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Warum wir den Brexit feiern sollten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PARTY BREXIT
Anadolu Agency via Getty Images
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  • Die Entscheidung in Großbritannien stellt die Vertiefung Europas infrage
  • Die EU muss sich jetzt endlich reformieren - wirtschaftlich und politisch
  • Das Europa nach dem Brexit muss dezentraler, demokratischer werden

Liebe Jennifer,

dafür lieben wir Euch Briten: Diesen Mut zum konventionellen Unkonventionellen bis hin zur selbstbewussten Skurrilität: Auch wenn das bei Dir nur das fehlende zweite N in Lachman ist: Ein halbes Jahr haben mein Schreibsystem und ich gebastelt, bis wir diese unkonventionelle Form kapiert hatten.

Und jetzt also Brexit? Wunderbar. Der Morgen hat alles neu gemacht für Europa. Der Kontinent ist abgeschnitten von Großbritannien; Euer alter britischer Witz über die Wirkung von Nebel über dem Kanal wird politische Wirklichkeit. Trotzdem ändert sich die Geographie nicht: Die Insel bleibt auf der Landkarte, wo sie immer schon ist; und auch der Kanaltunnel wird nicht geflutet.

Europa sollte nicht den beleidigten Liebhaber spielen

Natürlich kann sich Europa jetzt wie ein beleidigter Liebhaber aufführen und eine Scheidungsschlacht beginnen. Bleibt Europa aber doch vernünftig, dann geht das so weiter wie mit der Schweiz oder Norwegen: Das sind wohlhabende, befreundete Länder und keine Gegner. Und so viel Vernunft kannst Du von uns Kontinental-Europäern schon erwarten. Also keine Sorge. Übrigens auch umgekehrt. Hört man in die Kommentare am Morgen danach hinein, müssen die Deutschen in London auf ihre sofortige Ausweisung erwarten. Was für ein Bullshit! Echte Hunnen-Propaganda.

Was natürlich passieren kann: Der politische Umsturz in London greift auch auf Deutschland über. Denn die Entscheidung in Großbritannien hat viele Fragen aufgeworfen, die bislang unter der Decke geblieben sind: Ist die Vertiefung Europas, von der jeder deutsche Politiker am Sonntag spricht, wirklich das, was die Nationen Europas erwarten?

Deutschland wurde ja am Mittwoch noch geohrfeigt: In der Klage über die Politik der Staatsfinanzierung und unbegrenzten Geldvermehrung der Europäischen Zentralbank erklärte sich faktisch das Bundesverfassungsgericht für unzuständig; es sei an die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs gebunden.

So viel Selbstaufgabe war selten. Während sich Deutschlands Politiker darum bemühen, das Land aufzulösen wie einen Zuckerwürfel im Tee, denken andere Länder nicht im Traum an diese freiwillige Entgrenzung ihres Staatswesens. Ihr Briten schon gar nicht. Warum auch?

Angela Merkel als eifrige Wahlkämpferin der Brexisten

Die Flüchtlingspolitik Deutschlands hat auch dazu beigetragen, dass der Brexit diese Mehrheit fand: Über eine Millionen Menschen, deren Identität größtenteils bis heute nicht geklärt ist - Großbritannien ist traditionell einwanderungsfreundlich, aber nicht so. Deine Briten wollen die Kontrolle der Grenzen, nicht deren Aufgabe. Merkel war die wirkungsvollste Wahlhelferin der Brexisten, ob sie es wollte oder nicht. Aber ändern müssen wir uns.

Zu klären wird sein, was Europa macht - und was der Bundestag noch machen darf. Am Tag vor der Nacht des Brexits hat der Bundestag noch entschieden, wie Heizungskosten für Hartz-IV-Empfänger neu geregelt werden.

Brauchen wir den wirklich noch in diesem Umfang Berlin, wenn dort nur noch Nittigritti entschieden werden darf - oder muss nicht endlich das Verhältnis von Gemeinschaft und Mitglieder, von Aufgaben und Verpflichtungen neu geklärt werden? Das wird die schwierigste Reformaufgabe im notorisch reformunfähigen Europa: Die Neugestaltung seiner politischen Verfassung.

Die Umverteilungswirtschaft Europas ist am Ende. Es muss wieder wirtschaftlich effizienter, nicht bürokratischer und sozialistischer werden.

Wer will schon von Kommissaren regiert werden?

Der Zauber Europas, sein Versprechen von Fortschritt und Wachstum und Wohlstand ist gebrochen. Es ist über Nacht eine muffige Gemeinschaft geworden, in der Kommissare regieren - Kommissare! Wer will schon von Kommissaren regiert werden, die einst in der Sowjetunion mit Genickschuss auf jeden Abweichler reagierten?

Die Mutigen wagen den Schritt ins Freie, die braven Schafe bleiben im Pferch - das ist das Bild nach dem Brexit, wenn man sich den Rat seiner Hirten am Morgen danach anhört. Das ist vielleicht die eigentliche Niederlage.

Jetzt wird sich zeigen, wie solide die wirtschaftliche Lage in Deutschland wirklich ist. Anders als die meisten Warner erwarte ich nicht einen Einbruch des deutschen Handels mit der Insel, warum auch? Jedes zweite Auto dort stammt aus deutscher Produktion und kann auch zukünftig nicht ersetzt werden - es sei denn, alle steigen dort auf Minis um (die zu BMW und seinem Produktionsverbund gehören.)

Nach dem Brexit muss Europa dezentraler werden, demokratischer, seine Bürger wieder achten.

Europa braucht eine neue Vision, eine freiheitliche, nicht bürokratische; eine gemeinsame, keine rechthaberische. Mit dem Brexit beginnt dieses neue Europa, und unsere Freundschaft wird tiefer.

Herzlich,

Dein Roland

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

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