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Deutschland: Blühende Landschaften und strahlende Städte

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BAVARIA
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Jeder hat so sein Bild von der Wiedervereinigung. Meines entstand, als die Einheit schon unterwegs war, aber der Feiertag noch nicht gesetzt: In meine Erinnerung eingebrannt hat sich die Fußgängerbrücke vom Bahnhof Friedrichstraße, dem ostdeutschen Verkehrsknotenpunkt und Schlupfloch in den Westen hinüber zur Unterhaltungsmeile am Schiffbauerdamm, wo das Berliner Ensemble der Bert Brecht'scher Schule steht.

Anfang der 90er erinnerte mich die Brücke und die Ufer an das kriegszerstörte Berlin; nur die überall verklebten Haufen von Taubendreck waren der sichtbare Beitrag des Sozialismus zum Fortschritt.

Der Bahnhof Friedrichstraße war eine Verkehrsruine; noch geprägt von den Maulwurfsgängen, durch die geführt wurde, wer in den Westen wollte - oder seltener: von dort kam. Vor dem Bahnhof der "Tränenpalast" - jene Kontrollstelle, durch die jeder musste, der in den Westen wollte. Tränenpalast hieß er, weil wer ging, nie mehr zurück kam. Und Abschied, selbst wenn man ihn sich wünscht, ist doch immer auch Verlust.

Heute verbindet die Brücke die pulsierende Friedrichstraße mit der Ausgehmeile, Farbe, Licht, Fröhlichkeit; das pulsierende Leben einer Weltmetropole fasziniert. Der Tränenpalast ist eines der sehenswerten Museen; selbst der miese Geruch des DDR-Putzmittel hat sich erhalten. Und so schön blau, wie er heute restauriert ist, war der Tränenpalast vermutlich nicht mal bei der Einweihung.

Blühende Landschaften

Ja, es sind die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl versprochen hat und über die so lange gelästert und gelacht wurde - an die keiner geglaubt hat. Die Brücke und ihr Umfeld steht für die ganze frühere DDR: Leipzig leuchtet wieder, Dresden strahlt, Magdeburg lebt auf, und so ist es an allen Orten. Ruinen zu beseitigen und neu aufzubauen ist keine Sache von ein paar Tagen, sondern von Generationen.

In der Wiedervereinigung ist es innerhalb von weniger als 20 Jahren geglückt - mit enormen Anstrengen von beiden Teilen Deutschlands. In Wirklichkeit ist fast alles neu: Das Stromnetz und das Telefon, die Autobahnen und die Wohnungen, die Supermärkte und die Universitäten; selbst die prägenden Plattenbauten wirken seltsam aufgebüscht; gibt es Botox auch für Beton?

Seltsamerweise hat die DDR ziemlich genau so lange gehalten wie die Bauten der Vorkriegszeit. Ausgebrannt ist sie, zerfallen mit den Bauten und Fabriken, die sie geerbt hat.

Es ist eine Riesenleistung. Den größeren Anteil an ihr haben die Bürger aus dem Ostteil. Viele der älteren Generation fühlen sich um ihre Lebensleistung gebracht.

Ostberlin ist noch voll von den frustrierten früheren Funktionsträgern des Sozialismus, deren großzügige Westrente zwar zweimal im Jahr Mallorca erlaubt, aber gleichzeitig beweist: Nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein, sondern die Einbildung. Aber diese Einbildung verlöscht biologisch. Die Windjackengeschwader des Sozialismus verlieren an Höhe und landen bald unterirdisch.

Gewinner, die nach dem Mauerfall aufwuchsen

Der eindeutige Gewinner ist die Generation, die zum Zeitpunkt der Vereinigung gerade erwachsen wurde: Sie hat nichts verloren, aber Freiheit und Möglichkeiten gewonnen.

Den zu Recht gescholtenen Besser-Wessi gibt es nicht mehr, seit Deutschland von einer aus Ostdeutschland stammenden Kanzlerin und einem ostdeutschen Präsidenten regiert wird: Die können es mindestens auch. Ost-West spielt kaum mehr eine Rolle; es ist so wichtig wie die Frage, ob jemand aus Schleswig kommt oder aus Franken. Es hört sich etwas unterschiedlich an, aber nicht anders.

Den Jammer-Ossi gibt es auch kaum mehr. Sicherlich - statistische Unterschiede lassen sich immer noch zu finden. Aber als ich Kind war, in einer landschaftlich schönen, aber wirtschaftlich armen oberbayerischen Gegend aufgewachsen, da mussten wir Kinder im Sommer auf den Dachboden ziehen oder ins Schlafzimmer der Eltern.

Unsere Zimmer (die wir zu zweit, zu dritt oder zu viert bewohnten) waren Gästezimmer für die reichen (und besserwisserischen) Urlauber aus dem Ruhrgebiet, aus Dortmund, Essen, Oberhausen, Gladbach.

Heute räumt in Bayern niemand mehr das Kinderzimmer für das Ruhrgebiet - Bayern hat auf- und überholt. Heute sind Städte wie Jena weit vorne in den Ranglisten, was Wachstum, Wohlstand, Dynamik und Zukunftserwartung betrifft - und Oberhausen, Gelsenkirchen und Herne tragen die Rote Laterne.

Wenn man Mieten und Lebenshaltungskosten berücksichtigt, reduzieren sich die unterschiedlichen Höhen der Brutto-Einkommen zu erstaunlicher Ausgeglichenheit. Man kann das Trennende betonen - oder das Erreichte bestaunen. Heute, am 3. Oktober, ist der Tag zum Staunen.

Nein, das Glas ist nicht halbvoll oder halbleer, wie das alte Sprichwort sagt - es ist fast randvoll. "Einigkeit, und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand" - diese Zeile des Deutschlandlieds hat sich erfüllt.

Ja, es gibt trotzdem Unterschiede zwischen Ost und West, und da öffnet sich eine Kluft: Die Menschen in Ostdeutschland sind kritischer, was die Medien betrifft.

Sie hatten gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, was ihnen die Lügenpresse der DDR aus der Hauptstadt vorschrieb und die Parteiblätter der Bezirke nachplapperten. Die Wahrheit mussten sie erkennen lernen in einer Art mentaler Austastlücke, zwischen den Bildern des Staatsfernsehens der DDR mussten sie ihre Information erhaschen.

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Deshalb sind sie kritischer, was die Medien betrifft und reagieren geradezu allergisch auf Versuche der Obrigkeit, ihnen was vorzumachen, sie zu verpflichten und zu höherer Lebensweise zu erziehen. Sprüche werden nicht geglaubt.

Seltsam: Die scheinbar so kritischen Wessis sind gutgläubiger. Sie vertrauen ihrer Regierung und den Medien; während die Ossis wissen, wie schnell Macht korrumpiert und Belehrung von Oben zum Dauergewäsch werden kann.

Ostdeutsche reagieren widerspenstiger auf Schwächen der gelebten Demokratie. Sie wehren sich gegen den Bevormundungsstaat, noch ehe er sich voll entfalten kann. Sie erkennen die ersten Anzeichen und treten dem entgegen.

Die Westdeutschen haben die Demokratie übergestülpt erhalten, die Ostdeutschen haben sich die Demokratie erkämpft und dafür einen Preis gezahlt.

Deutschland - das ist ein buntes Land, unterschiedlicher Regionen, Traditionen, Geschichten und Gesichter. Diese Vielgestaltigkeit ist die Kraft. Und darüber freue ich mich am 3. Oktober.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf tichyseinblick.

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