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Warum ist das alles so normal geworden? Deutschland und Europa rücken nach rechts.

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AFD
Wolfgang Rattay / Reuters
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Vor kurzem sah ich im Fernsehen eine Ausgabe der Talk-Sendung „3 nach 9" aus dem Jahr 1990, in der unter anderem Giovanni di Lorenzo und der damalige Republikaner-Chef Franz Schönhuber zu Gast waren.

Die Art der damaligen Diskussionskultur auf Basis einer wehrhaften Demokratie und sehr engagierter Moderator_innen lässt einen angesichts der Omnipräsenz der Rechten und ihrer Parolen auf der einen sowie die der hilflosen Deutungsversuche der alten Linken sowie der Reflexe der Medien auf der anderen Seite beinahe wehmütig werden. Der Mob war seinerzeit sicherlich auch schon da, nur darf er heute auch ohne vorgehaltene Hand jegliche Form blanken Rassismus' frei herauspöbeln: zur Hauptsendezeit.

"Warum lassen wir uns das gefallen?"

Die Protagonist_innen der Protestpartei Rechtspopulisten von der „AfD" dürfen ungehindert ihren dumpfen Hass gegen alles Fremde unters Volk bringen. Demokratie-Imitationen namens Parteitag und Wahlprogramm schaffen es in die ersten Meldungen der hiesigen Hauptnachrichtensendungen. Schon gibt es die ersten Kommentare in den „Qualitätsmedien," wonach die Parteienpolitik gescheitert und der Rücktritt der Kanzlerin die einzig logische Konsequenz sei. Die Hemmungen sind weg, und sie erodieren immer weiter.

Warum lassen wir uns das gefallen: Dass einfachste Wahrheiten mehrheitsfähig werden? Dass Dumpfheit über Reflexion steht? Dass die Hassparolen der besorgten Bürger intellektuell Abgehängten immer weiterverbreitet werden. Ich halte das nur schwerlich aus.

Spätestens an dieser Stelle dürfte von manchen der Einwand kommen, ich müsse Contenance wahren und mich auf rein argumentativem Wege mit den Sympathisant_innen und Wähler_innen des sog. „Anti-Establishments" (O-Ton AfD) auseinandersetzen. Mitnichten! Ich bevorzuge an dieser Stelle Nulltoleranz. Zumindest, was die intellektuelle Auseinandersetzung mit „Wahlprogrammen" oder „Argumenten" angeht.

Ich mache nur eine Ausnahme: Wenn jemand im Zwiegespräch mit mir diskutieren möchte, dann bekommt sie/er weitestgehende Zurückhaltung meinerseits und den unbedingten Versuch im empathischen Dialog meinerseits mit Argumenten zu überzeugen. Aber nur dann. Hier, im digital-öffentlichen Raum, habe ich dazu weder die angeblich nötige Zurückhaltung, noch das erforderliche Repertoire: Haters gonna hate.

Und wir dürfen eines nicht vergessen. Wir, die wir i.d.R. zu den Privilegierten gehören, haben die Wahl, ob wir das, was sich da so zusammenbraut und zusammenrottet, ignorieren oder nicht. Diese Wahl haben die meisten direkt Betroffenen nicht. Kübra Gümüşay hat das in ihrem Talk auf der re:publica in Berlin mehr als eindrucksvoll dargelegt.

"Weltoffenheit, Empathie und Hilfsbereitschaft sind ethische und moralische Pflichten"

Was ist eigentlich mit uns los? Glauben wir wirklich, wir kämen mit Abschottung und Ignoranz weiter? In Zeiten globaler Migration, größtenteils ausgelöst durch Macht- und Konsuminteressen des sog. Westens? In einem Land, das nachweislich auf Einwanderung angewiesen ist, falls wir nicht riskieren wollen, dass uns die sozialen Transfersysteme in absehbarer Zeit um die Ohren fliegen? Das zu glauben ist nicht naiv, das ist dumm. Zumal es, wie fast immer, die moralische Komponente ausblendet oder gar negiert: Weltoffenheit, Empathie und Hilfsbereitschaft sind ethische und moralische Pflichten in einem Land, das vor gerade einmal knapp 80 Jahren die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hat.

Hoyerswerda 1991, Mölln 1992, Rostock-Lichterhagen 1992, Solingen 1993. Ich bin Jahrgang 1973 und mir sagen alle vier Orte unmittelbar etwas. Sie sind für mich die fremdenfeindliche deutsche Reizwortkette von vor über zwanzig Jahren. Die Morde und Verbrechen mit nationalistischem Hintergrund gegen Flüchtlinge und Migranten haben die Republik (und mich) seinerzeit bis ins Mark erschüttert. Und heute?

"Es scheint inzwischen zur beinahe täglichen Normalität zu gehören, dass irgend welche besorgten Bürger Gewalt gegen Schutzbedürftige ausüben"

Allein im Jahr 2015 hat es laut gemeinsamer Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL 1.072 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben, davon 136 Brandanschläge. Insgesamt seien 267 Körperverletzte zu beklagen gewesen. Doch an Einzelheiten oder wenigstens Ortsnamen erinnert sich niemand. Ahaus, Sellin, Pirna, Geislingen - für uns sind das in der Regel nichtssagende Städte und Gemeinden.

Es scheint inzwischen zur beinahe täglichen Normalität zu gehören, dass irgend welche besorgten Bürger fremdenfeindliche Arschlöcher Gewalt gegen Schutzbedürftige ausüben. Auch, wenn wir nicht daneben stehen und es gutheißen: Richtig bzw. vor allem nachhaltig erschüttert sind wir längst nicht mehr. Ein bisschen Facebook-Anteilnahme hier, ein solidarischer Tweet da, schon gehen wir, die wir das können, wieder zur Tagesordnung über. Und die heißt: Gewalt gegen Flüchtlinge, Ausländer und Minderheiten.

Ich sehe meine Generation vor allem in ihrer Elternrolle in der Pflicht. Zu lange sind wir davon ausgegangen, dass die Beschäftigung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in der Schule ausreichen würde, dass wir uns nie wieder gegen Minderheiten und vermeintlich Fremdes wenden oder rechtem Gedankengut auf den Leim gehen würden. Doch dies hat sich als ein Trugschluss erwiesen. Es ist wichtiger denn je aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen und nachfolgende Generationen für ein offenes Weltbild zu sensibilisieren.

Parallel dazu brauchen wir eine erheblich bessere Kommunikation hinsichtlich einer europäischen Integration. In den vergangenen Jahren war die Rede viel zu häufig vom Finanzstandort und Wirtschaftsraum Europa, die Aspekte der Völkerverständigung oder Solidargemeinschaft innerhalb einer Friedensunion sind in Vergessenheit geraten. In Verbindung mit Migrationsbewegungen, Massenarbeitslosigkeit in Süd- und Osteuropa und den Unsicherheiten in einer globalisierten Welt brauchen wir derlei Identifikationsraum dringender denn je.

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