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Unschuldig schuldig: Wie aus einem Top-Manager ein Krimineller wurde

12/08/2017 16:01 CEST | Aktualisiert 12/08/2017 16:02 CEST
skyNext via Getty Images

Noch 7 Minuten. "Was machen die Kinder?", fragte Leon Artles. Er dämpfte die Stimme. Nötig war das nicht. Aber er mochte es so. Es versetzte ihn in eine heimelige Stimmung. Als säße er an den Betten seines Sohns Ben und seiner Tochter Anna und erzähle ihnen Gute-Nacht-Geschichten.

Die Vorstellung ließ Leon die Augen feucht werden. Vielleicht auch, weil er vor einigen Wochen von zu Hause ausgezogen war. Mit dem lachsfarbenen Taschentuch tupfte Leon eine Träne ab.

Er genoss das Gefühl der verpassten Möglichkeiten und der kleinen Tragik. So wie er auch seine wiedergewonnene Freiheit genoss.

"Ben putzt gerade Zähne", sagte Marie am anderen Ende der Leitung. Marie und Leon waren weiterhin verheiratet, Leon liebte seine Frau. Besonders wenn er nicht mit ihr unter einem Dach leben musste. Marie sagte: "Von Anna habe ich nichts gehört. Das werten wir als gutes Zeichen?"

"Denke schon. Sollten wir."

Leons Blick löste sich von der Kladde mit seinen Aufzeichnungen, schweifte über den Hafen.

Anna würde er für zwei Wochen nicht sehen. Aber er freute sich auf Ben. Dem könnte er heute Abend aus Harry Potter vorlesen. Leon musste nur zusehen, rechtzeitig aus der Firma zu kommen. Es wäre schade, sich bis hinter Volksdorf aus der Stadt zu quälen, um dann nur noch einen schlafenden Ben in seinem Bettchen zu sehen.

Es musste heute klappen. Morgen käme er nicht dazu, Ben zu besuchen. Morgen stand der Termin in London auf dem Programm. Dafür würde er früh aufstehen, um vor dem Berufsverkehr durch das Nadelöhr an der Fuhlsbütteler zu flutschen.

Dann erwischte er den Frühflieger, bräuchte nur einmal in London übernachten und wäre vorm Wochenende zurück.

Natürlich könnte er stattdessen den eifrigen Heilenegger nach London schicken. Heilenegger würde sich ein Bein ausreißen, um den Londoner Auftrag für die Firma an Land zu ziehen. Genau das aber war das Problem. Heilenegger wurde Leon zu eifrig. Er wollte ihn auf Abstand halten. Besser Leon machte den Londoner Deal selbst.

Noch 3 Minuten.

"Danke auch für die Rosen, Leon", sagte Marie. Sie holte seine Gedanken zurück.

"Gerne", erwiderte er.

Es war der Jahrestag ihrer Hochzeit. Die iPhone-Kalender-App hatte ihn erinnert, die Schmocke hatte das Nötige veranlasst.

"Leon, wir hatten eine schöne Zeit."

Wohl wahr, Marie. Aber es ist vorbei.

Noch 1 Minute.

Leon holte das Hugo Boss-Jackett von der Lehne. "Ich muss Schluss machen, Marie. Die Arbeit ... du weißt." Natürlich wusste sie, und er dachte, sie würde noch fragen, wie es mit seinem persönlichen Lieblingsprojekt stünde. Aber sie fragte nicht. Sonst erkundigte sie sich immer.

Nun gut. Er beendete das Gespräch, klappte die Kladde zu.

Sie war in weichem Kalbsleder gebunden, das glänzend geworden war, da er die Kladde oft zur Hand nahm. Er schrieb viel hinein. Nach Feierabend, wenn die Büros der Kollegen sich geleert hatten.

Sein persönliches Projekt. Keiner wusste davon. Nur er und Marie. 0 Minuten. Das rote Lämpchen leuchtete auf. Er nahm ab.

"Herr Artles, die Konferenz. Ich sollte Sie erinnern."

"Vielen Dank, Schmocke. Bin auf dem Weg."

Alle in der Firma nannten sie Schmocke. Eigentlich hieß sie Gertrude Wentzien-Schmockenberg. Sie sah aber nicht so aus. Schmocke war die Assistentin des großen Schach und die Seele der Firma. Schmocke mochte Leon.

Hielt ihn für das größte Talent auf der Etage. Leon Artles warf die Kladde in die Schreibtischschublade, schloss ab und erhob sich mit Schwung. Das Taschentuch drapierte er als Einstecktuch.

"Showtime, Leon."

Fast hätte er sein iPad vergessen, fischte ihn noch vom Schreibtisch. Es sah besser aus, wenn er etwas in der Hand hatte. Brauchen tat er das nicht. Alles war im Kopf. Keine Cloud-Lösung war nötig, kein PowerPoint, kein Flip-Chart. Präsenz war entscheidend. Daran glaubte Leon. Mit Verve betrat er den Konferenzraum.

Es war, wie er es erhofft hatte. Alle waren da. Die Köpfe drehten sich ihm entgegen.

Der große Dr. Dr. h.c. Schach thronte an der Schmalseite des Mahagoni-Konferenztischs. Vor Schach stand nur ein Glas mit stillem Wasser. An den Längsseiten saßen die Abteilungsleiter, der Direktor des Controllings und der eifrige Heilenegger.

Schach tippte auf seine TAG Heuer-Armbanduhr. "Pünktlich wie die Maurer, unser Leon Artles." Dröhnendes Lachen von Schach. Seine Knappen an den Längsseiten stimmten ein.

"Kommen Sie herein, Leon. Wir sind im Zeitplan. Es folgt Punkt 3. Ihr Vortrag, New Century Marketing." Schach hatte bei seinem Amtsantritt die Fliegende Konferenz eingeführt. Die Anwesenheit der Executives war obligatorisch, aber Vortragende aus der zweiten Reihe erschienen just in time. So ging ihre Arbeitszeit nicht durch Konferenzhocken verloren.

Leon baute sich auf der gegenüberliegenden Schmalseite des Konferenztischs auf. Er schaute in die Runde, schob das Kinn vor, blickte durch die Panoramascheibe auf den Hafen.

Es sollte seinen visionären Blick darstellen.

Ruhig sprach er die ersten Sätze. Streute eine Anekdote ein, brachte Fakten und seine Schlussfolgerungen zum New Century Marketing. Man hörte konzentriert zu.

Schließlich kam Leon zu den vier großen "R".

- Reach

- Responsibility

- Relevance

- Revenue

Die oberste Konzernebene liebte englische Fachausdrücke, und Leon Artles gab seiner Stimme amerikanischen Akzent. Vier Jahre war er Marketing Assistent in New York gewesen, bevor er nach Hamburg zurückkehrte.

Die vier großen "R" bildeten den Höhe- und Schlusspunkt seines Vortrags zum künftigen Marketing des Unternehmens, dem New Century Marketing. Als Leon geendet hatte, entstand eine Pause. Schach stützte den Kopf auf, rieb sich am Kinn.

Seine Knappen schwiegen. Sie konnten sich Maßanzüge leisten, aber keine eigene Meinung. Gern hätte Leon das Taschentuch gezogen und die Stirn abgetupft. Er hoffte, sie glänzte nicht. Schach griff zum Glas, nahm einen Schluck. Er stand auf.

Es war erstaunlich, wie klein er blieb. Schach war ein Sitzriese. Während er auf kurzen Beinen zu Leon watschelte, klatschte er dreimal in die Hände, mit gedehntem Abstand dazwischen.

"Famos! Sie sind ein Pfundskerl, Leon! Ich habe es immer gewusst. Sehr überzeugend. Wirklich sehr überzeugend. Genauso machen wir das."

Nun klatschten auch die Knappen Beifall, überschlugen sich in Superlativen zu Leons Ideen, erhoben sich und gingen zu ihm, um ihm auch persönlich - und vor den Augen Schachs - zu dem fantastischen Vortrag zu gratulieren.

Schach scheuchte sie bald zurück. Er mochte es nicht, von so vielen um Kopfeslänge überragt zu werden.

"Setzt euch, meine Freunde. Setzt euch. Ich glaube, jetzt ist der richtige Moment, um euch etwas mitzuteilen."

Er nahm die Schultern zurück und steckte die Daumen in die Armausschnitte seiner Weste.

"Ich habe entschieden. Natürlich in völliger Abstimmung mit unseren Anteilseignern. Dass unser guter Leon Artles. Aufgrund seiner hervorragenden, wirklich herausragenden Leistungen für die Firma. Und aufgrund seines Talents und seines unermüdlichen Einsatzes für die Firma. Mache ich ihn ab Monatsanfang zu meinem Stellvertreter." Schach strahlte.

"Leon Artles - der neue CEO"

Von ihren Plätzen schauten seine Untergebenen zu ihm auf, als habe Gott gesprochen. Alle wussten, was die Entscheidung bedeutete. Leon Artles würde - wenn er nicht noch silberne Löffel stahl - Oberchef der Firma werden.

Der neue CEO. Schach ginge in den Aufsichtsrat. Vom Marketingfuzzi zum CEO innerhalb von nicht mal zwei Jahren. Was für eine Karriere. Leon war zunächst sprachlos. Und er vergaß, das Kinn vorzuschieben. Er war am Ziel seiner Wünsche. Sogar mehr als das. Er machte richtig Karriere.

Dazu hatte er zwei wohlgeratene Kinder. Und eine verständnisvolle Frau, die ihn unterstützte.

Dazu war sein persönliches Traumprojekt "15 minutes of fame" sein großer Hamburger Tatsachenbericht über die Verführbarkeit jeden Einzelnen, welches Leon aus dem Marketing kannte, fast abgeschlossen.

Kurzum: Er war der glücklichste Mann der Welt.

"Danke. Danke." Er sprach mit rauer Stimme. "Euch allen möchte ich danke sagen. Ohne euch, ohne die Unterstützung jedes einzelnen von euch, wäre ich nicht da, wo ich jetzt stehe. Wäre die Firma nicht da, wo sie jetzt steht."

"Leon, wir vertrauen ihnen." Schachs Händedruck war fest und trocken. "Mit ihrer Kraft und ihren Marketingideen sieht das Unternehmen goldenen Zeiten entgegen."

Die Knappen erhoben sich, klatschten Beifall, brachten Hochrufe auf Leon aus. Am lautesten war Heilenegger. Leon badete in dem Jubel.

Schmocke hatte Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Sie hatte die mahagonigetäfelte Tür einen Spalt geöffnet und ihren Kopf hereingesteckt. Frische Dauerwelle, Gleitsichtbrille mit wechselbaren Bügeln: heute Leopardenmuster.

"Entschuldigen Sie, Herr Schach. Hier sind zwei Herren, eine Dame -" Weiter kam Schmocke nicht. Sie wurde beiseitegeschoben. Die Tür flog auf. Die Klinke krachte in die Wandtäfelung.

Zwei Männer in Freizeitkleidung vom Discounter stürmten herein, gefolgt von einer Frau mit Pferdeschwanz.

"Wer von Ihnen ist Leon Artles?", fragte der Erste und Größte von ihnen. Schach stellte sich vor Leon. "Haben Sie einen Termin, meine Herren?" "Herr Artles hat einen Termin. Auf dem Polizeikommissariat", sagte der große Mann, zeigte einen Dienstausweis.

Schach nahm den Dienstausweis und studierte ihn, runzelte die Stirn, gab den Ausweis an Leon weiter.

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Nachdem Leon gelesen hatte, sagte er: "Ich bin der, den Sie suchen, Oberkommissar Möller." Leon sprach ruhig. Dabei raste sein Blut. Warum hatte Möller sich nicht einfach einen Termin geben lassen? Warum kamen die zu dritt, als wäre er ein Schwerstverbrecher, was wollten sie von ihm? Er war der rechtschaffenste Bürger der Welt. Leon fand eine Stuhllehne, an der er sich festhielt.

Vor Schachs Knappen wollte Leon unbedingt Haltung bewahren und sich nicht von Beamten in Freizeitklamotten in die Knie zwingen lassen. Möller erklärte so laut, dass es auch jeder im Konferenzraum mitbekam: "Leon Artles, Sie sind vorläufig festgenommen." War Leon das peinlich.

Möller sagte: "Wir haben zwei Möglichkeiten. Sie kommen gesittet und ohne Aufsehen mit uns. Wir verzichten auf Handschellen und nehmen den Hinterausgang. Oder Sie fangen an zu diskutieren. Kommissar Vered legt Ihnen Handschellen an, wir fahren die 23 Stockwerke hinab und nehmen den Vorderausgang. Dort warten schon Fernsehteams und Stadtblogger, um einige schöne Aufnahmen zu machen."

Schach und seine Knappen hielten die Luft an.

Der zweite Mann, Kommissar Vered, holte Handschellen heraus. Leon fiel die kreisrunde, kahle Stelle auf dem Hinterkopf des Kommissars auf. Die Kettenglieder der Handschellen klackerten in die Stille. Möller fragte: "Wie hätten Sie es gern, Leon. Mit oder ohne Handschellen?"

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Unschuldig schuldig" von Rob Lampe. Es erschien im hansanord Verlag.

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