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Neue Männer braucht das Land

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Die Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten am 22. Mai 2016 hielt neben einer Patt-Situation am Wahlabend auch und vor allem die Erkenntnis bereit, dass die Gender Gap inzwischen auch in der Politik angekommen ist.

So offenbarten die Wähler-Analysen überwältigende weibliche Zustimmung zum unabhängigen Kandidaten Alexander van der Bellen, während der rechtspopulistische, von der FPÖ unterstützte Aspirant Norbert Hofer von etwa 60 Prozent der Männer gewählt wurde.

Ähnlich deutliche Unterschiede ergaben die Analysen der Bildungshintergründe und der Arbeitnehmer-Kohorten. So hat Hofer seine Unterstützer überwiegend im Arbeiter-Lager, während AkademikerInnen mehrheitlich für van der Bellen votierten.

Überall abgehängt

Was sagt uns das? Zunächst einmal liegt die Deutung nahe, dass wir eine zunehmend gespaltene Gesellschaft sind. Und die Spaltung verläuft besonders deutlich entlang der Geschlechter-Grenze. Das wirft eine Menge Fragen auf, provokant formuliert könnte man zum Beispiel folgende stellen: Sind Männer das prekäre Geschlecht? 

Die zunehmende Benachteiligung von Jungen in Kindergarten und Schule wurde bereits häufiger thematisiert. Sie seien längst von den Mädchen abgehängt worden, wenn es etwa um Fähigkeiten wie Leseverständnis oder Mathematik gehe.

Spätestens seit PISA wissen wir, dass das vermeintlich starke Geschlecht bildungstechnisch auf dem Zahnfleisch geht. Längst stellen die Frauen zudem den Großteil der Studienanfänger und sie sind es auch, die die besseren Abschlüsse machen.

Zwar führt all das noch nicht dazu, dass die Lecks in der sogenannten „leaky pipeline" gestopft würden, dass also nicht nur beim Berufseinstieg Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht, sondern auch in den Führungspositionen in Wirtschaft und Politik.

Dennoch darf man damit rechnen, dass dies (auch) eine Frage der Zeit ist, bis Frauen den Männern auch hier den Rang ablaufen. Nicht nur aus der Perspektive der Gender Equality ist letzteres eine durchaus zu begrüßende Entwicklung.

Hilflosigkeit

Gleichzeitig muss man jedoch den Blick darauf richten, was das alles mit den Männern macht. Und zwar nicht deshalb, weil sie eine per se benachteiligte Spezies sind, sondern weil wir es uns nicht leisten können, dass sich Männer radikalisieren, weil sie an verschiedenen Stellen den Anschluss verpassen.

Die Harvard-Verhaltensökonomin Iris Bohnet weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass etwa 70 Prozent der afroamerikanischen Frauen in den USA alleinerziehend seien.

Das ist eine enorm hohe Zahl, für die es klare Gründe gibt. Die meisten Frauen sind es einfach leid, sich von der unsicheren Beschäftigungssituation ihrer männlichen Partner abhängig zu machen.

Stattdessen wählen sie das kalkulierte Risiko, nämlich die alleinige Verantwortung für die Kinder. Die Männer bleiben zurück, ebenso deren Frust und das unangenehme Gefühl - begründet oder nicht - zu einer neuen „lost generation" zu gehören.

Frust macht radikal

Es geht keinesfalls darum, die Männer von der Verantwortung für ihr Schicksal und das Scheitern ihrer Partnerschaften freizusprechen. Es geht darum, auf eine Entwicklung hinzuweisen, deren Folgen weit dramatischer sein könnten, als zum Teil extreme Wahlergebnisse.

Viele Männer fühlen sich abgehängt, daraus entsteht Frust, der wiederum ein Ventil sucht. Eines ist die Hinwendung zu vermeintlichen Heilsbringern auf politischer Ebene. Auch die sogenannte „AfD" wird überwiegend von Männern gewählt.

Im Osten Deutschlands gibt es ein Phänomen, das mit dem in den USA zwar nur schwer zu vergleichen ist, dennoch: Auch in den „neuen" Bundesländern treten viele Frauen die Flucht an. Es zieht sie in den Westen, wo sie sich größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt versprechen. Nirgendwo sonst in Europa ist der Männerüberschuss so hoch.

Da braut sich unter Umständen etwas zusammen. Aus mangelnder Vielfalt kann nichts Gutes entstehen - mit Ausnahme einiger Mannschaftssportarten vielleicht. Daher sind die oben beschriebenen Entwicklungen auch ein Alarmsignal für unsere Gesellschaft. Wir sollten uns genau ansehen, welche Chancen auf Teilhabe sich bestimmte Bevölkerungsgruppen selbst einräumen und wie es um diese Chancen tatsächlich bestellt ist.

Neue Chancen

In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass insbesondere Männer eine Erweiterung ihres Handlungsspielraums und ihres Reaktions-Repertoires benötigen. Wo Chancen sich verschlechtern, sind Alternativen gefragt.

Ein Beispiel sind Tätigkeiten, die mittelfristig durch Automatisierung verloren gehen. Gleichzeitig öffnen sich neue Möglichkeiten im Gesundheits-Sektor. Doch Care-Jobs stehen heute noch nicht besonders weit oben auf der männlichen Wunschliste.

Wir sollten uns daher zunehmend die Frage stellen, welche Tätigkeiten für uns als Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind. Dann haben Krankenpfleger, Kindergärtner oder Grundschullehrer vielleicht endlich Konjunktur und viele Männer ganz plötzlich deutlich mehr berufliche Alternativen als bisher.

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