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Schützt doch endlich unsere Kinder!

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SAD CHILDREN
Tomwang112 via Getty Images
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In den Niederlanden heiratete das erste gleichgeschlechtliche Paar im Jahr 2001: Im selben Jahr führte Deutschland die „Eingetragene Lebenspartnerschaft" für Schwule und Lesben ein, die heiraten wollen, es jedoch nicht dürfen. In der Zwischenzeit haben 16 weitere Staaten die Ehe für alle Paare geöffnet - davon 10 in Europa. Wie möchten wir uns heute in Deutschland mittlerweile zu diesem Thema positionieren?

Nein, nichtheterosexuelle Paare haben noch immer nicht die gleichen Freiheiten in ihrer Familienplanung. Ja, etwa zwei Drittel der Menschen in Deutschland sind heute positiv auf die Öffnung der Ehe zu sprechen. Nein, Regenbogenfamilien sind heute kein Tabu mehr.

Ja, es ist immer noch kein Tabu, aus den verschiedensten Gründen gegen Nichtheterosexuelle zu hetzen - sogar öffentlich in Kirche und Politik. Nein, das wird immer noch nicht als so schlimm wahrgenommen wie Rassismus in Bezug auf Hautfarbe oder Religion. Man kann dafür sogar Beifall ernten.

Diese Bilanz ist sehr durchmischt. Sie zeigt, dass Toleranz leichter von den Händen geht als Akzeptanz. Und diese Toleranz meint, einander eben doch nicht alle Freiheiten einzugestehen: Gebe es hierfür gute Gründe oder nicht.

Prekär jedoch ist, dass die zunehmend positiven Entwicklungen - Bildungspläne mit Bezug zu gesellschaftlicher und sexueller Vielfalt, progressive KirchenvertreterInnen, gute Umfragewerte für die Eheöffnung - einen organisierten Widerstand auf den Plan rufen. Dieser richtet sich nicht nur gegen die Öffnung der Ehe, sondern gegen die gleichberechtigte Darstellung von sexueller Vielfalt als Alltäglichkeit.

Organisierter Widerstand gegen die Gleichberechtigung?

Besonders zu erwähnen ist hier die Organisation „Demo für alle": Sie hielt bereits einige Male vielbesuchte Kundgebungen gegen akzeptanzstiftende Bildungspläne ab, die Kindern nahebringen sollen, dass das klassische Bild von Mann-Frau-Kind-Familien nur eines von vielen ist.

Von Indoktrinierung und Sexualisierung der Kinder ist die Rede, von einer Einschränkung elterlicher Rechte oder gar einer Verführung der Kinderseelen und Zerstörung von Familien. Einer kleinen Zahl der immer selben ProtagonistInnen, gelingt es, tausende Menschen zu mobilisieren: Mit Angst vor gesellschaftlicher Veränderung und Bevormundung - nur nicht mit Fakten.

Initiativen, die „Schützt unsere Kinder!" auf ihre Transparente schreiben, benötigen auch keine Fakten, um zu mobilisieren: Der Schutz der Kinder vor dem großen Unbekannten genügt, um Ängste zu bündeln. Auch die Annahme, Aufklärung würde Homo- und Transsexualität fördern bzw. verbreiten, ist in 2016 noch nicht tot.

Familie ist, wo Familie entstehen darf.

Die Argumentation des Kinderschutzes kann dienen, um gegen offene Aufklärung und die Ausweitung der Rechte auf Adoption und Ehe zu mobilisieren. Zieht man Fakten zurate, ist leicht feststellbar, dass die Sorgen unbegründet sind.

Eine Studie für das Bundesjustizministerium (Rupp, Marina: „Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften") aus dem Jahr 2009 zeigt: „Insgesamt unterscheiden sich Kinder und Jugendliche aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften in ihrer Entwicklung nur wenig - und wenn, dann eher in positiver Weise - von Kindern und Jugendlichen, die in anderen Familienformen aufwachsen" (a.a.O., S. 306).

Letzteres wird mit einem oft höheren Selbstwertgefühl begründet: Dies müssen die Kinder frühzeitig entwickeln, wenn sie sich gegen Diskriminierung aufgrund ihrer besonderen Familiensituation behaupten müssen.

Die Detailergebnisse der Studie zeigen: Es gibt keine Unterschiede in der Übernahme von Verantwortung oder in der elterlichen Fürsorge und Liebe. An den Begriff der Familie müssen also andere Maßstäbe gestellt werden: Entscheidend für die Entwicklung von Kindern ist nur die Qualität der Beziehung der Familie (a.a.O., S. 306ff.). Es geht um Halt und Sicherheit, die Kinder erfahren.

Schützt doch endlich unsere Kinder!

Wer muss unsere Kinder also wovor schützen? Am besten wäre es doch, schützten wir alle unsere Kinder vor sozialen Krankheiten wie pauschalem Hass, Arroganz, Alleinvertretungsansprüchen und Rassismus: Ziel einer gesunden Erziehung muss sein, sie gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Dieses Ziel ist wohl reichlich verfehlt, wenn sich Menschen gegen freie Liebe, Partnerschaft und Familienplanung engagieren. Es ist erst recht verfehlt, wenn wir bewusst gegen die freie Entfaltung der Persönlichkeit vorgehen und damit einschränkende Erwartungen an die Leben unserer Kinder stellen. Ist nicht dies der ungebührliche Eingriff in die Kinderseelen?

Wir müssen uns das Vermächtnis vor Augen führen, das wir kommenden Generationen mitgeben: Das Zusammenleben wird immer stärker von Vielfalt und dem Zusammentreffen verschiedener Kulturen und Lebensentwürfe geprägt sein. Softskills, Verantwortungsbewusstsein und das gegenseitige Brückenbauen sind Aufgaben, die die Zukunft gestalten.

Sie sind Grundlage für das Bewältigen globaler Krisen, ökonomischen Austauschs, ökologischer Herausforderungen und der Gestaltung lebenswerter Orte für künftige Generationen. Dass dies nur mit Freiheit, Akzeptanz und offenen gesellschaftlichen Strukturen möglich wird, ist weniger romantische Weltsicht als es anmutet.

Was kann uns für die Zukunft stärken?

Die Wahrheit ist, dass jede Form von Zwang, gesellschaftlicher Beklemmung, Persönlichkeitseinschränkung und Vorurteilen uns hemmt, die wichtigen Aufgaben zu bewältigen und Schritte in die Zukunft zu wagen.

Möchten wir unsere Kinder (be)schützen, sollten wir sie also zu robusten, zukunftsfähigen, selbstständigen Persönlichkeiten erziehen: Grundlage hierfür ist die Vermittlung der Ideen von Freiheit und Gleichberechtigung, um Entfremdung, Radikalisierung, Chancen- und Perspektivlosigkeit vorzubeugen.

Wir machen sehr viel falsch, wenn wir künftige Generationen so erziehen, dass sie sich von Vorurteilen, Ängsten und Hass leiten lassen und hierdurch ihre Potentiale und Eigenverantwortung nicht genügend stärken. Auf diese Art fördern wir höchstens biedere Lethargie, die nicht zur Problemlösung befähigt.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, zu erkennen, dass die Ergänzung der Idee der klassischen Familie um weitere Familienformen ein Weg zur Stärkung unserer Gesellschaft und des sozialen Zusammenhalts ist. Die Öffnung der Ehe und die Ausweitung der Möglichkeiten zur Adoption und medizinisch unterstützten Fortpflanzung sind hier Sinnbild für Optionen, die wir haben, um mehr Zusammenhalt und Akzeptanz in unserer Gesellschaft zu etablieren: Es sind Investitionen in die Zukunft.

Die Mauer muss weg!

In der soziologischen Streitschrift „Die Mauer muss weg!" werden die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Querverbindungen untersucht, die ein ganzheitlicher, geöffneter Ehebegriff mit sich bringt. Praxisnah wird dargestellt, wie und warum die Öffnung von Ehe und Adoption für Deutschland jetzt geboten ist.

Die Argumente, die für einen sachlichen und zukunftsweisenden Umgang mit dem Thema präsentiert werden, sollen Schlüsselcharakter für eine sachlichere, respekt- und gehaltvollere Diskussion haben, die Ängste nimmt und friedensstiftend wirken kann. Die gegenseitige Akzeptanz gibt Auskunft darüber, wie reif das Menschenrechtsbewusstsein und soziale sowie ökonomische Entwicklungspotential unserer Gesellschaft ist.

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