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Pauschalisierung stinkt: Auch zu den Wahlen im Jahr 2017

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ANGELA MERKEL
Hannibal Hanschke / Reuters
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Ein Thema, das älter ist als die Flüchtlingssituation und der Mindestlohn, als terroristische Bedrohungen und Mautgebühren, ist die (zu) langsam vorankommende Anerkennung Homo- und Bisexueller sowie von Transpersonen. Fortschritte drohen zu wanken, wenn wir nun nicht endgültig festschreiben: Die Vielfalt der Beziehungsarten gehört klar zu unserer Gesellschaft! Das Wahljahr 2017 bietet spätestens mit der Bundestagswahl die Möglichkeit, das zu tun.

„Wir haben das Jahr 2017, das sollte doch heute kein Problem mehr sein." - Diese Aussage schreibt sich leicht, ist aber nicht selbstverständlich: In Berlin wurde Ende Dezember ein 19-jähriger schwuler Mann auf einem Bahnhof angegriffen; kurz darauf erlitt ein homosexuelles Paar in Berlin einen weiteren gewalttätigen Angriff. Im Sommer 2016 gab es ebenfalls einen Angriff auf einen schwulen Mann im Rahmen des Münchner CSDs.

In den ersten drei Quartalen des Jahres 2016 verzeichnete das Bundesinnenministerium im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen 15-prozentigen Anstieg der Gewalttaten, die mit der sexuellen Orientierung zusammenhängen, wobei die Dunkelziffer enorm hoch eingeschätzt wird. Die Umfrage des „Sachsen-Monitors" aus dem Spätsommer 2016 attestiert, dass etwa ein Drittel der Sachsen eine gleichgeschlechtliche Beziehung vollkommen bzw. ziemlich unnatürlich findet. Die homophobe Gruppe „Demo für Alle" bewegt noch immer Menschen zu Demos gegen die Schulaufklärung über sexuelle Vielfalt und sympathisiert teilweise sogar mit PolitikerInnen.

Positive und negative Entwicklungen stehen sich gegenüber

Allerdings gibt es auch Entwicklungen, die ein anderes Bild zeichnen: Die sächsische CDU engagiert sich mit dem überarbeiteten Leitfaden zur Familien- und Sexualerziehung an Schulen nun gegen sexuelle Gewalt, da auch Lebensentwürfe thematisiert werden sollen, die keine heterosexuelle Beziehung in den Mittelpunkt setzen. Eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung attestiert, dass homophobe Einstellungen in Deutschland auf dem Rückmarsch sind - ebenso wie Sexismus gegenüber Frauen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.

Auch eine ipsos-Studie sieht den Anteil der Deutschen, die Homosexualität verurteilen, bei unter zehn Prozent. Die Bundes-CDU stellt u.a. die Diskriminierung Homosexueller - gegenüber Flüchtlingen - als No-Go dar und Kanzlerin Merkel selbst unterstrich den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung in ihrem Grußwort an den designierten US-Präsidenten Donald Trump.

Beide Seiten zu betrachten hinterlässt ein widersprüchliches Bild: Wohin bewegen wir uns denn nun? Lassen wir ein schleichendes Wiederaufflammen der Diskriminierung der Tage zu, in denen Homosexuelle verfolgt wurden? Bewegen wir uns endlich in die Richtung vollkommener Gleichberechtigung und Akzeptanz?

"Familie, Volk und Nation" - quo vadis?

Wenn wir Gleichberechtigung und Akzeptanz wollen, müssen wir dafür etwas tun: Wir müssen mit Menschenverstand argumentieren, wenn Aufklärung als Umpolung der Gedanken durch eine „Sex-Lobby" dargestellt wird. Wir müssen protestieren, wenn Homo- und Transsexualität mit Pädophilie und Missbrauch in Verbindung gebracht werden. Wir müssen Kinder und Heranwachsende schützen, deren Gesundheit bedroht sein kann, wenn sie in einem homophoben Umfeld aufwachsen.

Schließlich leben in unseren Kindern nicht in erster Linie „Familie, Volk und Nation fort", wie es die AfD gerne hätte - denn Kinder sind keine Instrumente oder Werkzeuge: Ins Zentrum sollten wir etwas anderes stellen: Das Leben in Frieden und Sicherheit, mit gesicherten und sich weiterentwickelnden Lebensgrundlagen, hin zu gegenseitigem Respekt, Erfolg, Willensstärke und Selbstverwirklichung. Dies bezieht die vielen friedvollen und gesellschaftlich wertvollen Wege der Lebensführung ein, die ohne Erwartungen an die Beziehungs- und Nachwuchsplanung auskommen.

Kindern ein Leben zu schenken und sie zu erziehen ist längst nicht der einzige Weg, zur Entwicklung der Gesellschaft beizutragen. Pauschalisierung stinkt - und das sollten wir unseren Kindern lehren und bereits heute leben, wenn wir wirklich etwas für uns und die künftige Gesellschaft tun möchten.

Einfache Ursachen und Lösungen sind verlockend - doch sie helfen nicht weiter. Insbesondere sollten wir uns nicht auf die Seite derer schlagen, die meinen, dass vor allem Zugewanderte das Gewaltproblem gegenüber Homo- und Bisexuellen sowie Trans-Personen verantworten: Die Probleme bestehen schon viel länger und die ermittelten Täter sind laut der Berliner Polizei vorwiegend Männer mit deutscher Staatsbürgerschaft.

Möglichst viele Menschen mitnehmen

Der besagte „Sachsen-Monitor" zeigt, dass sich bestimmte Menschengruppen wie Arbeiter, Menschen mit Hauptschul- oder ohne Abschluss sowie Arbeitslose, Rentner und Menschen mit pessimistischer Zukunftssicht besonders ablehnend gegenüber Schwulen und Lesben äußern: Mit dieser Information müssen wir mündig umgehen - und dürfen diese Menschen nicht pauschal verurteilen oder gar bagatellisieren.

Wo Vorurteile aus Angst und fehlendem Wissen entstehen, muss es uns gelingen, Ängste zu nehmen und Wissen zu vermitteln, um die Menschen wirklich ernst zu nehmen und abzuholen. Wo Vorurteile und blanker, bewusster Hass zusammenfallen, müssen dagegen Grenzen aufgezeigt werden, denn nicht alles Dahingesagte ist gleich eine „Meinung". Es darf nicht darum gehen, jemandem eine Stimme zu nehmen, sondern so vielen wie mögliche eine mündige Stimme für ihre Interessen zu geben.

Gegen Pauschalisierung und Diskriminierung

Forderungen an die Politik zur rechtlichen Anerkennung Homo- und Bisexueller sowie Transpersonen sollen die Hürden überwinden, die wirkliche Gleichberechtigung bisher immer noch verhindern: Die Ehe soll für alle Erwachsenen offenstehen. Aufklärung über die Vielfalt der Lebens-, Liebes- und Beziehungsformen vervollständigt die Schulbildungspläne. Anti-Gewalt-Projekte sowie Melde- und Hilfestellen für Betroffene müssen gefördert werden.

Ein Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie ist notwendig, der einen respektvollen Umgang mit Homo- und Bisexuellen sowie Transpersonen auch im öffentlichen Sektor umsetzt. Die Rechte für die Familienplanung sollten sich zwischen Paaren nicht unterscheiden - auch gleichgeschlechtlichen Paaren sowie Transpersonen müssen die Adoption und die medizinisch unterstützte Fortpflanzung offenstehen.

Für diese Ziele ist Einsatz vor und nach der Wahl erforderlich: Dennoch dürfen sie nicht nur Wählermagnete ohne Substanz sein - Parteien sollten sich in ihren Wahlprogrammen klar positionieren.

Wenn sich bis in den letzten kleinen Winkel fortträgt, dass jemand wegen seiner Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe weder pauschal angefeindet, noch verurteilt oder angegriffen werden darf, haben wir als Gesellschaft eine Menge erreicht. Der Weg dorthin scheint manchmal noch weit. Diskriminierung und Pauschalisierung können sich auf jedes beliebige Merkmal erstrecken: Je öfter wir sie zulassen, desto leichter übersehen wir sie.

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