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Quo vadis Newsroom? Die Macht der Timelines und das Dilemma der Publisher

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Ausgerechnet BuzzFeed hatte vor ziemlich genau einem Jahr den Innovation Report der New York Times geleakt. F├╝r mich pers├Ânlich war das der bis dahin spannendste direkte Einblick in die Bem├╝hungen eines traditionellen Medienriesen - in diesem Fall aus dem Print-Bereich - sich neuen Rahmenbedingungen anzupassen.

Diese Anpassung wird meist unter dem Begriff Digitale Transformation subsummiert (was ich nach wie vor f├╝r wenig zielf├╝hrend halte).

Tradition beim Gesch├Ąftsmodell

Im Falle der NYT hat man sich quasi an die Spitze der Paywall-Bewegung gesetzt und somit einen veritablen Showcase f├╝r eine zutiefst verunsicherte Branche geliefert. Der Impuls dazu entsprang der schieren Erkenntnis, dass Anzeigenerl├Âse allein das Delta nicht w├╝rden ausgleichen k├Ânnen, das durch die schrumpfende Print-Leserschaft entstanden war - und weiterhin entstehen wird.

Statt dessen setzt man, auch mangels Alternative, auf die traditionellste Art der Einnahme-Generierung: Der Leser soll zahlen.

Die ersten Ergebnisse, die im Innovation Report nachzulesen sind, stimmten dabei durchaus optimistisch. Doch sogar die Autoren des Reports selbst, also die Mitarbeiter der NYT, mussten einr├Ąumen, dass die M├Âglichkeiten einer Paywall begrenzt seien und selbst optimistische Prognosen die Erkenntnis beinhalten, dass der m├Ąchtige Newsroom des Unternehmens mittel- bis langfristig dadurch nicht zu finanzieren sein werde.

Nur: Wenn dies nicht einmal der NYT gelingt, wer bleibt dann noch ├╝brig den Kampf gegen BuzzFeed, VICE und Co., vor allem aber gegen Facebook und Google aufzunehmen? Die Antwort lautet: vermutlich niemand. Zumindest nicht unter den bisherigen Gegebenheiten, wo Content-Produzenten und Publisher gegen Player antreten m├╝ssen, deren Finanzierung und Nutzung v├Âllig anderen Parametern unterliegt, als dies bei den Medienunternehmen selbst der Fall ist.

Verschiebung der Machtverh├Ąltnisse

Was mir bei der Betrachtung publizistischer Gesch├Ąftsmodelle unter dem Aspekt Innovation, Zukunftsf├Ąhigkeit und Wertsch├Âpfung die Augen ge├Âffnet hat, ist die so genannte Smiling Curve), ├╝ber die Ben Thompson im vergangenen Herbst bei stratechery geschrieben hatte.┬á

In dieser einfachen Darstellung offenbart sich das gro├če Dilemma der Verlage und Medienunternehmen. Deutlicher konnte man selten sehen, wohin sich die Macht im Medienzirkus verschoben hat, und wohin sich die Wertsch├Âpfung mehr und mehr verlagert.

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(Fotonachweis: Quelle)

Kaum hatten die Publisher ihre Gatekeeper-Position eingeb├╝├čt, gerieten sie in schwere See; und zwar in die Abh├Ąngigkeit von Facebook und anderen Timeline-orientierten Entit├Ąten, aus der sie schwerlich wieder herauskommen werden (an anderer Stelle ging ich auf diese Abh├Ąngigkeit bereits detailliert ein). Zumal sich diese Abh├Ąngigkeit aktuell zementiert.

Neben BuzzFeed und der Times arbeitet Facebook mit weiteren ausgew├Ąhlten News-Organisationen zusammen, die ihre Inhalte z.T. komplett bei Facebook stattfinden lassen, anstatt, wie bisher, zu verlinken. Die Beurteilung, ob dies der finale S├╝ndenfall der Content-Produzenten ist, ├╝berlasse ich gerne anderen.

Gretchenfrage des Journalismus

Fest steht jedoch, dass sich dadurch eine ganze Reihe weiterer Probleme ergeben. Trevor Timm erl├Ąutert dies in seinem Artikel: Nicht nur verkaufen die Publisher ihre (Content-)Seele und liefern sich den Unw├Ągbarkeiten von z.T. willk├╝rlichen Algorithmus-├änderungen seitens Facebook aus; viel schlimmer wiegt die neue Macht des Social Networks:

ÔÇ×the right to chose between the free expression of ideas or to instead impose censorship when it deems content unworthy. That should worry the public, because when given that power in the past, Facebook has ruled with an iron fist."

Grund genug f├╝r einen neuen Branchen-Pessimismus? Der Journalist Richard Gutjahr ├Ąu├čert sich jedenfalls wenig optimistisch zur Zukunft des Journalismus. In einem Video-Interview mit Ingrid Brodnig macht er seiner Branche wenig Hoffnung gegen die aktuellen Entwicklungen bestehen zu k├Ânnen. Selbst die so oft herangezogene Argumentation, Journalisten k├Ânnten News einordnen, sei l├Ąngst nicht mehr haltbar.

Was bedeutet das alles? Wird es zuk├╝nftig noch viele News-Websites geben? Oder ist der Content-Stream das (vorl├Ąufige) Ende der Entwicklung? Klar ist, dass der Ort, an dem Inhalte jeglicher Art zuk├╝nftig konsumiert werden, von entscheidender Bedeutung ist. Gleichzeitig wird das Device zur Nebensache. Letzteres erkennt auch Tom Standage, stellvertretender Chefredakteur des Economist, in einem sehr lesenswerten Interview mit Joseph Lichterman an, wenn er betont ÔÇ×print is just another device".

ÔÇ×Bew├Ąltigbarkeit" als Wettbewerbsvorteil

Standage geht auf ein Hauptziel des Economist ein, das ÔÇ×desert-island magazine" sein m├Âchte. Er meint damit, dass man stets zum Ziel habe eine Art endliches Informations-Quantum zur Verf├╝gung zu stellen; also genau die Menge und Tiefe an Inhalt, die der Rezipient verarbeiten kann um sich maximal informiert zu f├╝hlen. In diese Strategie passe ÔÇ×Espresso", das t├Ągliche, f├╝r Nicht-Abonnenten kostenpflichtige Briefing zu bestimmten Themen, in dem man aus Gr├╝nden der Fokussierung u.a. auf weiterf├╝hrende Links verzichte. Der Dienst, der als App verf├╝gbar ist, macht sich das Defizit der Informationsf├╝lle zu Nutzen:

ÔÇ×The "you've got to the end and now you've got permission to go do something else" is something you never get. You can never finish the Internet, you can never finish Twitter, and you can never really finish The New York Times, to be honest."

Mitten in der Abh├Ąngigkeitsfalle

Wenn Facebook zum Content Management System f├╝r Publisher wird, das deren Inhalte dank ├╝berlegener Technologie deutlich besser monetarisiert als die Publisher selbst, dann schl├Ągt das Pendel publizistischer Gesch├Ąftsmodelle bereits in eine ganz bestimmte Richtung. Die Frage wird sein, was alte und von allem neue Marktteilnehmer dem entgegenzusetzen haben. Das Modell einer Stiftung zur Finanzierung von Journalismus mag nahe liegen, ist jedoch kaum eine L├Âsung f├╝r viele Player.

Wie man es dreht oder wendet, die Macht liegt heute bei denjenigen Playern im Markt, die f├╝r zwei essenzielle Voraussetzungen erfolgreicher Publikationen sorgen: Distribution und Discoverability. Der Content selbst, bzw. dessen Herkunft, wird dabei mehr und mehr zur Nebensache; es gibt schlicht zu viele ausreichend gute Produzenten von Inhalten. Und wenn man die Entwicklung des sog. Roboter-Journalismus zu Ende denkt, k├Ânnte einem tats├Ąchlich Angst und Bange um einen ganzen Berufsstand werden.

Zuk├╝nftig wird es also entscheidend sein ein hohes Ma├č an Unabh├Ąngigkeit von den Content Distributoren zu besitzen und gleichzeitig mit einem Gesch├Ąftsmodell aufzuwarten, das in der Lage ist auch jenseits von Paywall und Advertising Werte zu schaffen.


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