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Ökonomischer Wert der Eheöffnung: Beweg' Dich, Deutsche Wirtschaft!

26/01/2016 12:57 CET | Aktualisiert 26/01/2017 11:12 CET
Inti St. Clair via Getty Images

Gestaltungsbedingungen für Unternehmen sind zunehmend komplex, azyklisch und unübersichtlich: Trends, Innovationszyklen, die öffentliche Wahrnehmung sozialer und politischer Belange - viele Einflüsse weiten oder limitieren die Optionen. Planung, reine Rationalität, reaktives Verhalten und das Wiederaufwärmen bekannter Lösungswege sind zu kurz gegriffen, um der Zukunft adäquat zu begegnen: Ein wesentlicher Schlüssel sind MitarbeiterInnen, die für Ihre Unternehmen und Aufgaben brennen, agieren, bevor Reaktion nötig wird, und konstruktiv infrage stellen, ob der gestrige Weg morgen noch geeignet scheint. Die Bereitschaft dazu hängt wesentlich mit der Motivation zusammen.

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Fehlende Gleichberechtigung hemmt die Leistungsfähigkeit.

Motivation bedeutet für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge. Im Wesentlichen basiert sie auf Wertschätzung und Freiheit: Genau diese Werte sind für Menschen, die (gefühlten oder erklärten) Minderheiten angehören, nicht selbstverständlich. Nichtheterosexuelle, also die LGBTTI-Community, erfährt auch in Deutschland noch nicht das höchstmögliche Maß an Akzeptanz, Wertschätzung und Gleichberechtigung. Weshalb ist dies für Unternehmen problematisch?

Ungleichberechtigung und Benachteiligung gibt es für Lesben, Schwule, Trans*-Personen usw. auf verschiedenen Ebenen: Ende 2014 zeigte eine Studie auf, dass in Deutschland im EU-Vergleich überdurchschnittlich viele transsexuelle Personen in den fünf Jahren zuvor Opfer hassmotivierter Gewalt wurden.

Alarmierend sind zudem die Probleme im Arbeitsleben, die befragte Trans*-Personen trotz einer vergleichsweise überdurchschnittlich hohen Bildung in einer weiteren Studie aus dem Jahr 2014 angeben. Im selben Jahr kritisierte der Europarat den hohen Grad an Rassismus, Homophobie, Transphobie und Intoleranz in Deutschland sowie das hohe Niveau körperlicher Gewalt gegenüber Nichtheterosexuellen.

Obgleich der globale Trend in die Richtung der gleichwertigen Anerkennung Nichtheterosexueller zeigt, sind die Untersuchungen keine Zeichen erfolgreichen gesellschaftlichen Zusammenhalts oder gar von Freiheit und Inklusion.

Die sexuelle Orientierung und Identität eines Menschen sind Teil von dessen Würde und wirken sich somit auch auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit aus. Verweigern wir Menschen mit besonderen Merkmalen bzw. Gruppen wie den LGBTTI die Anerkennung, rufen wir einen massiven Talent- und Leistungsverlust hervor.

Unabhängig von der Verantwortung in Unternehmen, die z.B. auch durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG, 2006) forciert wird, benötigen wir also Mündigkeit auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene: Eine verschlossene Gesellschaft dagegen bewirkt bei Betroffenen ein kontinuierliches Gefühl von Zweitklassigkeit und Bedrohung sowie eine negative Grundhaltung.

Dieses als Minderheitenstress bezeichnete Phänomen wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit einer Person enorm aus. Minderheitenstress kann entstehen, wenn ein Teil der Persönlichkeit kontinuierlich versteckt, verstellt oder unterdrückt wird. Hierfür aufgewandte Konzentration und Anstrengung wirken erheblich leistungsmindernd.

Das Verhältnis von Akzeptanz, sozialer und wirtschaftlicher Entwicklungsfähigkeit

Die Wirtschaft ist ein starker Meinungspol und Einflussbereich, der in Deutschland bisher zu selten auch in sozialen Fragen Einfluss auf Gesellschaft und Politik übt: Was Unternehmen also anstreben sollten, ist nicht nur die Veränderung ihrer eigenen Offenheit gegenüber LGBTTI: Sie sollten eine gesamtgesellschaftliche Mündigkeit forcieren. Ein Weg, Nichtheterosexuelle aus einer verschwiegenen Grauzone in die Mitte gelebter Alltagsvielfalt zu holen, besteht in vollwertiger Anerkennung: Damit wird auch die Öffnung von Ehe und Adoption für nichtheterosexuelle Paare verlangt.

Die Öffnung der Ehe ist kein Selbstzweck: Sie ist ein Gradmesser für Offenheit, Anpassungsfähigkeit, ökonomische Nachhaltigkeit, Zukunftsorientierung und Lebensstandards unserer Gesellschaft.

In den USA berichteten Schwule, Lesben und Bisexuelle nach der Einführung eines lokalen Eheverbots von einem erhöhten Stressniveau im Vergleich zur Situation vor dem Eheverbot, was auf die Wirkung von staatlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung hinweist. (Quelle: Sattler, Frank. Diskriminierung von Schwulen und die Entstehung psychischer Probleme. Philipps-Universität Marburg: Unveröffentlichte Arbeit, 2014, S. 9.)

Freiheit, die auch durch die Öffnung von Ehe und Adoption verkörpert wird, kann zunehmend zum ökonomischen Standortfaktor erhoben werden: Das Kalkül ist, dass akzeptierende Haltungen in Gesellschaft und Politik zu höherer wirtschaftlicher Agilität führen. Dies fußt darin, dass kreative und zukunftsorientierte Menschen aus aller Welt sich in einem generell offenen Umfeld besser verorten und als Motoren der Innovation wirken.

Die Öffnung von Ehe und Adoption in Deutschland ist daher auch ökonomisch geboten: Menschen, die qualifiziert und leistungsfähig sind, ziehen sich dorthin, wo Freiheit, Akzeptanz und Schutz vor Diskriminierung spürbar und gesichert sind. Dem wirkt ein Eheverbot auch praktisch entgegen:

Personen, die in ihrem Heimatland bereits eine Person desselben Geschlechts geheiratet haben, werden Deutschland als beruflichen Wirkort seltener in Betracht ziehen. Ihre Ehe zählt hier nicht. Wenn Verheiratete bei beruflichen Entsendungen in andere Staaten ihre EhepartnerInnen mitnehmen können, stoßen PartnerInnen in Eingetragenen Lebenspartnerschaften ebenso an ihre Grenzen.

Den „War for Talents", das Ringen um die qualifiziertesten Köpfe für eine Position, wird die deutsche Wirtschaft damit nicht gewinnen - erst recht nicht, wenn immer mehr andere Staaten progressive Haltungen beweisen und damit attraktiver werden.

Beweg' Dich, deutsche Wirtschaft!

Das Plädoyer für die deutsche Wirtschaft lautet daher, sich zu bewegen: Ein Einsatz für die Selbstverständlichkeit von Akzeptanz ist gefragt. Anders als z. B. in den USA gibt es hier kaum starke Positionierungen von Unternehmen für die Eheöffnung. Vielmehr ist eine politische Positionierung deutscher Managerinnen und Manager generell eher unüblich.

Auf Dauer kann dies verhängnisvoll sein: Unternehmen sollten ihren gesellschaftlichen und sozialen Einfluss erkennen. Als praxisnahe Fühler sozialer Realität sollten sie die Politik dazu animieren, Offenheit als gelebtes Gut zu verfestigen, auf das Deutschland stolz sein kann und durch das die Gesellschaft innerlich zusammenwächst.

Dies impliziert, dass Unternehmen die (oftmals typisch deutsche) Habitusorientierung überwinden. Ein Einsatz für die Öffnung von Ehe und Adoption ist ein Marker für das Eintreten von Gleichberechtigung: Er kann natürlich nur der Anstoß für die Thematisierung weiter gesellschaftlicher Akzeptanzprobleme sein, die nicht nur die Ehe und auch nicht nur die LGBTTI als Gruppe betreffen.

Vor allem sollte jedoch verhindert werden, dass die deutsche Wirtschaft an sozialer Attraktivität einbüßt: Kurzfristig kann durch unternehmerische Aufmerksamkeit verhindert werden, dass genau wie 2015 die angestoßenen öffentlichen Diskussionen um die Eheöffnung nahezu ergebnislos im Sande verlaufen.

Was können Unternehmen tun? Petitionen an die Regierung, wie sie auch US-Unternehmen bereits vor Jahren unterzeichneten, bewiesen bereits in vielen Bereichen Einfluss und stellen ein Werte-Commitment dar.

Auf Personenebene sollte der sozialpolitische Einfluss dialogisch aufgebaut werden, um gemeinsam Perspektiven aufzuzeigen und dem Thema einen ernsthaften Stellwert zu geben. Kooperationen mit LGBTTI-Organisationen und ihren VertreterInnen schaffen ein Netzwerk der gegenseitigen Verständigung, um gemeinsam für die Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Wertekatalogs einzutreten. Förderprojekte und die Thematisierung der Relevanz von Gleichberechtigung und Akzeptanz auf Unternehmenstagungen sind vorstellbar.

Kurz- und mittelfristig können Unternehmen für ihre Bemühungen ohnehin mit einem Reward rechnen: Die Attraktivität für qualifizierte und zukunftsbereite BewerberInnen steigt. Auch im Sinne der Public Relations steigt das Ansehen der Unternehmen, wenn sie ihre Verantwortung für die Gesellschaft wertschätzen und leben.

Die Mauer muss weg!

In der soziologischen Streitschrift „Die Mauer muss weg!" werden die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Querverbindungen untersucht, die ein ganzheitlicher, geöffneter Ehebegriff mit sich bringt, um praxisnah darzustellen, wie und warum die Öffnung von Ehe und Adoption für Deutschland geboten ist.

Die Argumente, die für einen sachlichen und zukunftsweisenden Umgang mit dem Thema präsentiert werden, sollen Schlüsselcharakter für eine sachlichere, respekt- und gehaltvollere Diskussion haben, die Ängste nimmt und friedensstiftend wirken kann. Die gegenseitige Akzeptanz gibt Auskunft darüber, wie reif das Menschenrechtsbewusstsein und soziale sowie ökonomische Entwicklungspotential unserer Gesellschaft ist.

Der nächste Artikel in zwei Wochen geht auf die demokratische Verantwortung rund um die Öffnung von Ehe und Adoption ein und beleuchtet auch die Implikationen eines sich wandelnden Verständnisses und Umgangs hinsichtlich familienpolitischer Erfordernisse.

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