich nämlich gar nicht für Fototourismus. Und Massentourismus in den Nationalparks zerstört die Natur ähnlich wie schlechte Jagd, die es natürlich auch gibt und die es zu regulieren gilt.

Der von ihnen postulierte Gegensatz zwischen Foto- und Jagdtourismus existiert nicht. Beide ergänzen sich und sind legitime Nutzungen der Natur in Übereinstimmung mit der UN-Konvention über die Artenvielfalt.

Die in Johannesburg gerade zu Ende gegangene Welt-Konferenz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) hat deshalb auch ein klares Bekenntnis zur nachhaltigen Jagd als einem Instrument des Naturschutzes abgegeben. Dasselbe haben kürzlich der World Wildlife Fund (WWF), die EU-Kommission und die Internationale Naturschutzunion (IUCN) erklärt.

Und fragen Sie doch einmal die Afrikaner vor Ort selbst. Deren Meinung ist wichtig. Wer in Frankfurt oder in Hamburg im Hochhaus wohnt, der kann leicht über den Schutz von Löwen und Elefanten schwadronieren. Wer mit gefährlichem Großwild Seite an Seite lebt, der hat ein komplexeres Bild der Situation.

Vor einiger Zeit nahmen Sie im TV an einer Diskussion über Auslandsjagd teil. Da wurde auch ziemlich viel Unsinn erzählt. Als gelernter Berufsjäger sind Sie doch Profi und kennen die Fakten. Sie saßen daneben, nickten und korrigierten nicht. Ich habe Ihnen damals geschrieben und vorgeschlagen, dass sie einmal ein Gebiet besuchen, in dem sinnvoller Jagdtourismus betrieben wird, zum Beispiel bei den Buschleuten in Namibia. Sie haben mir nicht geantwortet.

Gerade komme ich aus dem Pamirgebirge in Tadschikistan zurück. Arme, ländliche Gemeinden haben dort vor einigen Jahren die (illegale) Fleischjagd auf Steinböcke, Marco-Polo-Schafe und die damals vom Aussterben bedrohte Markhor-Schraubenziege eingestellt. Stattdessen verkaufen sie jetzt jedes Jahr ein paar Jagdlizenzen an Auslandsjäger.

60 % der Einnahmen bleiben bei den Gemeinden. Mit dem Geld werden beispielsweise vom Staat die Weiderechte in Hochtälern gepachtet, damit dort in Zukunft das Wild ohne Konkurrenz mit Schafen und Ziegen Futter findet. Inzwischen hat sich die Zahl der Wildtiere verdreifacht. Und mit dem Schalenwild kommen auch die Schneeleoparden, Wölfe und Bären zurück. Ohne Jagd gäbe es kein Wild mehr, sagte mir einer der traditionellen Jäger.

Was den armen Wildschützern dort fehlt, sind mehr und nicht weniger Jäger. Jäger, die dorthin fahren und mit ungewisser Aussicht auf Beute eine abenteuerliche und harte Hochgebirgsjagd absolvieren und dafür viel Geld bezahlen. Warum die Jäger das tun, ist für den Artenschutz völlig egal. TV-Zuschauer, die Kieling-Filme gucken, haben zwar gute Unterhaltung, leisten aber nichts für den Naturschutz in der Praxis. Auslandsjäger tun das. Auch wenn das nicht ihr primäres Begehren ist, helfen sie damit dem Naturschutz.

"TV-Zuschauer, die Kieling-Filme gucken, haben zwar gute Unterhaltung, leisten aber nichts für den Naturschutz"

Rolf D. Baldus

Lieber Andreas Kieling, zugegeben, mit Ihrer eindimensionalen Verurteilung der Auslandsjagd heimsen Sie viele Likes bei Facebook ein. Diese Zustimmung kommt aber aus dem Herzen, der Emotion und nicht aus Kenntnis des komplexen Themas Artenschutz. Sie sind selbst Berufsjäger und praktizierender Afrikajäger und deshalb fachkundiger Profi.

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Als Deutschlands bekanntester Tierfilmer und als Naturschützer tragen Sie Verantwortung. Sie sollten aufklären und nicht aufhetzen. Es sollte Ihnen nicht nur um Quote, sondern auch um Erklärung komplexer und manchmal kaum lösbar erscheinender Zusammenhänge des Wildschutzes gehen.

Sie waren selbst auch im zentralasiatischen Hochgebirge. Angeblich haben Sie dort als Erster Marco-Polo-Schafe gefilmt. Die Schafe verstecken sich dort vor den Sportjägern und nur wenige Tiere sollen heute noch leben, kommentierte das ZDF.

Ich selbst habe Hunderte dieser Schafe an einem einzigen Morgen in einem der Jagdgebiete gesehen. Wenn die Jagd dort eingestellt wird oder die EU und die USA die Einfuhr von Trophäen verbieten, dann werden diese Schafe tatsächlich ‚die Letzten ihrer Art' bleiben. Wollen wir das?

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Rolf D. Baldus

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Outfox-World

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