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Arbeiten fürs Wirtschaftswachstum

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Arbeiten wir zum Leben oder für die Bilanz?

Unser Wirtschaftssystem ist derart komplex, dass es selbst die Finanzprofis nicht mehr erklären könnten und doch ist es ganz einfach: Wir nehmen einen Kredit, um das Geld zu schöpfen, mit dem wir investieren. Wir verbrauchen dabei Güter und Dienstleistungen, an denen andere verdienen und an verschiedenen Stellen Steuern gezahlt werden. Möglicherweise investieren wir nicht in den Karibikurlaub sondern in eine Unternehmung, mit der aus der Investition heraus ständig Rückflüsse generiert werden. Dann kann mit diesen der Kredit getilgt werden, ansonsten muss das über einen anderen Weg geschehen.

Was daran ist einfach? Wir haben kein Geld aber durch den Kredit wird dieses quasi aus dem Nichts geschöpft. Unabhängig dazu, ob mit Raten oder mit einer Schlusssumme getilgt wird, gibt es für den Kredit zwei wichtige Werte, wenn man Bearbeitungs-, Abschluss- und andere Gebühren außer Acht lässt. Es gibt den Zinssatz und die Inflation. Damit der Geldgeber am Kredit verdienen kann, muss der Zinssatz zwingend über der Inflationsrate liegen.

Rechenbeispiel:

100 Euro werden geliehen und mit 10% Verzinsung hätte der Bänker 110 Euro. Liegt die Inflation bei 5%, dann bliebe ihm eine Kaufkraft von nicht diesen 100 oder 110 x sondern 104,5. Liegt die Inflation hingegen bei 30%, dann landet diese Kaufkraft bei 77 x. Da dieses Geld ohnehin quasi aus dem Nichts geschöpft wurde und nur als digitale Zahlen existiert, wäre das dann schlimm oder nicht schlimm? Es wäre schlimm für alle, die einen Kredit beantragen, wenn der Bänker bilanztechnisch drauf zahlt, da dieser kaum noch ein Interesse an der Kreditvergabe hätte und sein Geld lieber in Hebelprodukte verzockt, um sich anschließend retten zu lassen. Es wäre damit schlimm für die Wirtschaft, die auf ihr Wachstum angewiesen ist, wenn einfach das dafür notwendige Geld nicht in die reale Wirtschaft sondern die digitale Finanzwirtschaft fließt.

Der Bänker muss also einen Zinssatz oberhalb der Inflation finden. Aber der Kreditnehmer muss weiterhin darauf hoffen, dass überhaupt eine Inflation (Geldentwertung) stattfindet. Gibt es eine Deflation, würde das Geld sozusagen an Wert gewinnen. Wer eine Million auf dem Konto hat, macht auch bei Nullzinsen Gewinn. Wer eine Million Miese hat, macht auch bei Nullzinsen Verlust.

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Was hat das mit dem Wirtschaftswachstum zu tun?

Jetzt endlich kommen wir neben der Inflation und Deflation samt Zinssatz als Ergebnisse aus der Wirtschaftsleistung eines Landes zum Wirtschaftswachstum. Als Privatbürger kann man die private Insolvenz beantragen. Als Unternehmen kann man in die Insolvenz gehen. Als großes Unternehmen wird man gerettet. Aber was ist mit den Staaten, die dann retten müssen? Diese leben seit Jahrzehnten auf Pump und werden ihre Schulden nie zurück zahlen. Sie erhalten ihre Einnahmen aus Steuern auf Löhne, Gewinne und Umsatz. Wenn der Schuldenberg laufend wächst, müssen auch die Einnahmen laufend wachsen. Das geht wiederum nur, wenn die Wirtschaft und somit die Steuereinnahmen laufend wachsen. Deswegen arbeiten wir weniger zum Leben als für die Bilanzen. Wir haben eigentlich in unserer Überproduktivität von allem genug und müssten nur sinnvoller Produzieren, sinnvoller Dienstleistungen erbringen und sinnvoller verteilen. Sobald das nicht über Kredite finanziert wird, wäre diese Wirtschaft nicht mehr vom Wachstum oder einer Inflation abhängig sondern könnte einfach sagen: „Wir haben jetzt alles und machen Kurzarbeit für alle bei vollem Lohnausgleich." Link?

Die schlimme Deflation

Die Geldmenge wächst seit geraumer Zeit aber seit 2008 wächst sie in den USA, in der EU und in anderen Währungsräumen extrem. Wenn auf die gleiche Warenmenge immer mehr Geld trifft, dann müsste eine sprunghafte Inflation einsetzen. Dabei fürchten sich doch gerade die „Experten" innerhalb der EU vor der Deflation. Die Staaten, Privathaushalte und viele Unternehmen sind verschuldet oder kritisch verschuldet. Der Deflation könnte man mit negativen Kreditzinsen begegnen, damit sich das ausgleicht. Man leiht sich 100 Euro und muss nur 90 zurück zahlen, so verrückt sind die Wirtschaftskonsorten, darüber bereits nachzudenken. Sparer fürchten bereits jetzt die Negativzinsen. (Link Bargeldabschaffung.)

Aber was macht denn der Konsument in einer Deflation? Er hebt sein Geld ab, legt es unter das Kopfkissen und wartet auf den Wertzuwachs. Damit wird die Deflation angeheizt, es wird das Geld aus der Wirtschaft gezogen und die Steuereinnahmen werden sinken, der Staat kann nicht mal seine laufenden Schuldzinsen tilgen. Dabei kann die Geldmenge weiterhin ausgeweitet werden. Aber das Geld im digitalen Finanzsystem und das Geld unter dem Kopfkissen der Konsumenten sind nicht in der wirklichen Wirtschaft. Hier ist immer nur das Geld, was wirklich zur Ladenkasse hin bewegt wird. Ansonsten hätten wir aufgrund der digitalen Geldmengen bereits jetzt eine extreme Inflation.

Sollten dann aber alle ihr Geld horten und irgendwann zugleich zur Ladentheke bringen, wird die Hyperinflation eintreten. Nur das Geld, das auf Waren und Dienstleistungen stößt, entscheidet über die Rate der Inflation oder Deflation. Das Unabhängig zu dem, wie viel Geld überhaupt im System ist. Denn die Menge der Waren und Dienstleistungen ist endlich. Welche Zahlen auf den Geldscheinen stehen, um diese zu beanspruchen, ist dabei nebensächlich.

Anders wäre es, wenn man wie einst in den USA wieder mit Hanf bezahlen würde, weil dieser nicht in unendlicher Menge aus dem Nichts per Knopfdruck erzeugt werden kann.

Der Kampf gegen die Deflation

Wer Öl ins Feuer gießt, löscht es nicht. Damit Investitionen getätigt werde, damit Geld in die Wirtschaft gepumpt wird, werden bereits Negativzinsen auf Einlagen und Nullzinsen für Kredite vergeben. Warum funktionierte das noch nicht und wie würde es funktionieren? Dann lest doch noch mal den vorherigen Artikel: Egal, wie groß diese digitale Geldmenge oder wie dick das Kopfkissen sind, in dieser realen Wirtschaft befindet sich nur das Geld, dass zu den Ladenkassen fließt. Nur dieser Geldbetrag entscheidet darüber, in welcher Höhe die Inflation oder Deflation ausfallen werden. Auch wenn es in der Wirtschaft 100 Euro gibt aber nur für 10 Euro eingekauft wird, dann kosten die gleichen Waren eben 10 Euro. Werden aber 100 Euro ausgegeben, dann kosten diese Waren 100 Euro. Es gibt halt nur diese Warenmenge und auch Dienstleistungen kann man nur im begrenzten Umfang leisten. Welche Zahlen auf den Geldscheinen stehen, ist dabei belanglos. Es entscheidet, wie viel von diesem Geld auch zum tatsächlichen Einkaufen genutzt wird.

Deswegen laufen wir Gefahr, in die Deflation zu rutschen, da die Unternehmer in der Überproduktion nicht investieren und die Reichen alles haben und nicht noch mehr Geld ausgeben möchten. Aber was ist mit den armen Menschen? Diese hätten jetzt direkt einen Bedarf. Diese Menschen verzichten bereits auf vieles. Sobald diese Menschen Geld in die Hände kriegen, lösen sie Kredite aus und/oder bringen es zur Ladenkasse. Damit wäre dieses Geld in dieser Wirtschaft, in der die Inflations- und Deflationsrate entstehen.

Solange wir in unserem perversen Wirtschaftssystem den Reichen geben indem wir den Armen nehmen, rennen wir auf den Abgrund zu. Wir müssen es den Armen geben, die nicht anders können, als es zur Ladenkasse zu bringen. Und über die Geldmenge, die diesen armen Menschen gegeben wird, lässt sie die Rate der Inflation oder Deflation deutlich genauer justieren, als wenn denen gegeben wird, die bereits haben und es mit auf den verschimmelnden Haufen packen.

Unser Alltag sieht anders aus: Damit der Staat mehr Steuern einnimmt, müssen wir mehr arbeiten, verdienen dabei weniger und sollen dennoch mehr konsumieren. Wir sollen also nicht für uns sondern für die Bilanzen arbeiten und gehen dabei als gesamtes schneller werdend kaputt. Aber den Reichen wird gegeben und wer zu den großen gehört, kann sich retten lassen. Solange, bis es sich nicht mehr retten lässt und dann zwangsläufig alles untergeht.