BLOG

Den Ruck nicht nur von Rechts zulassen

22/11/2017 12:01 CET | Aktualisiert 22/11/2017 12:01 CET
NurPhoto via Getty Images

Können Sie sich eine Freundschaft mit einer muslimischen Frau oder einem schwulen Mann vorstellen? Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn sich Frauen mit Niqab oder Kopftuch auf der Straße unterhalten oder sich nicht weit von Ihnen entfernt ein lesbisches Paar küsst?

Antworten auf derartige Fragen lassen Rückschlüsse auf die Offenheit und Stabilität der Gesellschaft zu - und sind alles andere als unwesentlich für ihren Erfolg in Zukunft.

Obgleich sie aus einem Katalog provozierender Fragen für die Neue Rechte zu stammen scheinen, haben diese Themen eine ganze Menge mit Realität und Alltag heute zu tun.

Die Verschiedenheit der Gesellschaft nimmt u.a. durch immer weitergehenden Wertewandel, Globalisierung und Immigration zwangsläufig zu - wie dem im Alltag, auf der politischen Bühne und in der Wirtschaft begegnet wird, ist keine Nebensache.

Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis der Befragung von mehr als 650 Schülerinnen und Schülern aus Düsseldorf und Wuppertal zu Weltanschauung und gesellschaftlicher Offenheit.

Probleme miteinander durch Religion verstärken oder abmildern?

Die Befragung ergab, dass unter den Schülerinnen und Schülern problematische Ansichten zu anderen Religionen oder Atheismus, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, Homosexualität und Meinungsfreiheit keine isolierten Einzelfälle sind:

So können sich knapp 50% der befragten muslimischen sowie ca. 15% der christlichen Schülerinnen und Schüler keine Freundschaft mit einer homosexuellen Person vorstellen.

Ähnlich sehen die Anteile derjenigen aus, für die es nicht in Ordnung ist, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen. Zudem lehnen ca. ein Fünftel der befragten Muslime und ca. 6% der befragten Christen die Freundschaft mit einer Person jüdischen Glaubens ab: Hier wirken verbindende Elemente von Religionen offensichtlich nicht stärker als ihre Ressentiments.

Die Bearbeitung fehlender Toleranz wird noch wichtiger, da Deutschland und Europa künftig zwangsläufig noch vielfältiger und "bunter" werden, wenn dies nicht durch ein neues Drittes Reich, einen Weltkrieg, ein neues Aufflammen von grausamer Identitäts- und Rassenpolitik oder andere menschlichen Abgründe aufgehalten wird, wofür sich glücklicherweise eher kaum Mehrheiten finden.

Es stellt sich somit die Frage, wie der Weg in die Zukunft gestaltet werden kann, um einen Ruck durch die Gesellschaft nicht nur von Rechts zu gehen zu lassen.

Gefühlsnahe Politik - bestehende Probleme ernsthaft bewältigen

Um die erst in neuerer Zeit stärker diskutierten Probleme bei der Anerkennung und Akzeptanz von Minderheiten und religiöser Vielfalt zu bewältigen, ist auch die nachhaltige Lösung der Probleme notwendig, die schon weitaus länger ohne abschließende Lösungen diskutiert werden:

Situationen, die aus Arbeitslosigkeit, prekären Beschäftigungssituationen, Altersarmut, Alterseinsamkeit, Chancenungleichheit in Bildungsfragen sowie fehlender politischer und gesellschaftlicher Teilhabe entstehen. Diese Probleme so zu thematisieren und schrittweise zu lösen, dass dies auch Politikverdrossenheit zu verringern vermag, ist ein wesentlicher Schlüssel in der Bekämpfung der durch Carolin Emcke angesprochenen "Ende-der-Toleranz-Atmosphäre", die sonst einfachen Nährboden für meist rechte Finger-in-Wunden-Leger bietet und damit andere Diskurse erschwert.

Hierbei geht es auch um handfeste Existenzprobleme, die etwa durch prekär niedrige Rentenbezüge oder unzureichende Wohnungssituationen hervorgerufen werden: In diesem Jahr haben ca. 860.000 Menschen in Deutschland keinen festen Wohnsitz, wovon ca. die Hälfte kürzlich nach Deutschland Geflüchtete ausmachen.

Die Bekämpfung von Armut und die Aufstellung einer zielorientierten Wohnungspolitik sind damit weiterhin essentielle Themen der politischen Agenda. Auch durch Gentrifizierung verstärkt sich berechtigt ein Gefühl zunehmender Unsicherheit und fehlender Anerkennung, wenn enorm steigende Mieten langjährig Ansässige verdrängen und in Existenznöte treiben.

Die Bewältigung solcher Probleme ist wesentliche Voraussetzung, um Wandel und Fortschritt in anderen Gebieten erfolgreich voranzutreiben.

Digitalisierung gestalten, nicht als Feind wahrnehmen

Digitalisierung beschäftigt generationsübergreifend: Berechtigt sind Überlegungen und Ängste in Bezug auf sich verändernde Berufsqualifikationen und damit verbundene Jobverluste, weil zunehmend mehr Tätigkeiten effizienter durch Maschinen übernommen werden können. Die unglaublichen Möglichkeiten der Technologie stehen berechtigten Zweifeln über die Stellung von Menschen in einer Großzahl von Tätigkeiten gegenüber.

Es sollte daher auch dringende Aufgabe der Politik sein, sich mit der sozialen Frage der anstehenden Entwicklungen auseinanderzusetzen, um Ängste zu nehmen, die Fortschritt sonst torpedieren. Die Geschwindigkeit des Fortschritts mit ethischen und inhaltlichen Debatten zu begleiten ist Voraussetzung für sein Wirken:

Technologischer Fortschritt als Bestandteil von "Diversity" heute kann nur, wenn er vielseitig und angstfrei gestaltet wird, keinen Angriffspunkt für Populisten bieten.


Umso wichtiger ist die Abschaffung des Feindbilds Digitalisierung, wie Andrea Nahles es kurz nach der Bundestagswahl zum Ausdruck brachte. Anstelle die befürchteten negativen Seiten von Digitalisierung überzubetonen und sich dagegen zu wehren, benötigen Deutschland und Europa eine Politik, die den Auftrieb der Digitalisierung nutzt und gestaltet, sich also mit Visionen, Zukunftsstrategien sowie der Förderung von Wissenschafts- und Technologiestandorten und mit ethischen und sozialen Fragen beschäftigt.

Mit den Worten von Precht stellt Digitalisierung die zementierte kapitalistische Trennung von Arbeit und Kapital infrage und kann Selbstverwirklichung für viel mehr Menschen ermöglichen, wenn sie auf einer gesellschaftlichen Ebene stärker diskutiert und hinterfragt wird. Selbstverwirklichung benötigt individuelle Mündigkeit und Demokratieverständnis.

Demokratieerziehung bereits in der Schule -- über Ideologiegrenzen hinweg

Die Erziehung hin zu Demokratie und Vielfalt muss bereits in der Schule beginnen, damit die Herausforderungen auch durch künftige Generationen erfolgreich bearbeitet werden können und Handlungen nicht in einer Mühle aus Ressentiments und Vergangenheitsromantik versiegen.

Bildungsstätten wie Schulen haben einen hohen integrativen Einfluss, der in einer pluralistischen Gesellschaft auch immer wieder überdacht werden muss. Religiöse Vielfalt und der Pluralismus von Lebensentwürfen sind Themen, bei denen Pädagoginnen und Pädagogen stärker unterstützt werden sollten: Schulen sollten hierzu stärker mit Vertretern der gesellschaftlichen Vielfalt wie jüdischen Gemeinden, Kirchen, Moscheen, Queer-Verbänden usw. kooperieren.

In diesem Sinne müssen Schulen stärker zur Vermittlung demokratischer und aufklärerischer Prinzipien befähigt werden, um gemeinsame, kulturübergreifende Werte für das Zusammenleben zu vermitteln.

Unabhängig von einem konkreten Religionsunterricht ist daher auch die Idee eines übergreifenden, verbindlichen Ethikunterrichts zu diskutieren, der bewusst konfessionslos eine gemeinsame Wertebasis schafft, das Nachdenken über Verantwortung verstärkt und Schülerinnen und Schüler damit für das Bestehen in einer pluralistischen, globalisierten Welt stärkt.

Die definitorische Rolle der christlichen Kirchen in der Vermittlung von Werten für das Zusammenleben ist angesichts der Vielfalt an kulturellen und religiösen Einflüssen in Deutschland und Europa heute stark zu hinterfragen und sollte eher philosophischen und humanistischen Betrachtungsweisen weichen: Kultursensibel mit dem Kredo religionsübergreifender Akzeptanz die Wertebasis für künftige Generationen zu gestalten hilft, Ressentiments zu überwinden und gemeinsam Fortschritt zu leben.


Zudem muss auf die politische Bildung von Schülerinnen und Schülern Wert gelegt werden, wozu immer wieder die Einführung von politischer Bildung als verbindliches Schulfach diskutiert wird.

Die Erziehung zu Demokratie und die bessere Vermeidung von ausnutzbarer Politikverdrossenheit kann nur geschehen, wenn politische Bildung schulisch nicht mehr zu kurz kommt: Es geht darum, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, faktenbasiert Meinungen zu bilden und ihre Wahlentscheidung und politische Involvierung auf Mündigkeit beruhen zu lassen.

Diskurse nicht vermeiden, sondern bewusst führen

Im Zusammenhang mit dem Erstarken der politischen Rechten und der Zunahme rechter Gewalt wird klar: Ein Cocktail aus zunehmender Vielfalt, Komplexität und Veränderung auf vielen gesellschaftlichen Ebenen gleichzeitig schürt die Attraktivität einfacher Erklärungen und starker Autoritäten, die einem Entscheidungen und Verantwortung scheinbar abnehmen.

Dies darf Vielfalt und Fortschritt allerdings nicht beschneiden, sondern muss dazu führen, dass progressive Entwicklungen stärker forciert werden -- unter Mitnahme und Berücksichtigung aller Gewillten. Gestrigkeit führte vermutlich in noch keiner einzigen Zukunft zum Erfolg, über die jemals in der Vergangenheit gesprochen wurde. Max Tholl hat daher Recht, wenn er meint, dass eine freie und fortschrittliche Gesellschaft auch mit Kritik an ihr selbst umzugehen wissen muss und durch deren erfolgreiche Bearbeitung Stärke beweist. Resignation schadet!

Zu fördern sind daher alle förderlichen Diskurse, die auf Fakten und einem demokratischen Verständnis der Faktenlage beruhen, um produktive Debatten zu ermöglichen. Vorsicht ist geboten, wenn unangenehme Diskurse umgangen werden, da nicht jede Kritik an Religionen, Glaubensgemeinschaften, Minderheiten oder Parteien automatisch als Hass verstanden werden muss.

Sachlichkeit im Führen von Diskursen kann daher in Bildungseinrichtungen sowie in der Politik und den Medien nur dazu führen, dass das bessere Argument sich durchsetzt und Fortschritt begangen wird. In Verbindung mit Politik, die existentielle Probleme und solche, die es werden könnten, mit Augenmaß und Weitblick löst, kann eine robuste Gestimmtheit in der Gesellschaft erzeugt werden: Und genau das ist er - der Ruck ohne Rechts.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.