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Der Führungsanspruch der letzten Generation Ost

19/11/2017 16:42 CET | Aktualisiert 19/11/2017 16:43 CET
spreephoto.de via Getty Images

Die dritte (und letzte) Generation Ost, das sind die sogenannten „Wendekinder", die zwischen 1975 und 1985 Geborenen. Es ist die letzte Generation, die nicht nur Geburtsurkunden eines anderen Deutschlands besitzt, sondern auch noch aktive Erinnerungen an die ehemalige DDR hat. Die Protagonisten dieser Generation sind heute zwischen Mitte 30 und Mitte 40 und haben den größten Teil ihrer Sozialisation samt Schulabschluss, Studium und Berufseinstieg im vereinten Deutschland verbracht.

Glaubt man den Führungskräftestudien der Bundesrepublik (Führungskräftemonitor 2017), wonach das Durchschnittsalter für Führungskräfte zwischen Anfang und Mitte 40 liegt, dürfte die letzte Ost-Generation gerade dabei sein, die Führungsetagen der Bundesrepublik zu erobern.

Der Facebook-CEO Mark Zuckerberg (*1984) könnte rein rechnerisch ebenso der letzten Ost-Generation entstammen wie der französische Staatspräsident Emmanuel Macron (*1977), CNN-Anchor Erin Burnett (*1976) oder die Airbnb-Gründer. Und der künftige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (*1986) wäre sogar zu jung für die letzte Ost-Generation. Analog zum globalen Umfeld könnten die „Wendekinder" fortan auch die Chefetagen ostdeutscher Universitäten, Unternehmern und Ministerien besetzen.

Die ostdeutsche Elite ist westdeutsch

Doch die Realität sieht anders aus, wie jüngst eine Studie „Ostdeutsche Eliten" zeigte. Ostdeutsche sind in den Schaltzentralen von Wirtschaft und Politik ebenso unterrepräsentiert wie in universitären, administrativen oder journalistischen Schlüsselpositionen. „Finden Sie mal einen General oder Bundesrichter aus dem Osten", fragt der Soziologie-Professor Raj Kollmorgen in der Zeit. In den Führungsetagen der 100 größten ostdeutschen Unternehmen findet sich gerade einmal ein Drittel Ostdeutsche. In der ostdeutschen Justiz sind nur 13,3 Prozent der Richter Ostdeutsche, bei leitenden Richtern, Gerichtspräsidenten und dessen Stellvertretern nur 5,9 Prozent (Bluhm/Jacobs 2016: 27).

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In Spitzenpositionen ostdeutscher Verwaltungen beläuft sich der geschätzte Ostdeutschen-Anteil auf weniger als 13 Prozent. Von den 22 größten Hochschulen der neuen Bundesländer haben nur drei einen ostdeutschen Rektor (Bluhm/Jacobs 2016: 23ff.). Diesen Ergebnissen nach sind Ostdeutsche in akademischen, administrativen, politischen und wirtschaftlichen Elitenpositionen in ihren Heimat-Bundesländern unterrepräsentiert. Oder kurz: Die ostdeutsche Elite ist westdeutsch.

Gibt es einen ostdeutschen Mark Zuckerberg?

Und daher fehlen eben die Leuchttürme ostdeutscher Karrierebiografien, die Vorbilder der letzten Ost-Generation. Wer käme denn von den zwischen 1975 und 1985 in Ostdeutschland Geborenen infrage für ein Best-Practice-Beispiel einer ostdeutschen Aufstiegsbiografie? Es muss ja nicht unbedingt das Staatsoberhaupt oder der CEO des globalen Tech-Konzerns sein, aber vielleicht ein Unternehmensvorstand, ein Universitätsrektor oder ein Ministerpräsident. Und nein, die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns und Bundesfamilienministerin a.D., Manuela Schwesig, ist vor 1975 geboren und gehört damit - jedenfalls rein rechnerisch - nicht zur letzen Ost-Generation.

Und selbst wenn man Frau Schwesig großzügig zu dieser dazurechnete, wäre dies nur ein signifikantes Beispiel für einen Karriereverlauf bis zur höchsten Ebene. Einer, der zumindest statistisch zur letzten "Generation Ost" gezählt werden kann, ist der 1979 in Merseburg (Sachsen-Anhalt) geborene Jawed Karim, der mit seiner Familie Anfang der Achtzigerjahre erst nach Westdeutschland und dann in die USA auswanderte und dort das Videoportal Youtube gründete und dieses für 1,3 Milliarden Euro an Google verkaufte.

Manifestation der Vertretungslücke?

Fernab dieser Erkenntnis ist die eigentliche Frage, wohin sich dieses Vertretungsdefizit Ostdeutscher in Ostdeutschland entwickelt. Wohlwollend mit dem Elitentransfer der 1990er-Jahre von West nach Ost abgetan, ging man jahrelang davon aus, dass sich diese Situation „normalisieren" und das Repräsentationsdefizit Ostdeutscher nur eine Frage der Zeit wäre. Die neueste ostdeutsche Elitenstudie zeigt, wie illusorisch diese These war.

Denn der Anteil der Ostdeutschen in den Führungsetagen sinkt eher. Kollmorgen sprach bereits vor Jahren von einer Reproduktion westdeutscher Eliten in Ostdeutschland. Um diesem Dilemma zu entfliehen, könnte man nun - analog zu Frauen- oder Migrantenquotierungen - versuchen, eine Quotenlösung zu finden. Wie auch immer sich die Politik entscheiden wird: Dass die Führungsansprüche von Teilen der letzten Ost-Generation lauter werden, scheint unausweichlich.

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