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Mit Führerscheinkampagne Grenzwerte hoch setzen

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Der DHV gegen die derzeitige Führerscheinregelung

Wer meint, wir würden in einer aufgeklärten Zeit leben, der irrt und beweist lediglich, inwieweit er bereits in unserem Informations-Unfug-Flutungssystem verblödet wurde. Im Gespräch am Infostand mit einer Mutter rund um die neue Führerscheinkampagne vom Deutschen Hanfverband ging es dann zurück bis in Anslingers Zeiten, deren Nachwirkungen wir noch immer korrigieren wollen.

Die Mutter hat zwei Fallbeispiele vor Augen: Einer ist mit Alkohol, der andere mit Marihuana gescheitert, schlimm sind nur die schlimmen Substanzen. Dieses Marihuana wäre dabei wenigstens genauso schlimm und auch genauso gefährlich wie der Alkohol. Das wäre sogar glatt das Selbe, auch wenn es um den Führerschein geht. Alle Erklärungsversuche, dass Cannabis bei einem kalten Entzug eben nicht tödlich wie beim kalten Alkoholentzug enden kann sowie es dementsprechend kein körperlicher, sondern höchstens ein psychischer Entzug mit einigen schlaflosen Nächten ist, wollte diese Person nicht wahr haben. Dass viele Menschen es medizinisch brauchen und deswegen nicht einfach absetzen können, konnte nicht einmal mehr gesagt werden. Die Antwort würde wie so oft lauten: „Da kannst mal sehen, wie schlimm das Zeug abhängig macht, wenn man nicht mehr ohne kann." Nun würde gewiss keiner auf die Idee kommen, einem zuckerkranken Menschen auf Insulinentzug zu setzen, damit es ihm wieder besser geht. Bei einigen Erkrankungen kann der Cannabisverzicht ebenfalls tödlich enden, z.B. bei Epilepsie, bei der es wenig THC und viel CBD sein soll.

Aber dieses eine Beispiel zeigt doch, wie dick die Balken vor den Köpfen der Menschen sind, die wir noch zersägen müssen. Dass ich mich besoffen erst recht an das Steuer setze, da ich einem Kontrollverlust erliege, bekifft jedoch nicht mehr fahren möchte oder wenigstens vorsichtiger fahre, war kein Argument, da das eh alles das Gleiche ist. Die Statistiken aus den US Bundesstaaten, die medizinisch legalisierten, besagen etwas anderes: Schwere Unfälle gingen um 9% zurück. Wer bekifft fährt, fährt vorsichtiger und baut vielleicht mehr Unfälle, aber weniger schwere Unfälle. Deswegen möchte der Deutsche Hanfverband eben nicht, dass man bekifft fahren darf. Er möchte lediglich die Grenzwerte hoch setzen und mit abgestuften Grenzwerten die erwischten Fahrer unterschiedlich hart abstrafen. Er möchte jedoch nicht, dass jemand mit zu hohen THC-COOH Werten (Abbauprodukt vom THC) oder mit minimalen und damit nicht berauschenden THC Konzentrationen direkt seinen Führerschein verliert. Vermutlich hat besagte Mutter auch das nicht verstanden, dass wir eben nicht wollen, dass alle völlig zugekifft Auto fahren dürfen und wird in ihrem Bekanntenkreis allen vom „kiffen macht dumm" erzählen.


Zur Führerscheinkampagne ab 6:24

Warum nüchterne Fahrer ihren Führerschein verlieren

Der Alkohol ist also kulturell etabliert, gesellschaftlich anerkannt und die Alkoholwerbung darf den Kindern auch direkt vor die Augen gehalten werden. Diese sitzen eh dabei, wenn ihre Eltern sich besaufen und kennen das doch, also kulturell etabliert. Dass allein in Deutschland jedes Jahr zehntausende Menschen durch die Folgen vom Alkoholkonsum versterben oder Millionen Bürger gesundheitlich leiden, das ist immerhin das Recht zur freien Selbstentfaltung, in dem eine Selbstschädigung verschmerzt werden kann. Wo kommen wir denn da hin, wenn die in unsere Wohnzimmer kommen und uns was verbieten oder gebieten wollen? War da nicht schon mal so was?

Marihuana gilt in Deutschland derzeit leider nicht als anerkanntes und toleriertes Genussmittel, obwohl sich noch keiner tot gekifft hat und die Folgen vom Kiffen für die Gesundheit und Psyche im Gesamtschnitt erheblich weniger schlimm ausfallen, als wenn man es mit dem Alkoholkonsum vergleichen würde. Denn wenn auch Einzelne durch übermäßigem Konsum Schaden nehmen, so kann man es doch nicht auch allen anderen damit verbieten? Doch, wenn nicht über das Strafrecht, dann halt über das Führerscheinrecht. Wer mit geringen Restmengen THC am Steuer erwischt wird, die keine Rauschwirkung mehr auslösen können, hat dennoch erst einmal ein Problem. Sind die Abbauprodukte (THC-COOH) zu hoch, dann wird regelmäßiger Konsum unterstellt, womit zugleich ein mangelndes Trennungsvermögen gefolgert wird, womit der Lappen weg ist.

Wer in eine Kontrolle gerät, soll nie auf diese Vorkontrollen mit in die Augen Leuchten oder einem Drogenschnelltest eingehen und niemals Aussagen zu seinem Konsum machen. Am besten zeigt man nur seine Papiere, hat den Führerschein jedoch vergessen (gibt nur ein kleines Bußgeld aber man hat den Lappen noch), und sagt gar nichts. Wenn die Beamten darauf bestehen, kommt man mit zum Blutabnehmen, erklärt jedoch den Beamten und dem Arzt, dass das gegen den ausdrücklichen Willen passiert. Wenn man negativ getestet wird, kann man zum Anwalt gehen und den Beamten wegen Körperverletzung eine Klage rein drücken und sich bei der Polizei bei entsprechender Stelle über die Beamten beschweren, auch hier hilft der Anwalt weiter.

Das Abbauprodukt vom THC oder geringste THC Mengen sind also nicht berauschend und dennoch wird den Bürgern der Führerschein entzogen. Ab bereits 1 ng THC pro ml Blutserum ist der Grenzwert überschritten, ab dem automatisch etwas passiert. Wenn einem regelmäßiger Konsum mit mangelndem Trennungsvermögen unterstellt wird, kann man auch komplett clean sein und muss mit Pech durch Drogentests beweisen, dass man nüchtern ist. Alle Maßnahmen werden von einem selber bezahlt. Weiterhin muss man nicht am Steuer aufgegriffen oder im Straßenverkehr kontrolliert werden, damit die Meldung an die Führerscheinstelle raus geht, die im Übrigen unabhängig zum Strafrecht ganz anders funktioniert. Wenn die nicht wollen, dann wollen die eben nicht und man hat kaum eine Handhabe.

Das kann nicht sein, dass nüchterne und sorgsame Fahrer ihren Führerschein verlieren. In anderen Ländern ist der Grenzwert teils um den Faktor 10 höher. Dass es hier zum Verkehrscaous käme, kann eben nicht berichtet werden. Selbst der zehnmal höhere Grenzwert ist für die Verkehrssicherheit ok, wobei man davon ausgeht, dass nicht 10 sondern 3 ng THC pro ml Blutserum der 0,5 Promillegrenze Alkohol gleich kommen. Wie bereits erklärt: Alkohol und Marihuana sind eben nicht das gleiche. Alkohol enthemmt und man fährt riskanter. THC macht einen jedoch vorsichtiger sowie man merklich bekifft nicht mehr fahren will.

Dafür möchte die Führerscheinkampagne „Klarer Kopf. Klare Regeln!" vom Deutschen Hanfverband sensibilisieren und die Grenzwerte hoch setzen sowie abgestufte Grenzwerte für verschieden starke Sanktionen erwirken.

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Wie die Oma drei mal in die Mülltonne rein fährt

Es ist wirklich unglaublich, wie deutsches Führerscheinrecht funktioniert. Jemand mit Sehfehler erklärte, als er zum dritten Mal jemanden in der gleichen Situation übersehen hat, hat er kein neues Auto gekauft, seinen Lappen hat er noch heute. Das passt zu einer persönlichen Beobachtung. Eine ältere Frau setzt rückwärts aus der ihr gut bekannten schmalen Straße raus, da man hier eben nur rückwärts wieder raus kommt. Es steht noch die geleerte Mülltonne an der Straße. Sie führt einmal rein, die Mülltonne kippt nicht. Sie blickt sich um, setzt wieder ganz langsam zurück und das gleiche Spiel dann sogar noch zum dritten Mal. Dann habe ich sie erreicht, die Mülltonne zur Seite gesetzt und eine gute Fahrt gewünscht.

Genau das sind keine Einzelfälle. Solange nichts passiert und es noch irgendwie geht, ist das auch noch irgendwo ok. Aber wenn man bereits zum dritten Mal einen schweren Satz baut und immer in der gleichen Situation, stellt sich doch die Frage, warum denn an diesen entscheidenden Stellen nicht geschaut wird, während nüchtern fahrenden Kiffern der Lappen für bloße Unterstellungen vom mangelnden Trennungsvermögen abgenommen wird.

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