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Warum wir Teenies den ganzen Tag online sind und warum das okay ist

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TEENS SMARTPHONE
Mark Mawson via Getty Images
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Ein Leben ohne Smartphone? Kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich meines mal zu Hause vergesse oder absichtlich liegen lasse, damit es beim Sport nicht geklaut wird, fühle ich mich jedes Mal ... nun ja, nackt nicht gerade, aber es fehlt etwas.

Und immer wenn ich an meine Hosentasche greife und mein Samsung steckt nicht drin, schrecke ich kurz zusammen und denke, dass ich es verloren habe.

Es ist schon krass, wie sehr wir daran gewöhnt sind, dieses kleine Gerät immer und überall dabeizuhaben. Als mein erstes Smartphone kaputtging, fühlte ich mich komplett von der Außenwelt abgeschnitten.

Mit einem Mal war ich nicht mehr auf WhatsApp oder Snapchat erreichbar - genauso gut hätte ich auf den Mond auswandern können (wobei ich mir nicht sicher bin, ob man nicht selbst da inzwischen WLAN hat - per Satellit sollte das doch möglich sein, schließlich leben wir im 21. Jahrhundert!).

Gruselig, was ich gerade alles verpasste, einfach nur, weil ich kein Smartphone hatte. Als mein Vater merkte, wie ich genervt vor mich hin brütete, beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen. "Robert, was ist denn los? Du bist den ganzen Tag schon so miesepetrig.

"Mein Smartphone ist kaputt"

"Mein Smartphone ist kaputt, und ich hab nicht genug Geld für ein neues. Und bis Weihnachten dauert's noch einen ganzen Monat", seufzte ich.

"Ach, du brauchst ein neues Handy?" Seine Augen leuchteten. "Ich hab da was für dich." Mit diesen Worten verschwand er in seinem Arbeitszimmer.

Aufgeregt sprang ich vom Sofa. Hieß das, ich würde mein Weihnachtsgeschenk schon früher bekommen, weil mein Vater eingesehen hatte, dass ein Leben ohne Smartphone für einen Elfjährigen unzumutbar war? Das hätte ja gar nicht besser kommen können ... Papa, du bist der Beste!

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Nach ein paar Minuten kam mein Vater zurück ins Wohnzimmer - in der Hand hielt er einen grauen Klotz. "Hier, wusste ich doch, dass ich das noch irgendwo rumliegen hatte", sagte er und streckte mir das Ding hin: ein zerkratztes Nokia-Handy aus grauer Vorzeit.

"Und ... was soll ich damit?", fragte ich ratlos. "Na, du brauchst doch ein Ersatzhandy, und das hier funktioniert noch einwandfrei. Da ist sogar Snake drauf, dieses lustige Spiel mit der Schlange. Und es hat Speicherplatz für zwanzig SMS!"

"..." Ich schaute meinen Vater entgeistert an, drehte mich um und ging in mein Zimmer. Heulen. Manchmal glaube ich wirklich, dass meine Eltern von einem anderen Stern kommen...

Ernsthaft, ein Handy ohne Onlinefunktion?

Ernsthaft - SMS? Ein Handy ohne Onlinefunktion? So was hat heute keiner mehr. Während man sich früher, als es noch keine Smartphones gab, bewusst dazu entschied, das Modem anzuwerfen, seinen Browser auf dem Computer zu öffnen und ins Internet zu gehen, hat sich diese Frage heute erledigt.

Mit dem Handy ist man immer online und muss seine E-Mails und andere Nachrichten eben nicht mehr bewusst checken, sondern bekommt sie automatisch auf dem Gerät angezeigt, ohne dass man irgendwas anschalten, geschweige denn sich extra irgendwo einloggen muss.

Die meisten Leute in meinem Alter geben für ihren Handyvertrag monatlich fünfzehn bis dreißig Euro aus und haben damit genug Datenvolumen, um den ganzen Monat über sorgenfrei im Internet zu surfen.

Und hat man doch mal mehr Megabyte runtergeladen als vertraglich abgedeckt, heißt das noch lange nicht, dass man bis zum Rest des Monats offline ist, nein, lediglich die Surf-Geschwindigkeit reduziert sich auf ein Minimum, was beim Benutzen ganz normaler Messenger-Apps wie WhatsApp, bei denen hauptsächlich Texte ausgetauscht werden, nicht mal groß auffällt.

Und wenn man dann doch mal unbedingt das Highspeed-Internet braucht, sucht man sich halt irgendwo ein freies WLAN oder bestellt bei seinem Anbieter für ein paar Euro neues Datenvolumen nach. Es gibt also keinen Grund, auch nur eine einzige Minute offline zu sein.

Platz Zwei: Mein Computer

Auf Platz zwei meiner meistgenutzten Geräte kommt mein Computer. Ihn schalte ich normalerweise ein, um Sachen zu erledigen, die länger dauern als fünf Minuten. Wenn ich etwas für die Schule machen muss zum Beispiel oder wenn ich mir ein paar Folgen irgendeiner Serie reinziehen will.

Für alles, was weniger Zeit braucht, benutze ich mein Tablet. Wenn mir mein Freund Paul beispielsweise einen Link zu seinem neuesten YouTube-Fundstück schickt, lohnt es sich nicht, dafür extra den Computer anzuschalten - bis der hochgefahren ist, habe ich Pauls Clip auf meinem Tablet zweimal geschaut!

Ich haue mich in meinen Sitzsack und gucke, was er mir schon wieder empfiehlt (den Trailer zum neuen FIFA 17, ein Game, auf das ich scharf bin - dazu später mehr). Weil das Display vom Tablet so viel größer ist als das vom Smartphone, macht das Schauen gleich viel mehr Spaß. Und ja, genau das macht es zur megawichtigen Ergänzung zu Smartphone und PC.

Natürlich sind alle meine Geräte miteinander verknüpft, weil ich ja von überall die gleichen Konten benutze. So finde ich den mit dem Smartphone auf YouTube abonnierten Kanal automatisch auch auf

meinem PC und meinem Tablet in den Favoriten und muss das nicht für jeden Dienst dreimal anlegen. Das Gleiche gilt für Suchhistorien, Chatverläufe, Posts auf Social-Media-Plattformen...

'Cloud' heißt das Zaubertwort

Handy und Co sind quasi Werkzeuge, mit denen ich auf dieselben Accounts zugreife, deren Inhalte komplett online gespeichert sind. Selbst wenn ich auf meinem Computer ein Word- Dokument erstelle, ist das nicht nur auf dieses eine Gerät beschränkt, sondern auch über mein Handy und mein Tablet zugänglich.

'Cloud' heißt das Zauberwort, das einen Speicherplatz im Internet bezeichnet, den man heutzutage überall dazu- bekommt oder für wenig Geld kaufen kann. Ich benutze zum Beispiel die Cloud von Office, die mit fünfzig GB mehr als genug Speicherplatz für alle meine Dateien bietet.

Das ist verdammt praktisch und spart mir das umständliche manuelle Synchronisieren. Ich erinnere mich noch gut an das Chaos im Prä-Cloud-Zeitalter, als man sich stän- dig fragen musste, auf welchem verfluchten Gerät man die Datei mit dem scheiß Deutschaufsatz abgelegt hatte. "Sorry, hab vergessen, meinen PC mit dem Tablet zu synchronisieren", zieht bei meinem Deutschlehrer leider nicht.

Übrigens teilen sich meine Mutter, mein Vater, meine Schwester und ich uns eine eigene Familien-Cloud, in der wir zum Beispiel unsere Fotos ablegen, wo sie bequem für alle zugänglich sind. Meine Eltern sind da doch überra- schend fortschrittlich.

Meine Mutter besitzt einen eigenen PC, dazu ein Smartphone und ein iPad, und mein Vater hat sein eigenes Notebook und mittlerweile ebenfalls ein Smartphone, was praktisch ist, weil sie so die Notlage erkennen, wenn mal eines meiner Geräte kaputtgeht, und eine Neuanschaffung finanziell unterstützen.

Weniger Verständnis bringen sie auf, wenn's darum geht, eines der Gadgets zu ersetzen, obwohl es noch funktioniert. Dabei ist das manchmal genauso wichtig, zum Beispiel immer dann, wenn ein Gerät seinen zweiten Geburtstag feiert.

Mein zwei Jahres altes Smartphone ist uralt

Mit zwei Jahren hat ein Smartphone einfach schon das Greisenalter erreicht, und es gibt keinen Teenager, der nicht spätestens jetzt sehnsüchtig auf ein aktuelles Modell mit schnelleren Funktionen schielt.

Schließlich hat immer irgendjemand in der Schule gerade Geburtstag und damit Zugang zum Allerneuesten, sodass man ziemlich schnell hinterherhinkt, wenn man nicht ständig mithält.

Mehr zum Thema: Nicht ohne mein Handy

Also geben wir Teenager generell viel von unserem eigenen Geld für Handys und Co aus, denn - ich erwähnte es ja schon -, Weihnachten und der eigene Geburtstag sind einfach zu selten. Ein Umstand, der nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere lieben Eltern zuweilen ziemlich anstrengend wird.

Letztes Jahr hab ich mir zu Weihnachten ein neues Smartphone gewünscht und meinen Eltern vier Wochen vor Heiligabend ganz genau eingeimpft, wel- ches Modell es sein musste, nichts ahnend, dass nur zwei Wochen später ein noch viel cooleres auf den Markt kommen würde.

"Mama, Papa!", begann ich am Esstisch, nachdem ich ein paar Stunden zuvor das neue Objekt meiner Begierde entdeckt hatte. "Es gibt ein neues Samsung, das ich doch lieber haben will als das Modell, das ich mir zuerst gewünscht hab."

What the ...?

Ich wollte meinen Eltern gerade den Namen und die Vorteile dieses neuen Geräts erläutern, damit auch ja nichts Falsches im Einkaufswagen landen würde, da unterbrach mich meine Mutter: "Wir haben dein Geschenk doch schon gekauft."

"Ja, aber ihr habt doch noch den Kassenzettel, oder?" "Natürlich, aber ..."
"Na, dann ist es ja kein Problem, das umzutauschen!" Genervt ließ meine Mutter die Gabel auf ihren Teller sinken. Ich wusste, wie sehr sie Elektromärkte hasste, gerade zur Vorweihnachtszeit.

"Danke, Mama!", grinste ich. Als wir ein paar Wochen später Bescherung feierten und meine Eltern mir mein Geschenk überreichten, schaute ich sie nur verwirrt an. Das Päckchen war viel zu klein und zu flach für einen Smartphone-Karton. What the ...?!

Mehr zum Thema: Die Digitalisierung muss schon früh im Schulalltag ankommen

In Sekundenschnelle zerriss ich das Geschenk- papier mit dem rot-goldenen Weihnachtsmuster - und hielt einen Gutschein vom Elektromarkt meines Vertrauens in den Händen.

Nicht das erwartete Smartphone, aber genug Geld, um es zu kaufen.
"Wir dachten, so ist es einfacher - für dich und für uns." Meine Mutter grinste.
Manchmal sind Eltern eben doch gar nicht so doof.

Dieser Beitrag ist Auszug aus dem Buch "What's App, Mama? - Warum wir Teenies den ganzen Tag online sind - und warum das okay ist".

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