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Abgestufte Verarmung - wir werden Wettbewerbsfähiger

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Politik ist Kabarett bis zum erbrechen

Wie soll die griechische Wirtschaft wieder Fahrt aufnehmen? Sie soll wettbewerbsfähiger werden. Wie wird die griechische Wirtschaft wettbewerbsfähiger? Löhne kürzen, Arbeitnehmerrechte über Board werfen, das Sozialsystem abschaffen, die offene Sklaverei wieder einführen.

Seit Schröder hat das bei uns in Deutschland doch auch ganz gut geklappt. Innerhalb von Europa ist Deutschland immerhin das wirtschaftlich starke Land mit der schwarzen Null in der Bilanz. Was für uns gut genug ist, ist es doch auch für alle anderen.

Wer jetzt noch nicht kotzen muss, hat es noch nicht ganz begriffen. Mit einem wirtschaftlich starken Deutschland nehmen andere Marktwirtschaften innerhalb der gleichen Währungszone Schaden. In Griechenland, in Italien und in Spanien ist das bereits der Fall und was derzeit aufgrund der Einschränkungen der Arbeitnehmerrechte in Frankreich passiert, davon kriegen wir nicht das meiste zu sehen.

Wenn innerhalb der Eurozone Deutschland ganz attraktiv ist, dann wird hier investiert und nicht in den anderen EU Ländern. Diese müssen jetzt wettbewerbsfähiger werden, solange, bis dort die Wirtschaft anzieht. Das tut sie jedoch nicht, da diese Länder möglicherweise aufgrund der Verarmung in den Bürgerkrieg rutschen oder die Einheimischen nur noch eine geringe Kaufkraft haben.

Würden diese Länder wettbewerbsfähiger werden, würde Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und man würde uns erklären, wir müssen Schröder noch mal wählen und erneut wettbewerbsfähiger werden. Wer bis zur Rente verhungert ist, spart uns enorm viele Kosten ein und wir können noch billiger irgendwas herstellen. Wer nicht verhungern möchte, kann bereits jetzt sein gerade eben Erbrochenes erneut essen. Es ist nicht vegan.

Wie funktioniert die abgestufte Verarmung?

Die abgestufte Verarmung funktioniert immer nach diesem Prinzip: „Uns geht es doch noch gut, sieh mal dort hin, da geht es den Menschen noch schlechter." Damit das funktionieren kann, muss es zumindest augenscheinlich vor Ort oder auch wo anders Menschen geben, denen es noch schlechter als einem selber geht.

Die anderen können sich halt kein Smartphone leisten. Oder für alle, die sich kein Smartphone leisten können: Die anderen haben nicht mal was zu fressen. Das ist das Alibi für jeden Schwachsinn, den die „Schröders" sich so ausdenken. Sobald wir unsere Arbeitnehmer besser behandeln und entlasten, zieht die ganze schöne Wirtschaft ab und wo anders haben die Menschen Arbeit.

Deswegen müssen wir schon jetzt noch wettbewerbsfähiger werden, damit die Wirtschaft gar nicht daran denkt, in Griechenland oder direkt in Afrika zu investieren. „Nur so können wir unseren Lebensstandard langfristig erhalten", ist dabei die Lacheraussage.

Aber die dort hinten müssen erst mal wettbewerbsfähiger werden, um ihre Schulden bei unserer Deutschen Bank oder Tante Merkel zu bezahlen. Denn wenn nicht, dann zahlen wir die Zeche. Aber wenn wir jetzt bereits wettbewerbsfähiger werden und nicht mal über den Monat kommen, wären wir dann ziemlich pleite. Also noch mehr Pleite als jetzt schon.

Wir leben in der Überproduktion

Die EU verbrennt Lebensmittel, Neuwagen rosten vor sich hin und da wir nicht noch mehr greifbare Leistungen beanspruchen wollen, wird der Dienstleistungssektor oder das Krankensystem ausgebaut. Ausbildung, sich kaputt arbeiten und sich dann pflegen lassen, um damit anderen Arbeit geben. Dann wächst das Bruttosozialprodukt. Das wurde übrigens in das Bruttoinlandseinkommen umgetauft, damit weniger Leute kotzen müssen.

Wir werden innerhalb von unserem gesellschaftlichen Wirtschaftssystem mit all der Werbung und der Medienverblödung zum Konsum hin erzogen, damit mehr Umsatz in den Bilanzen entsteht. All das macht uns jedoch ab einem gewissen Punkt krank und raubt uns die Lebensqualität.

Vielleicht auch deswegen werden alternative Szenen wie die Blumenkinder, Kiffer, Ökos usw., die weniger Waren und Dienstleistungen konsumieren, ideologisch stigmatisiert und bekämpft. Mit denen stimmen die Bilanzen einfach nicht.

Wenn wir mit moderneren Maschinen mehr Produkte fertigen und in der Digitalen Welt mehr Dienstleistungen erbringen, dann sollten wir weniger Arbeiten, um mehr Zeit zum Konsumieren zu haben. Oder wofür ist all das? Jetzt haben viele bereits nur noch halbe Stellen und hätten doch genug Zeit zum konsumieren. Es fehlt ihnen das Geld, da wir bereits wettbewerbsfähiger sind. Das bedeutet, dass wir arbeiten und andere konsumieren. Das müssten wir den Pleitegriechen jetzt aber bitte noch erklären, dass sie uns den ganzen Mist auch abkaufen. Sonst stehen wir damit da.

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Ist die Menschheit im Kollektiv wirklich intelligent?

Es funktioniert also alles nicht und deswegen müssen wir oder die Griechen auch nicht wettbewerbsfähiger werden. Wer Arbeit hat, sollte etwas weniger arbeiten, dann haben auch andere Arbeit. Und wer weiterhin keine akzeptable Arbeit findet, sollte dennoch existieren können. Arbeit soll sich natürlich lohnen und das auch auf dem Bankkonto. Aber so wettbewerbsfähig, wie wir in Deutschland sind, tut es das bei immer mehr Leuten jetzt schon nicht mehr.

Weiterhin sollte man natürlich nur sinnvolle Produkte und Dienstleistungen bieten, die nicht uns oder die Umwelt krank machen. Wir müssten also einfach solidarischer die Früchte unserer Arbeit verteilen, ohne einander auszubeuten. Dann würde unsere Überproduktivität zu mehr Freizeit und Wohlstand für alle führen und soziale Probleme würden nicht die Sicherheit unserer Gesellschaftssysteme gefährden.

Um es noch anzufügen: Viele Menschen sind für ihr gutes Gewissen an der Ladenkasse zu loben und das hat sogar eine Signalwirkung, mehr aber nicht. Wir Verbraucher haben nicht die Macht, uns die Welt schön zu kaufen, da es sich zu viele nicht leisten können oder wollen. Jeder einzelne sollte hier und da mitmachen, er ist für sich alleine aber nicht dafür verantwortlich.

Die entscheidenden Veränderungen können nur aus dem System heraus kommen, in dem wir leben, an dem wir aber dringend für die notwendigen Veränderungen mitwirken sollen. Solange das aber nicht passiert, wird sich so gut wie nichts ändern. Zum jetzigen Zeitpunkt wird es tendenziell offensichtlicher schlechter, da sich das System nicht neu ausrichten will. Wenn es nicht durch uns alle dazu bewegt werden kann, sind wir bis zum Renteneintritt verhungert, das spart Kosten und sichert Profite.

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